Seit ihrer Jugend engagiert sich Susanne Bürger ehrenamtlich im Sport. Ihr Weg führte sie von Reinickendorf in den Wedding, von der Basketballspielerin zur Trainerin und schließlich an die Spitze der Weddinger Wiesel. In diesem Beitrag erzählt sie, wie ein Sportverein Fähigkeiten sichtbar macht – und Gemeinschaft im Kiez entstehen lässt.
Hier erzählt sie ihre Geschichte selbst:
Meine Liebe zum Basketball habe ich in der Leichtathletik-AG meiner Oberschule entdeckt. Mit 16 Jahren wurde ich Mitglied in einem Sportverein in Reinickendorf – das war vor etwa 40 Jahren. Mir eröffnete sich eine komplett neue Welt. Mädchen-Teams gab es damals nicht im Norden von Berlin: Das Frauen-Team nahm mich mit offenen Armen auf. Schnell war ich mittendrin und anerkannte Spielerin.

Erste Schritte im Verein
Als der Verein Schiedsrichter brauchte, meldete ich mich freiwillig und durchlief die Ausbildung zur Schiedsrichterin. Als der Verein Trainer brauchte, übernahm ich ein Jugend-Team und absolvierte den Trainer-Lehrgang. In der Zeit habe ich viel gelernt und war in fast meiner kompletten Freizeit für den Sportverein im Einsatz, quer durch die Stadt. Mir wurde es zugetraut, ein Basketballspiel als Schiedsrichterin zu leiten und als Trainerin allein ein Jugendteam zu führen. Bis dahin wusste ich selber gar nicht, was ich alles für Fähigkeiten hatte.
Als Schiedsrichterin musste ich lernen, die Wucht der Gefühle der Spielbeteiligten auszuhalten, wenn sie mit meinen Entscheidungen nicht einverstanden waren. Dort mache ich auch diskriminierende Erfahrungen. Eher selten bekam ich als junge Frau Unterstützung, wenn vor allem die männlichen Trainer sich nicht im Griff hatten. Nur das kleine Honorar in Taschengeldhöhe hat dazu beigetragen, dass ich das überhaupt länger gemacht habe.
Vom Spielfeld aufs Schiedsrichter-Parkett
Mein erstes Team als Trainerin war eine C-Jugend Jungen. Ich gab mein – aus heutiger Sicht recht limitiertes – Basketball-Wissen weiter und leitete zweimal wöchentlich das Kinder-Training. Dafür musste ich meine Arbeitsstelle vor dem offiziellen Arbeitsende verlassen – mit Genehmigung meines Chefs. Die Zeit habe ich nachgearbeitet. Ob ich damals ein Honorar hierfür bekommen habe, weiß ich nicht mehr. In jedem Fall war das nicht mein Antrieb.

Mein Engagement wurde allein dadurch belohnt, dass die Kinder mein Training mit Freude mitgemacht haben. Hier habe ich auch gelernt, wie Elternarbeit im Sportverein funktioniert: Elterngespräche führen, wenn es Fragen oder Probleme gibt, und regelmäßig zu Elternabenden einladen.
Dann passierte es: Der alte Abteilungsvorstand trat ab, ein neuer, junger Vorstand übernahm die Aufgaben. Ihr ahnt es: Ich war dabei und wurde Sportwartin. Die verschiedensten organisatorischen Aufgaben waren zu erledigen: Spielerpässe beantragen, die Spielansetzungen vom Verband an die Trainer weiterleiten und vieles mehr. All das nur in Papierform!
Vom Sportwart zur Pressewartin
Ich hatte eine solide Grundausbildung, als ich zu den Weddinger Wieseln kam (Gründung 1998). Im Jahr 2000 wurde ich Pressewartin. Das bedeutete, dass ich zunächst nur an den Vorstandssitzungen teilnahm und die Protokolle schrieb.
Zu der Zeit bestanden die Wiesel ausschließlich aus Kinder- und Jugendmannschaften. Vor allem engagierte Eltern trugen die Vereinsarbeit, waren Trainer und Vorstandsmitglieder. Meine Expertise und meine Bereitschaft, Aufgaben zu übernehmen, waren sehr willkommen. Parallel war ich weiterhin Schiedsrichterin und Trainerin der Freizeit-Erwachsenen. Nie habe ich nur ein Ehrenamt im Sportverein ausgeübt.
Bei meiner Arbeit merkte ich täglich: Der Vorstand hatte große Verantwortung, dass der Verein überlebens- und arbeitsfähig bleibt. Unsere Entscheidungen im Vorstand hatten unmittelbare Auswirkungen. Wir konnten im positiven Sinne gestalten.

