Heute gehen wir mal zu Fuß durch die Siedlung Schillerpark und schauen uns ganz genau an, was wir sehen. Ja klar, Siedlung der Moderne, Bruno Taut, Neues Bauen, UNESCO-Welterbe alles schon gehört. Aber schauen wir mal genauer hin!
Lasst uns am U-Bahnhof Rehberge aussteigen, dann können wir beim Gang durch die Dubliner Straße als Appetitanreger eine von 1927 bis 1930 gebaute Wohnanlage ansehen. Deren Besonderheit ist, dass sie zu den ersten Siedlungen in Berlin zählt, für die eine Fernheizung eingerichtet wurde. Die moderne Haustechnik machte die zahlreichen Schornsteine überflüssig und dürfte so die Luftverschmutzung erheblich reduziert haben.

Was Städtebauer unter einer Siedlung verstehen
Bei dieser Gelegenheit stoßen wir auf den Begriff Siedlung. Man denkt dabei vielleicht an ein Dorf, einen kleinen Ort oder eine Ansiedlung. Aber in der Weimarer Republik war in Berlin Siedlungsbau groß in Mode und meint als Begriff des Städtebaus „eine zusammenhängende und aufeinander abgestimmte Gruppierung von Gebäuden nach einem entworfenen Plan“, so Wikipedia. Kurz: Ein am Reißbrett entworfener Stadtteil. Rätsel: Wie viele Wohnungen wurden von 1924 bis 1931 in Berlin mit Geld sozialer Wohnungsbauprogramme von Baugenossenschaften, gemeinnützigen Gesellschaften und Gewerkschaften in Siedlungen und Wohnanlagen gebaut? Pause zum Schätzen und Raten … Antwort: 146.000. Gut 20.000 pro Jahr. Schlage das mal heute einer dem Berliner Senat vor!

Einst: sozial bauen. Heute: UNESCO-Welterbe
Aber da sind wir bei unserem Gang entlang der Dubliner Straße schon am Schillerpark vorbeigelaufen und stehen nun an der Ecke Bristolstraße und sind damit an der Schillerpark angekommen. Warum wurde diese von 1924 bis 1930 aus Backsteinen errichtete Wohnanlage zusammen mit fünf weiteren Siedlungen nochmal im Juli 2008 auf die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen? „Die sechs Berliner Siedlungen sind außergewöhnliche Beispiele für einen neuen städtebaulichen und architektonischen Typus, der auf der Suche nach besseren sozialen Lebensbedingungen entwickelt wurde.“

Erster Bauabschnitt: Dubliner Straße
Na, dann schauen wir uns den neuen Typ mal an! Wir stehen hier in der Dubliner Straße ja vor dem ersten Block, deren Hausreihen der berühmte Architekt Bruno Taut hier 1924 und 1925 fertigstellte. Was heute vielleicht nicht mehr auffällt, aber damals ungewöhnlich war, ist das fehlende Dach. Beziehungsweise das flache Dach. Der Bauherr sparte auf diese Weise Kosten. Dann bemerkt man, dass an einigen Stellen, das Gebäude etwas vortritt. Die Fassade ist nicht schnurgerade. Dieser Vorbau aus Loggien und Balkonen sollte den ungünstiger gelegenen Mittelwohnungen einen Vorteil gewähren. Drei Wohnungen gibt es pro Etage. Die horizontalen Streifen mit Hausputz sollten das Gebäude rhythmisch gliedern, wie es in der Sprache der Architekten heißt. Sprich: Das Ganze sollte schön aussehen und nicht zu schmucklos.


Zweiter Bauabschnitt: Oxforder Straße
Gehen wir einmal um den Block herum oder durch den schönen Innenhof hindurch zur Ecke Corker Straße und Oxforder Straße. Wobei die Ecke eigentlich fehlt, eine merkwürdige Lücke fällt hier auf. Bruno Taut musste an dieser Stelle ein wenig aussparen, weil eine Diagonalstraße vorgesehen war, die aber nie gebaut wurde. Von außen schwer zu sehen, dass hier (im zweiten Bauabschnitt) die Mittelwohnungen fehlen. Sichtbar aber ist, dass die Fassaden schlichter ausgeführt wurden.

Dritter Bauabschnitt: Ende der Bristolstraße
Der dritte Bauabschnitt (oder Bauetappe) kommt beim Spaziergang in Richtung Bristolstraße in den Blick. Noch einmal wurde an der Fassade gespart. Während in der Dubliner Straße noch ein lebhaftes Fassadenrelief zu sehen ist, schaut der Betrachter nun auf flächige Backsteinwände.
Verdichtung in den 1950er Jahren
Etwas mehr als 300 Wohnungen baute Bruno Taut. Heute sind es 586, wie die Eigentümerin, die Berliner Bau- und Wohnungsgenossenschaft von 1892 eG, mitteilt. Denn in den 1950er Jahren wurde die Anlage verdichtet; sprich, es wurden mit dem Wiederaufbau der Kriegszerstörungen hinter den bestehenden Gebäuden neue Häuserzeilen errichtet. Immerhin orientieren sich diese Neubauten an den Ideen Bruno Tauts. Neu sind die durchgehenden Balkone und die Gärten für die Bewohner im Erdgeschoss.


Alle Höfe der Siedlung sind öffentlich zugänglich, wie es sich Bruno Taut gewünscht hat. Viele Hausnummern sind auch ausschließlich über den begrünten Hof zu erreichen. Die Bristolstraße ist trotz der vielen Hauszeilen eine fast haustürlose Straße. Das gibt es auch nicht oft in Berlin. Typisch für Siedlungen dieser Zeit ist auch das Fehlen von Läden. Ausnahme ist die Schillerpark-Kita, nicht zu verwechseln mit der Kita am Schillerpark, in einem Hochparterre. Und in einem geschäftartigen Raum, der einen Zeitungskiosk oder Lottoladen beherbergen könnte. Hier hat die Wohnungsgenossenschaft einen Hausservice untergebracht, der unter anderem Hermes-Pakete annimmt.
Gut, zu guter Letzt noch zu wissen
Die Straßennamen wie Bristolstraße, Windsorer Straße und Oxforder Straßen sollen laut Wikipedia ihre Bezeichnung 1909 anlässlich eines Berlinbesuchs des britischen Königs Eduard VII erhalten haben.
Die ersten Bewohner der Siedlung waren trotz der sozialen Ideen Bruno Tauts nicht Arbeiter, sondern eher Angestellte, Partei- und Gewerkschaftsfunktionäre und Beamte. Die Berliner Schnauze soll bald von der „Roten Bonzenburg“ gesprochen haben. Rot wie die Backsteine und rot wie die Farben der Arbeiterparteien SPD und KPD.

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Mit etwas Glück eine Wohnung in der Schillerpark-Siedlung ergattern? Lottoscheine für diesen Zweck gibt es bei Berliner Bau- und Wohnungsgenossenschaft von 1892 eG.
Über die sechs Siedlungen der Berliner Moderne informiert die Deutsche UNESCO-Kommission.

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