Ein unscheinbares Schild neben dem Kaufland Gesundbrunnen, ein roter Teppich, ein Eingang wie in eine andere Welt: Paradox.Loom ist weder Laden noch Galerie, sondern ein begehbares Labyrinth zwischen Alltag und Traum. Wer hineinkriecht, kommt verändert wieder heraus.
Ein quadratisches Ladenschild neben Kaufland Gesundbrunnen: Paradox.Loom. Ein roter Teppich führt in das Innere des Ladens, als wäre es ein exklusiver Nachtclub.

Das Kaufland am Gesundbrunnen ist kein Ort zum Verweilen, es ist ein Transitland, ein Durchlauf, einer jener „Nicht-Orte“, von denen der französische Soziologe Marc Augé sagt, sie hätten keine Identität, keine Geschichte – austauschbare Räume ohne Bezug zu einem erkennbaren „genius loci“. Er gibt aber auch gleich zu, dass diese Nicht-Orte nie in Reinform existieren und auch immer von Eigenschaften durchdrungen werden, die sie zum „Ort” machen, also zu Räumen, mit denen wir uns als konkrete Menschen an konkreten Orten verbinden – emotional und lebensweltlich.
Und so ist unser Kaufland zwar auch ein typischer Supermarkt, wie es tausende gibt, die einem genau das zurückgeben, was man in sie als Erwartung hineingibt – „bin hungrig, müde von der Arbeit und hab´ fünf Euro in der Tasche, Tiefkühlpizza kaufen, Fernseher an, Tag vergessen”, das Kind quengelt, weil es UNBEDINGT diese bunt glitzernde Süßigkeit jetzt braucht und so weiter… Bananen. Es gibt Bananen… Einkaufstütenparade, manchmal fällt ein Glas Gurken zu Boden, was für eine Sauerei. Piep, piep. Bleiben sie mal bitte stehen, eine lange Sch-sch-schla-aa-a-nggg-g-g-e-e…e.
Kaufland am Gesundbrunnen ist ein sterbender Ort. Die zukünftigen Einschläge der Abrissbirnen erschüttern den Ort präkognitiv und schlagen subtile Dellen in die empfundene Raumzeit. Es gibt eine Gnadenfrist, aber keiner weiß, wie lange diese dauert (noch zwei Jahre?).
Wo früher ein Schuhladen, ein Handyshop oder eine Eisdiele waren, finden sich jetzt Pop-up-Galerien mit wechselnden Ausstellungen, an den Parkplatzwänden unter dem Einkaufszentrum sprießen großformatige Graffiti, in der sich manch politische Botschaft versteckt.
Einer dieser neuen Orte weckte meine unersättliche Neugier, die noch unersättlicher als mein Heißhunger auf die Lakritzpandabären von Katjes ist, die ich mir gerade gekauft hatte (KEINE WERBUNG! sind trotzdem lecker).
Vor dem Labyrinth
Paradox.Loom stand auf dem quadratischen Ladenschild, das über den runtergelassenen Rolläden hing. Paradoxer Webstuhl… ich ging mit dieser Frage nach Hause und beobachtete bei meinen nächsten Besuchen im Kaufland, ob sich dieser Ort mir offenbaren und seine Pforten öffnen wird.
Wie ein Löwe, der um seine Beute schleicht. oder so ähnlich. Bananen, Gurken, Toastbrot und diese quadratischen Käsescheiben, Waschmittel, oh, Toilettenpapier hätte ich beinah vergessen… Da! an einem Freitagnachmittag waren die Rollläden das erste Mal hochgezogen.
Ein roter Teppich führte in das Innere des Ladens, als wäre dieser ein exklusiver Nachtclub. Da ist die Beute! Schnell auf Tuchfühlung gehen.
„Was ist das für ein Ort”, fragte ich den vor dem Laden stehenden Besitzer, der sich als Tim Schneider vorstellte und eine Mütze und lässige Jeans trug.
„Hier entsteht ein Labyrinth. Möchtest du mal hinein?“
„Heute nicht“, antworte ich. „Ich will erst Vorfreude darauf generieren. Aber beim nächsten Mal?”
„Ich bin hier!”, verabschiedet sich Tim.