Leitung der Weddinger Wiesel
Dann war es soweit: 2002 wurde ich zur Vereinsvorsitzenden der Wiesel gewählt. Auch hier trauten mir andere Menschen eine große Aufgabe zu, in die ich selbst eigentlich noch hineinwachsen musste. Der Verein hatte in „meiner“ Zeit 350 bis 400 Mitglieder und entsprechend viele Teams sowie 15 bis 25 Trainer. Damit war ich auf einen Schlag für eine gar nicht mal so kleine Organisation zuständig. Natürlich nicht alleine: Im geschäftsführenden Vorstand waren wir zu dritt. Dazu kamen immer bis zu drei weitere Personen, die mit uns die Vereinsgeschicke leiteten. Kommunikation mit allen Engagierten im Verein war mir immer sehr wichtig, mit allen im Gespräch bleiben und bei Entscheidungen möglichst viele einbeziehen.
Der geschäftsführende Vorstand hatte immer auch Aufgaben zu erledigen, die wichtig für das Überleben des Vereins sind: Die Gemeinnützigkeit muss regelmäßig nachgewiesen werden – die Steuererklärung wurde immer viel zu schnell fällig. Die Finanzen hatte ich zusammen mit unserem Kassenwart immer im Blick.
Das Berliner Mini-Turnier: ein großes Abenteuer
2005 übernahmen die Weddinger Wiesel für den Basketball-Verband die Durchführung eines der größten Kinder-Turniere, das es bis dahin in Berlin gab: Das Berliner Mini-Turnier. Vereine aus ganz Deutschland und dem Ausland reisten hierfür an. Zu organisieren waren also Übernachtung, Verköstigung und die Planung eines Turniers für mehr als 500 Kinder zwischen sieben und elf Jahren. Seit dieser Zeit weiß ich, wie man so ein großes Projekt plant.
Im Brunnenviertel wurde 2005 ein Quartiersmanagement eingerichtet: Die Weddinger Wiesel bekamen den Zuschlag für eines der ersten Projekte für Jugendliche im Gebiet. Durch die Öffnung des Vereins in den Kiez war es möglich, ein ehemaliges Ecklokal für den Verein anzumieten.

