„Was, ihr zieht in den Wedding?!“, fragte mich eine Mutter, als ich in der Prenzlberger Krabbelgruppe von unseren Umzugsplänen berichtete. Es gelang ihr kaum, das nackte Entsetzen zu verbergen.
Wedding – das ist all das, was Mitte und Prenzlberg nicht sein wollen: Türkenladen statt Biomarkt, Nagelstudio statt Designer-Boutique, alter Neubau statt modernisiertem Altbau. „Die Mieten in den 80er-Jahre-Wohnungen sind günstig, stimmt’s?“, sagte die Krabbelgruppen-Mutter, schluckte das Wort „billig“, das ihr auf der Zunge gelegen hatte, herunter und fügte mit einem zuckersüßen Lächeln hinzu: „Ich persönlich bin allerdings nicht so ein Fan von dem ganzen Müll, der da ’rumfliegt, aber da ist ja jeder anders …“

Mitleidige Blicke wegen neuem Wohnort
Wir zogen also mit unserem Sohn in den Wedding, genauer gesagt ins Brunnenviertel. Mitleidige Blicke empfingen mich jede Woche, wenn ich aus der Parallelwelt (genau eine U-Bahn-Station entfernt) in der Krabbelgruppe ankam. Einmal flatterte die Verpackung einer türkischen Süßigkeit an meinem Absatz. Sie war an einem Kaugummi klebengeblieben, den ich mir wohl vor meiner Haustür eingetreten hatte. Die Mütter taten so, als hätten sie es nicht bemerkt, und schauten zufrieden auf ihre blitzsauberen Schuhsohlen aus biologisch abbaubarem, freilaufendem Rindsleder.
Als unsere Kinder ein Jahr alt waren, endete der Kurs, und die anderen Mütter schauten dankbar gen Himmel, dass ihre Sprösslinge nicht länger dem Einfluss meines Ghetto-Babys ausgesetzt waren. Stattdessen würden sie feine Privat-Kitas besuchen, wo sich extra eingestellte Physiotherapeuten um ihre Motorik kümmerten.
Der Müllmann kennt alle Kinder beim Namen
Mein Sohn hingegen lernte in kürzester Zeit, geschickt den Stapeln von Werbeblättchen und rostigen Auspuffrohren auf den Weddinger Bürgersteigen auszuweichen. Anmutig hüpft er über Zigarettenschachteln, Sandwichboxen und ölige Heringsdosen. Und grüßt dabei lässig Herrn Göktan, den Müllmann, der jeden Tag mit der Handsammelkarre seine Bahnen durchs Viertel zieht und alle Kinder mit Namen anspricht. Oder beobachtet mehrmals die Woche mit leuchtenden Augen, wie „seine“ Müllmänner eine Tonne nach der anderen im blinkenden orangefarbenen Auto entleeren. Wenn sie dann aufs Trittbrett springen und ihm zum Abschied zuwinken, ist sein Glück perfekt.
Letztens habe ich die Krabbelgruppen-Mutter auf einem Prenzlberger Spielplatz getroffen. Unsere Kinder buddelten einträchtig zusammen im dreimal durchgesiebten, tetanusgeimpften Sand. Nach einer Weile kam ihr Sohn angelaufen, zeigte ehrfurchtsvoll auf meinen Sohn und rief: „Mama, der wohnt in Wedding, da kommt vier Mal die Woche die Müllabfuhr! Können wir da auch hinziehen?“
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Der Text ist im gedruckten Kiezmagazin „brunnen“ enthalten, das im Dezember 2015 erschienen ist. Weitere Beiträge aus der Ausgabe sind im Beitrag Neues Kiezmagazin: Die zweite Ausgabe ist da! verlinkt.

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