Beim Labyrinth
Es wuchs die Idee in mir, über diesen Ort einen Artikel für das Brunnenmagazin zu schreiben. Als der paradoxe Webstuhl wieder einmal geöffnet war (mittlerweile habe ich auch nachgeschaut: Er öffnet von Donnerstag bis Samstag, von 16 bis 20 Uhr), erzählte ich Tim von dieser Idee und wir verabredeten uns für ein Interview. Am kommenden Donnerstag wartete ich auf ihn vor den run-ter-ge-las-sen-en Roll-lä-den, ich war zu früh, hatte mich mal wieder im Irrgarten meines eigenen unorganisierten Zeitmanagements verlaufen. Wer läuft eigentlich alles hier so lang? Wie ist die soziologische Zusammensetzung des zentralen Supermarktes unseres Kiezes? Man nimmt sich viel zu wenig Zeit für solche Alltagsbeobachtungen. Bananen.
„Arne?”, höre ich Tim rufen.
Die Rollläden fuhren nach oben. Rechterhand stand ein Kühlschrank, ein Bett und eine kleine Tischgarnitur, das war der Aufenthaltsbereich, der Empfang, der Treffpunkt – Tim bat mich, kurz Platz zu nehmen, während er den roten Teppich für die Öffentlichkeit ausrollte und Stühle vor den Laden stellte. Der Eintritt war mittlerweile drei Euro. Ich schaute mich um. Linkerhand führte eine weiße, mit vielen Ausbuchtungen und Verwinkelungen versehene Wand bis in die hinterste Ecke des Ladens – als würden lauter kleine Kästchen und Boxen aus der glatten Wirklichkeit herauswachsen und uns ihre Geheimnisse anbieten wollen. „Und, hast du Bock, mal reinzugehen?”, fragte er mich plötzlich. „Ich wollte dir eigentlich erst ein paar Fragen stellen über den Ort und so. Zum Beispiel…”
„Warte kurz, Arne”. Ein hipper, bärtiger Holländer betrat den Laden, „Hey, I visited your Maze in the Netherlands and follow you on Instagram. I love your work…”
Nach zehn Minuten war der Laden voll mit einem kleinen, international anmutenden Bohème-Völkchen, das Tim nonchalant bediente und der Reihe nach in sein Labyrinth einführte. „Du bist der nächste! Ich will, dass du erstmal unvoreingenommen das Labyrinth betrittst, danach können wir uns unterhalten.”

Im Labyrinth
Ich betrat also den rotleuchtenden, mit einem Plastikvorhang abgetrennten Eingang – was heißt betrat, ich musste hineinkriechen wie in einen Kaninchenbau. Das Innere schluckte mich – im Kriechgang hinein in eine nach innen gestülpte Galerie des Paradoxen, Widersprüchlichen, Verschobenen, so wirbelten diese Begriffe durch meinen Kopf und verwebten sich mit den einzelnen „Ausstellungsstücken”, die Fragen aufwarfen, ohne Antworten zu geben.
Ein Möbiusband-haft verschlungenes Plüschknäuel lud am Anfang ein, taktil-genüsslich die Hand in eine paradoxe Schleife hineinzuführen und den Kopf aus- beziehungsweise auf sekundär zu schalten, sich ganz auf einen, O-Ton: „Parcours der Sinne” einzulassen. Von da aus ging es durch einzelne Kammern dieses gefalteten Raumes, der doch eigentlich von außen nur einen Meter breit war – wie kann man so viel Raum in so wenig Raum erzeugen?
Von der untersten Ebene konnte man links wiederum nach oben in eine zweite Ebene steigen, durch ein groß ausgeschnittenes Loch, wonach es da entlang, dorthin und wieder hinunter, dann rechtsherum, ein langer Gang, der wiederum, nach unten… Große Guck-Kasten-Kugeln mit Spionen luden ein, in kleine Panoptikum-Welten zu starren, drehende Prismen warfen Regenbögen über weiße Flächen.