Das TimeOut: Verein öffnet sich für den Kiez
In der Putbusser Straße 28 wurde Anfang 2006 das „TimeOut“ eröffnet. Die Kinder und Jugendlichen der Wiesel hatten sich diesen Namen selbst ausgesucht. Heute gibt es das TimeOut weiterhin, die Wiesel sind nicht alleiniger Nutzer: Kick Wedding, WiB-Jugend, die Stadtteilmütter, die Volkshochschule und ich als KiezSportLotsin bilden eine einzigartige WG. Die degewo unterstützt das TimeOut großzügig. Unsere Entscheidung von damals wirkt also bis heute nach.
„Großer Stern des Sports“: Der Gewinn dieses Preises war im Jahr 2006 eines meiner größten Highlights, verliehen durch den Bundespräsidenten. Das ist der höchst dotierte Preis, den man als Breitensportverein gewinnen kann. Der „Stern“ war eine Würdigung des Engagements aller Ehrenamtlichen im Verein und seiner Mitglieder aus mehr als 30 Nationen.
Partnerschaft mit ALBA Berlin
2006 entschied sich ALBA Berlin, seine Kinder- und Jugendarbeit im Breitensport aktiv zu erweitern und an die Schulen zu gehen. Die Wiesel waren einer der ersten Partnervereine von ALBA, als es um die heute modellhafte Zusammenarbeit von Sportvereinen und Schulen ging. Im Rahmen von „ALBA macht Schule“ führte der Verein Basketball-AGs an Grundschulen in Wedding und Gesundbrunnen durch. Hierfür konnten wir Trainer begeistern, die den Job als Hauptamtliche übernehmen wollten. Tagsüber Trainer in der Schule, abends im Sportverein.
Diese Entscheidung war existenziell für die Weddinger Wiesel: Hierdurch können Basketball-Trainer im Verein angestellt werden. Das gibt auch Stabilität für das Vereinstraining. Heute kann mein Nachfolger als Geschäftsführer sowie als Kiezkoordinator für den Wedding vom ALBA-Projekt „Sport vernetzt“ angestellt werden. So gelang es, mehr Hauptamt bei den Wieseln zu verankern.
Erfolge und Highlights im Ehrenamt
Im Jahr 2007 wurde ich von unseren ersten Frauen gebeten, ihre Trainerin zu sein. Bis 2014 habe ich als Trainerin zwei Aufstiege und die Gründung eines zweiten Frauen-Teams begleitet. Für ein paar Jahre waren ich und mein Lebenspartner sogar gemeinsam Coaches eines Frauen-Teams – eine tolle Zeit – ohne ihn an meiner Seite hätte ich all das nicht geschafft!
Tatsächlich spielen einige Erwachsene in den Wiesel-Teams, die hier als Kinder das Basketball-Einmaleins gelernt haben. Das war für mich immer das Schönste: zu sehen, wie Kinder im Verein ihre Persönlichkeit und Fähigkeiten entwickeln und hier erwachsen wurden.

Die nächste Generation übernimmt
Diese Generation hat dann sukzessive die Ehrenämter übernommen – so wie ich damals. Ganz sanft wurde mir bedeutet, dass meine Zeit als Trainerin vorbei war. Irgendwann wurde mir klar, dass ich in der Vereinsführung ganz klar Platz machen muss, damit neue Engagierte genügend Raum für ihren Weg haben. 2019 klappte der Generationenwechsel. Seitdem trage ich keine Verantwortung mehr im Verein.
Für diesen Text habe ich Fotos aus meiner Wiesel-Zeit durchsucht. Ich habe viele fröhliche Menschen gesehen, die in ihrem Sport voll und ganz aufgehen. Lachende Eltern bei Weihnachtsfeiern oder Sommerfesten, strahlende Gesichter von Ehrenamtlichen, viele Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die als Basketballspieler im Sportverein eine zweite Familie gefunden haben.
Wie Basketball mich geprägt hat
Mehr als 30 Jahre habe ich mich in Ehrenämtern in Sportvereinen engagiert. Damit konnte ich vielen Basketballbegeisterten den Sport im Verein ermöglichen. Mit Stolz schaue ich auf diese Zeit zurück. Ich selber habe jedoch am meisten profitiert. Ohne die vielen Ehrenämter hätte ich meine Fähigkeiten und Talente gar nicht entwickeln können.
Und es gäbe es die KiezSportLotsin nicht! 2013 habe ich mein Hobby zum Beruf gemacht. Das war damals aber noch gar nicht so klar. Parallel war ich noch bei den Wieseln ehrenamtlich engagiert. Seit 2019 konzentriere ich mich ausschließlich auf meine Aufgabe als KiezSportLotsin, seit 2022 in Vollzeit. Dies ist aber eine eigene Geschichte.
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Über ihre Arbeit als KiezSportLotsin hat Susanne Bürger im Beitrag Sie bringt den Bezirk in Bewegung geschrieben.
Dieser Text wurde von einem Menschen geschrieben.

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