Spatzen pfeifen es schon länger von den Weddinger Dächern. Nun hat ein Besuch der Buchhandlung Belle-et-Triste in der Amsterdamer Straße Gewissheit gebracht. Die älteste und bis vor kurzem einzige Buchhandlung im Wedding schließt. Nur noch bis Weihnachten können bei Friederike Reinhold und Winfried Kellmann Bücher gekauft werden.

Fast 40 Jahre Buchleidenschaft
Eine gute Buchhandlung gehört dazu! Diesen Satz kann finden, wer sich die Webseite des Belle-et-Triste anschaut. Dieser Satz war ganz offenbar Anstoß und Motivation für Friederike Reinhold und Winfried Kellmann, die das Geschäft seit 1986 in der Amsterdamer Straße 27 betreiben. Die Buchhandlung selbst gibt es aber schon länger (an einem anderen Standort), nämlich seit 1982.
Der Name des Geschäfts spielt mit dem französischen Wortspiel „belle et triste“ – angelehnt an „Belletristik“, also schöne Literatur. Und genau das gibt es im Belle-et-Triste: ausgesuchte Belletristik, Sachbücher, Kinder- und Jugendbücher, englischsprachige Titel sowie eine beachtliche Auswahl an Wedding-Literatur. Hier finden sich Bücher von Ralf Schmiedecke mit Fotos aus dem alten Wedding, historische Sachbücher von Bernd Schimmler vom Weddinger Heimatverein, Carsten Schmidts Buch „Bittersweet. Jüdisches Leben im Roten Wedding 1871-1933“ und einige weitere mehr.

Warum der Laden schließen muss
Wer die Buchhändlerin beim Besuch im Geschäft nach dem Grund für die bevorstehende Schließung fragt, kann den Ärger in ihrer Stimme erahnen und in der Mimik deutlich lesen. „Wir wurden gekündigt“, sagt sie knapp. Rausgeworfen. So sagt sie es nicht, aber so versteht man es. Ein Umzug an einen anderen Standort kam nach ihren Worten nicht infrage: „Wir sind zu alt dafür.“
In einem früheren Interview mit Brunnenmagazin-Redakteur Andrei Schnell hatte Friederike Reinhold vor ein paar Jahren gesagt, dass sie so lange weitermachen werde, bis sie „hier rausgetragen“ werde. Rausgetragen wird sie nicht, aber rausgeworfen offenbar schon, und zwar ganz knapp vor dem 40. Geburtstag an dem Standort. Damit endet in der Amsterdamer Straße Weihnachten eine Ära.
Im Wedding war Belle-et-Triste lange Zeit die einzige inhabergeführte Buchhandlung. Bücher gab es sonst nur im Antiquariat, bis zur Schließung bei Karstadt am Leopoldplatz sowie auch jetzt noch bei der Kette Thalia im Gesundbrunnen-Center. Für viele Stammkunden ist der Verlust des Belle-et-Triste sicherlich bitter. Heute bestellen, morgen abholen und das direkt im Kiez – das wird nun schwieriger.

Neuer Hoffnungsschimmer: Frau Polda
Doch ein klein wenig Glück hat der Wedding doch. Seit dem Frühjahr hat der Stadtteil ein neues Buchgeschäft. Es ist nicht so groß wie das Belle-et-Triste und es ist zur Hälfte ein Café, aber es hat junge und motivierte Betreiber mit vielen Ideen. Ob „Frau Polda“ in der Maxstraße der Ersatz für den alteingesessenen Buchladen in der Amsterdamer Straße sein kann, müssen die Weddingerinnen und Weddinger entscheiden.
Jetzt verabschiedet sich ein Familienunternehmen, das viele Höhen und Tiefen gemeistert hat und auch gegen den reinen Onlinehandel bestehen konnte. Wer möchte, kann im Belle-et-Triste jetzt noch Weihnachtsgeschenke kaufen.
Wo es im Umfeld noch Bücher gibt
Wer auch in Zukunft inhabergeführte Buchhandlungen nutzen möchte, der findet in der Maxstraße 10c das bereits erwähnte Buchbistro Frau Polda. Svenja Monert und Alessandro Fino halten ab Weihnachten im Wedding sozusagen die Stellung in Sachen Buchkauf. Wer weitere Buchläden sucht, muss den Stadtteil in diese oder jene Richtung ein paar Meter verlassen. Empfehlenswert sind dabei die Buchhandlung am Schäfersee (Marktstraße 6), Golda – Books an more (Anklamer Straße 39) sowie Ocelot (Brunnenstraße 181).
Letzte Chance für einen Besuch
Belle-et-Triste ist noch bis Weihnachten wochentags von 10 bis 19 Uhr und samstags von 10 bis 14 Uhr geöffnet. Im Internet ist der Buchladen hier zu Hause: www.belle-et-triste.de
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