So viel Sprühkunst an einem Ort gibt es an nur wenigen Orten in Berlin. Das Kaufland am Bahnhof Gesundbrunnen spendet der Graffitiszene gleich mehrere Betonwände der Parkebene. Die Motive für die Galerie im Parkhaus wählt Andrea Stöckmann aus. Geld fließt beim Urban Canvas Parkhaus Wedding keines, gesprüht wird um den Ruhm.
Straßenkunst, englisch Streetart, stellt sich der unmittelbaren Kritik zufällig vorübergehender Menschen. Statt bewusste Entscheidung für einen Galeriebesuch, Kauf von Eintrittskarten und Hinweise liefernder Ausstellungskataloge sind Straßenkunstbilder spontan da, für alle ohne an der Kasse zu entrichtender Ansichtsgebühr zu sehen und sie müssen für sich allein sprechen. Wie das funktioniert, ist derzeit in Parkebene des Lebensmittelhändlers Kaufland in der Brunnenstraße zu sehen. Dort nimmt derzeit die Graffitigalerie „Urban Canvas Parkhaus Wedding“ Gestalt an. Am zurückliegenden Wochenende (31.8. und 1.9.) wurde ein guter Schwung erster Bilder fertig. Nun heißt es dort: Einparken, Kunst anschauen, Einkaufen, noch mal Kunst anschauen, wegfahren – Streetart at it’s best.
Kuratierte Sprühkunst
Andrea Stöckmann organisiert die künstlerische Wandbemalung im Parkhaus. Das tut sie ganz praktisch, indem sie aufpasst, dass die Künstler Abdeckplanen benutzen und ihre Spraydosen wieder einsammeln. Das tut sie ganz musisch, indem sie die Motive auswählt. „Am Anfang arbeitete ich mit den Künstlern zusammen, die ich von früherer Zusammenarbeit kenne. Dann wurde das erste Bild fertig, auf Instagram geteilt, die Aktion sprach sich herum und jetzt habe ich eine lange Warteliste“, erklärt Andrea Stöckmann.

Sie schließt mit jedem Künstler einen Vertrag. Und sie ist selbst Vertragspartnerin von Culterim, einem kleinen Unternehmen, das sich auf die Vermittlung von Zwischennutzungen spezialisiert hat und im Kaufland bereits mehrere ehemalige Geschäftsflächen in Räume und Galerien für Künstler umgewandelt hat.
Andrea Stöckmann möchte im Parkhaus eine ausgewogene Mischung der Graffitikunst zeigen, wobei sie den Oberbegriff Urban Art verwendet. Graffiti sind für sie wortbasierte Sprühwerke. Davon wird es auch einige wenige geben, doch die meisten Bilder sollen gesprühte Gemälde sein – mal mit abstrakten, mal mit minimalistischen, mal mit realistischen, mal mit übernatürlichen Motiven. Einige Bilder sind Farbton in Farbton, andere größtmöglich bunt.
(Fast) komplette Parkebene wird bunt
Die Ausstellung ist kuratiert, das heißt Andrea Stöckmann trifft als Kuratorin anhand von eingereichten Skizzen eine Bildauswahl. Damit ist die Galerie im Parkhaus keine Hall of Fame. So werden Wänden genannt, an denen die Zeichner ihre Motive gegenseitig regelmäßig übersprühen. Im Kaufland-Parkhaus dagegen werden die Bilder voraussichtlich jeweils zwei Monate lang bleiben. Wegen dieser Herangehensweise und des daraus entstehenden Schutzes vor Übersprühen durch andere Künstler lohnt es sich für die Sprayer, aufwändigere Bilder zu malen. So ist einer der 35 Abschnitte durchschnittlich rund drei Meter hoch und rund zehn Meter lang. Ungefähr 20 Farbdosen verbraucht ein Künstler für ein solches Bild. Insgesamt sind es rund zehn Stütz- und Seitenwände unterschiedlicher Länge, die im Parkhaus zur Verfügung stehen. Damit hat Kaufland fast alle Wände seiner Parkebene für die Graffitikunst freigegeben. 1200 Quadratmeter schätzt Andrea Stöckmann, werden von grau zu bunt. Diese Größe einer legalen Sprühgalerie gibt es in Berlin nicht oft. Andrea Stöckmann darf die Streetart-Szene bis zum 31. Dezember bei Kaufland präsentieren. Ob es danach weitergeht, weiß sie noch nicht.

Förderung erhält die Ausstellung nicht. Weder von öffentlichen Stellen, noch von Stiftungen; auch vom Eigentümer des Gebäudes, dem Immobilienunternehmen Hines, fließt kein Geld. Damit erhalten weder die Künstler, noch Kuratorin Andrea Stöckmann eine Vergütung. Was ist ihre Motivation, dieses Ehrenamt auf sich zu nehmen? „Ich brauche neben meinem Beruf einen Ausgleich“, sagt sie. Sie arbeitet als Jugendpsychotherapeutin. Was sie nicht sagt, aber offenkundig ist: Seit ihrer Jugend liebt sie Kunst. Laut eigener Biographie hat sie 1997 den Jugendförderpreis der Stadt Eisenhüttenstadt in der Stilrichtung Grafik erhalten und auch ein Jahr lang die Kunstschule in Eisenhüttenstadt besucht. Nun sprüht sie nicht selbst, sondern gibt talentiertem Nachwuchs freie Wände.
Schau auch hier:
Andrea Stöckmann erklärt die Freiluftgalerie „Urban Canvas Parkhaus Wedding“ auf liebezurkunst.de.
Auch über den Vermittler von Zwischennutzungen Culterim hat dieser Blog bereits berichtet. Siehe Beitrag Zwischendurch etwas Kunst.


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