Auf einem Spiegel wurde ein kleines, drehendes Sternebild auf die Stelle zwischen den Augenbrauen meines Spiegelbildes projiziert, dort, wo das ominöse dritte Auge sein soll. Die Faltung des Raumes im Hindurchkriechen entfaltete mich, als würden die inneren Sinne langsam nach außen umgekrempelt werden; ein langer Gang mit einem Schachbrettmuster: Das erinnert mich an die schwarze Hütte in „Twin Peaks“.
Der nächste Raum erinnerte mich wiederum an die Serie „Stranger Things“. Es ging wieder abwärts. Ein langer, dunkler Gang dehnte sich in simulierter Unendlichkeit nach links und rechts aus. Hier wurde mit dem Spiegel-spiegeln-Effekt gearbeitet. Seile lagen auf den grauen Matten und ein rotes Licht lockte in die nächste Abteilung. Ich fühlte mich ein bisschen wie in einer Mäusehöhle, aber auch im tibetischen Bardo.
Im Kopf
Es erinnerte mich an ein Meditationsbild, in das ich hineintauche, wenn ich nicht schlafen kann. Ich fliege auf den kleinen Matratzenplaneten zu, der aus lauter Eingängen besteht, die in ein mit Matratzen ausgelegtes Schlafhöhlensystem führen. Am Eingang nimmt dir ein weiser Methusalem mit Schlafmütze die Alltagskleidung ab und gibt dir einen Schlafanzug. Der kleine Planet fliegt über die roten Meere einer kleinen Sonne, ein roter Zwerg, denn die rote Lebensenergie soll laut der indischen Chakrenlehre dem Wurzelchakra zugeordnet sein, durch das wir jede Nacht ins Schlafland wandeln. Also das Labyrinth löste temporär die Grenze von innerer Vorstellungswelt und äußerer Wirklichkeit auf. Wie lang bin ich eigentlich schon hier, was ist Zeit, was ist Raum? Bananen? Bin ich im Kauf- oder im Traumland?
Vor dem inneren Auge
Also los! Hin-durch das rote Portal, und da, links (rechts, oben, unten, das geht alles durcheinander) lag die Serenstar-Kammer, mit Anleitung, ich soll: in die Kammer hineingehen, mich hinlegen und es mir gemütlich machen, die Augen schließen, tief atmen und einfach meine Wahrnehmung beobachten, also gut.
Ich legte mich hinein und schaute mit geschlossenen Augen nach oben. Eine Art Lampe mit weichem, wechselndem, farbigem Licht warf bestimmte Lichtmuster auf meine Netzhaut, während meditative elektronische Musik dazu spielte. Da ich eh schon optisch und halluzinativ sensibel bin und zum Filmeschieben neige (der Mystiker vom Brunnenviertel) erzeugte das Licht bunte Muster auf meiner inneren Leinwand, die sich langsam zu Bildern und Landschaften formten, die mit- und umeinander tanzten.
Ich konnte ganz klar auf das kleine Landhaus in der Toskana schauen, ich saß dort mit Charlie Chaplin und… Moment… Bud Spencer!, die irgendeinen Scherz mit aufgespießten Oliven machten. Old Shatterhand, mein Bruder, saß auch mit am Tisch. Halt! Ich konnte mich aus der Kammer schlussendlich befreien und weiter-KRIECHEN, durch eine mit weißem Plüschfell ausstaffierte Gummikammer, vorbei an einem verborgenen Thron aus Blechflicken, ein Loch, in das ich meinen Kopf stecken konnte, um etwas hineinzurufen.
Dann spuckte mich das Labyrinth plötzlich wieder aus und ich stand in der hintersten Ecke des Ladens, die vom Vorderteil, wo die Geschäftsstraße lang führte, durch eine Glaswand abgetrennt war. Ich war ganz verträumt, alles fühlte sich komplett unwirklich an, und so, angenehm benebelt, kam ich durch einen verhangenen Durchgang wieder in den Vorderteil des Ladens.

Im Gespräch
„Und?”, fragte Tim.
„Ich glaube, wir sollten uns nochmal länger unterhalten.”
Eine Woche später führten wir noch ein kleines Interview, über ihn und seine Arbeit. Wie sich herausstellte, war er auch verantwortlich für das Labyrinth, das einmal in der Wilden Renate stand, das „Peristal Singum“, und von dem mir alle erzählt haben, „das musst du gesehen haben.”
