41,8 Prozent für Die Linke: Wie historisch ist dieser Wahlsieg?

41,8 Prozent für Die Linke in Wedding und Gesundbrunnen – ein Ergebnis, wie es das seit Jahrzehnten nicht gegeben hat. Doch einmalig ist der Wahlsieg nicht. Ein Blick auf mehr als 100 Jahre Weddinger Wahlergebnisse zeigt, wann Parteien noch deutlich stärker waren.

Seit 27 Jahren keine Partei über 40 Prozent

Die Partei Die Linke freut sich über einen historischen Sieg. Tatsächlich spricht vieles dafür, dass das Adjektiv „historisch“ angemessen ist.

Es ist genau eine Generation her, dass im Wedding eine Partei auf über 40 Prozent kam. Die lange Reihe der Wahlergebnisse bei den Wahlen zur Bezirksverordnetenversammlung (BVV) weist für das Jahr 1999 einen Anteil von 41,7 Prozent aus. Es war die CDU, die vor 27 Jahren diese hohe Zustimmung erhielt. Die Linke kam bei der Wahl am 20. September 2026 in den heutigen Ortsteilen Wedding und Gesundbrunnen auf 41,8 Prozent.

Entwicklung der BVV-Wahlergebnisse in Wedding und Gesundbrunnen von 1992 bis 2026 mit 41,8 Prozent für Die Linke 2026
Die Linke erreicht 2026 in Wedding und Gesundbrunnen 41,8 Prozent. Seit 1999 kam keine Partei mehr auf mehr als 40 Prozent. Grafik: Andrei Schnell/Brunnenmagazin

Allerdings lassen sich die Ergebnisse nicht über den gesamten Zeitraum eins zu eins vergleichen. Bis zur Bezirksreform 2001 beziehen sich die Zahlen auf den damaligen Bezirk Wedding. Die aktuellen Zahlen beziehen sich auf die heutigen Ortsteile Wedding und Gesundbrunnen. Die historische Entwicklung lässt sich dennoch gut erkennen.

Gleichzeitig heißt „historisch“ nicht, dass das Ergebnis vom 20. September 2026 einmalig ist. Denn blickt man noch weiter zurück, dann war es die SPD, die von 1946 bis 1989 bei allen Wahlen zur BVV zuverlässig über 40 Prozent kam. Das Rekordergebnis für eine Partei erzielte ebenfalls die SPD bei der Wahl 1948. Sie erhielt damals 74,8 Prozent der Stimmen.

Eine linke Partei kam zuletzt im Jahr 1929 auf mehr als 40 Prozent. Die KPD erhielt damals 40,6 Prozent und prägte in jener Zeit den Ruf vom „roten Wedding“. Wenige Jahre zuvor hatte die USPD 1920 mit 58,6 Prozent den Rekordwert für eine linke Partei im damaligen Bezirk Wedding erzielt. Mehr dazu steht im Beitrag „So wählte Wedding 1920“.

BVV-Wahlergebnisse im Wedding von 1920 bis 2026 mit den Stimmenanteilen verschiedener Parteien im historischen Vergleich
41,8 Prozent sind im jüngeren Vergleich außergewöhnlich. Der Blick bis 1920 zeigt jedoch mehrere Wahlergebnisse von mehr als 40 Prozent. Wegen veränderter Bezirksgrenzen sind die historischen Ergebnisse nicht vollständig mit den heutigen Ortsteilen Wedding und Gesundbrunnen vergleichbar. Grafik: Andrei Schnell/Brunnenmagazin

Mehr als verdoppelt

Historisch ist auch die Steigerung des Wahlergebnisses. Im Wedding und Gesundbrunnen kam Die Linke bei der Wiederholungswahl 2023 auf 18,1 Prozent. Mit den jetzigen 41,8 Prozent hat sie ihren Stimmenanteil um den Faktor 2,3 gesteigert.

Auch solche Sprünge hat es in der Vergangenheit gegeben – allerdings selten. So hat die FDP im Jahr 2001 ihr Ergebnis um den Faktor 5,5 gesteigert, als sie sich im Wedding und Gesundbrunnen von 1,3 Prozent auf 7,2 Prozent verbesserte.

Ein zweites Beispiel liefern die Linken selbst. Allerdings lagen sowohl Ausgangs- als auch Endwert im einstelligen Bereich: 1999 betrug der Faktor für die Linken 2,5, als sie sich von 2,4 Prozent auf 6 Prozent verbesserten.

Aussagekräftiger ist deshalb der Vergleich mit den Grünen im Jahr 2011. Damals spielte sich der Sprung bereits im zweistelligen Bereich ab. Sie verbesserten sich von 12,2 Prozent auf 26,6 Prozent – das entspricht einem Faktor von 2,2.

23,8 Prozentpunkte Vorsprung

Bei der Wahl haben die Linken in den Ortsteilen Wedding und Gesundbrunnen einen Vorsprung von 23,8 Prozentpunkten auf die zweitplatzierten Grünen erreicht. Damit ist ihr Stimmenanteil mehr als doppelt so hoch.

Man muss weit zurückgehen, um etwas Vergleichbares in den Wahlergebnissen zu finden. 1971 war zuletzt die SPD mehr als doppelt so stark wie ihr nächster Verfolger. Sie hatte 61,3 Prozent, die CDU 30,1 Prozent. In jüngerer Vergangenheit lag die SPD im Jahr 2006 um 14,1 Prozentpunkte vor der CDU. Ein großer Vorsprung, der aber nicht bedeutete, dass die SPD doppelt so stark wie die CDU war.

Noch deutlicher waren die Abstände bei einigen früheren Wahlen. 1963 hatte die SPD bei den Weddinger BVV-Wahlen mehr als dreimal so viele Stimmen wie die CDU. 72,3 Prozent zu 21,3 Prozent hieß es damals. Fast viermal so stark war die USPD im Jahr 1920, als sie 58,6 Prozent der Stimmen holte und die zweitplatzierte SPD 15,7 Prozent.

Den deutlichsten Vorsprung in dieser historischen Reihe gab es 1948: Die SPD gewann mit 74,8 Prozent. Ihr folgte die CDU mit 16 Prozent. Damit war die SPD mehr als viereinhalbmal so stark wie ihr Verfolger.

Historisch ja, einmalig nein

Das Fazit fällt damit eindeutig aus: Zu Recht kann die Partei Die Linke sagen, dass ihr Wahlsieg im Wedding und Gesundbrunnen historisch ist. Man muss Jahrzehnte zurückgehen, um Ergebnisse zu finden, die in einer ähnlichen Größenordnung liegen. Der Wahlsieg der Linken ist damit zwar nicht einmalig, aber historisch.

📍 Kiez: ,

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von Brunnenmagazin

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen