12.02 Uhr am Montag, 15. Juni: Die Menschen am Bahnhof Gesundbrunnen drängen sich am Bahnsteig 2, halten ihre Handys bereit für den Moment, in dem sich die erste S-Bahn auf den Weg zum Hauptbahnhof macht. Applaus kommt auf, als die S-Bahn langsam in den Bahnhof rollt. Neueröffnung für die S15, die nun im 10-Minuten-Takt fährt. Für viele Menschen geht damit eine lange Wartezeit zu Ende.
„Ich hätte nicht gedacht, dass wir uns freuen, in einer vollen S-Bahn zu stehen“, sagt jemand. In der Tat ist die Premierenfahrt von Nord nach Süd sehr voll. Denn der feierliche Start war bereits am Hauptbahnhof und viele Fahrgäste sind schon dort gestartet und bei der Ankunft am Gesundbrunnen gleich sitzen geblieben (inklusive Fahrt zum Kehrgleis).

Clowns, Kameras und Waffelkekse
Die Bezeichnung Fahrgäste ist dabei nur halb zutreffend, es waren eher Festteilnehmer. In der Bahn wird gelacht, manchmal kurz gejubelt. Es fühlt sich eher, als ob Fans gemeinsam zum Spiel ihrer Mannschaft fahren. Eine Mutter hat ihren Sohn für diesen Tag aus der Schule genommen. YouTuber, Bahnfluenzer und Dokumentaristen schwenken große und sehr große Kameras.
Bahnmitarbeiter verteilen Waffelkekse. Am Hauptbahnhof stehen livrierte Kofferträger mit roten Nasen, die sich in komischen Posen fotografieren lassen. Es fühlt sich an, als ob die Menschen tatsächlich viele Jahre auf die neue Strecke gewartet hätten und nun erleichtert sind, dass die lang versprochene Verbindung kommt.

Sechs Minuten bis zum Hauptbahnhof
Sechs Minuten dauert eine Fahrt laut Fahrplanauskunft. Das ist nur eine Minute länger als mit den Regionalexpresszügen, die zweimal pro Stunde fahren. Nicht ganz vier Kilometer ist die Strecke lang. An der Anzeigetafel am Bahnsteig wird die neue Linie zwar nicht bereits zur Premierenfahrt, aber doch recht bald angezeigt. Abzulesen ist, dass sie tatsächlich im 10-Minuten-Takt fährt. S15 heißt die Linie, die Teil des Projekts City-S-Bahn ist. Oder besser: Sie ist nicht ein Teil, sondern ein Vorgeschmack auf die dereinst kommende Nord-Süd-Querung der Hauptstadt.

Vorläufig nur eine Zwischenlösung
Bei der Einweihung überwog unter den Gästen die Begeisterung. Oder die Hoffnung auf mehr. Denn eigentlich sollte die S15 von Frohnau aus ins Stadtzentrum fahren und so den Berliner Norden umsteigefrei mit dem zentralen Bahnhof der Stadt verbinden. Vorgesehen war eigentlich auch eine Linie vom Ostring über Schönhauser Allee und über den Nordring über Beusselstraße kommend. Doch der Halt am Hauptbahnhof ist eine Zwischenlösung. Obwohl zwei Gleise verbaut wurden, ist im Moment nur der halbe Bahnsteig in Betrieb; die zweite Bahnsteigkante ist durch ein Gitter abgesperrt. Damit bietet der Interimsbahnsteig lediglich Platz für eine Linie.

Hoffnung auf die City-S-Bahn
Die Deutsche Bahn erklärt, sie erwarte in diesem Jahr den Planfeststellungsbeschluss für den Weiterbau der Strecke bis zum Potsdamer Platz. Und sie verspricht für die künftige City-S-Bahn weiterhin eine Umsteigemöglichkeit an der U-Bahn-Kreuzung Gleisdreieck. Dann ist es nicht unrealistisch, dass dann täglich 180.000 Fahrgäste die Tunnelfahrt wählen. Für die nun vorab gestartete Kurzstrecke erwartet die Bahn täglich 40.000 Fahrgäste. Zum Vergleich: Auf der Neubaustrecke der Straßenbahn M10 zwischen Hauptbahnhof und Moabit fahren täglich 18.000 Menschen.
Noch ist die neue Verbindung unter den Reisenden unbekannt. Nachdem sich die Bahnfreunde nach der Premierenfahrt verlaufen haben, wurde es deutlich ruhiger auf dem neuen unterirdischen Bahnsteig neben dem Hauptbahnhof. Vielleicht auch deshalb, weil die Ausschilderung zum neuen Gleis 22 noch zurückhaltend ist. Dennoch: Die ersten Zugreisenden mit rollenden Koffern haben die neue Verbindung zum Gesundbrunnen entdeckt und stiegen wie selbstverständlich in die S15 ein.


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