„Ein Labyrinth würde ich es nicht nennen“, findet Tim. „Ein Labyrinth hat einen Eingang, einen Pfad und einen Ausgang; das in der Renate war eher ein Irrgarten mit Abzweigungen und mehreren Ausgängen. Das im Kaufland, das ist ein Labyrinth. Jedes Labyrinth ist ein Irrgarten, aber nicht jeder Irrgarten ein Labyrinth.”
Tim macht diese Arbeit künstlerischer Installationen seit etwa 20 Jahren. Hilfe bekommt er von anderen Künstlern und Freunden.
Als Laborynth bezeichnet er seine Arbeit bisweilen; er versteht auch diesen Ort im Kaufland mehr als ein Labor, ich hätte es ja eine lebendige Werkstatt genannt. Also begehbarer Ausstellungsort und Work in Progress in einem, „denn, das musst du wissen, mein Labyrinth wächst, es kommen immer neue Teile hinzu, und jedesmal steigt der Preis ein bisschen, weil ich dem Besucher auch mehr bieten kann”, so Tim. Als Labyrintbauer ist er nicht nur in Berlin tätig, mit seiner aus einem Künstlerkollektiv hervorgegangenen Firma Karmanoia hat er schon Labyrinthe und (!) Irrgärten an vielen Orten gebaut, beispielsweise in den Niederlanden.
„Was kommen denn so für Leute?”, möchte ich wissen.
Tim: „Es soll ein Ort sein, der es den Menschen ermöglichen soll, Kontakt mit dem Fremdartigen aufzunehmen. Es kommen ganz unterschiedliche Leute hinein. Laufpublikum, Menschen zu Besuch in Berlin, die meine Arbeit schon kennen oder durch Social Media darauf aufmerksam wurden. An einem Tag habe ich hier viele Künstler und Galeriepublikum – beispielsweise, wenn nebenan wieder eine Ausstellung ist. An anderen Tagen kommen fast nur Familien mit Kindern.”
„Kinder können auch hinein?”, frage ich weiter.
„Unbedingt. Mein Labyrinth ist für alle Altersklassen konzipiert.”
„Die Objekte in deinem Labyrinth sind ja sehr rätselhaft, du nennst es auch einen paradoxen Webstuhl. Wie meinst du das konkret?”, erkundige ich mich.
„Ja, genau, rätselhaft ist der richtige Ausdruck, sie sind eigentlich nicht in dem Sinne interpretierbar, erklärbar, sondern sind eine Einladung, die gewohnte Wahrnehmung auf den Kopf zu stellen und sich ganz auf das sinnliche Erlebnis einzulassen – staunend… den Kindern fällt das nie schwer, und da können die Eltern vielleicht sogar etwas von ihren Kindern hier lernen. Ich kann hier richtige, kleine Sozialstudien machen, du solltest dich mal einen ganzen Nachmittag hier hinsetzen!”
(Mach ich übrigens demnächst, dann setz ich mich mit meiner Schreibmaschine neben das Labyrinth und lasse mich poetisch auf diesen Ort ein…).
Tim führt weiter aus: „Ein Paradoxon ist ja, wenn Dinge, die sich einander widersprechen, vereint sind und sich damit aufheben. Ein Webstuhl verwebt Fäden… Lebensfäden, Schicksalsfäden, dem Spiel der Assoziationen sind hier keine Grenzen gesetzt. Es gibt einen Bedarf für solche Anders-Räume, aber kaum einer weiß, dass es solche Orte gibt und dass eine Sehnsucht in den Menschen nach solchen Orten schlummert. Sieh es so: Ich gebe den Menschen diesen Ort, von dem sie nicht wissen, dass sie danach suchen. Das macht die Magie meines Labyrinthes aus. Es gibt dir etwas, dass du nicht schon vorher als Erwartung in es hineingegeben hast.”
Paradox.Loom soll so lange bestehen bleiben, wie es das Kaufland noch gibt.
Probieren geht über Studieren
Paradox.Loom, Brunnenstraße 105-109, Donnerstag bis Samstag von 16 bis 20 Uhr geöffnet, Preis: derzeit 4 Euro. Mehr unter www.Karmanoia.org.

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