Alexander Dowe wirft einen Blick zurück auf die wechselvolle Geschichte des Mauerparks bis zum Fall der Mauer.

Inzwischen ist kaum noch erkennbar, dass sich auf dem Areal des heutigen Mauerparks einstmals ein riesiges Bahngelände mit Empfangshalle, Verladestationen, Firmengebäuden und zahllosen Gleisanlagen befand, genannt Berliner Nordbahnhof. Ursprünglich war die Anlage für den Personenzugverkehr nach Mecklenburg und Pommern geplant, aber schon 1892, 15 Jahre nach der Inbetriebnahme, übernahm der Stettiner Bahnhof an der Invalidenstraße diese Funktion.
Von da an diente der Nordbahnhof fast ausschließlich als Güterbahnhof, auf dem vor allem landwirtschaftliche Produkte umgeschlagen wurden. Schon Ende des 19. Jahrhunderts siedelten sich hier Speditionen und Großhandlungen an, die das Gelände ständig erweiterten. Zu Zeiten seiner größten Ausdehnung in den 1920er- und 1930er-Jahren erstreckte sich der Nordbahnhof über knapp anderthalb Kilometer von der Bernauer Straße in Richtung Norden bis zur Behmstraße. Im südlichen Teil befanden sich acht Ladestraßen, die die umliegende Umgebung mit Kohlen, Kartoffeln, Milch und anderen Gütern versorgten.

Früher Grenzgebiet, heute Mauerpark
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde an der Ostseite des Nordbahnhofs ein gewaltiger Trümmerberg aufgetürmt, der den Schutt der kriegszerstörten Häuser der Umgebung aufnahm; später errichtete man auf dieser künstlichen Erhebung das heute noch existierende Friedrich-Ludwig-Jahn-Stadion. Die infolge der Teilung Berlins gezogene Demarkationslinie zwischen dem unter sowjetischem Einfluss stehenden Ostsektor und den Westsektoren verlief auf dem Bahnhofsgelände entlang der Schwedter Straße.
Der bei Weitem größte Teil des Nordbahnhofs lag damals also im Westen, allerdings unterstand er der in Ostberlin ansässigen Deutschen Reichsbahn. Dieser in der Weimarer Republik gegründeten Bahngesellschaft waren nach Kriegsende von der sowjetischen Besatzungsmacht die Betriebsrechte für ganz Berlin übertragen worden. Damit konnte die Deutsche Reichsbahn auch über sämtliche Eisenbahneinrichtungen Westberlins bestimmen – ein Status, der bis 1984 (!) Bestand hatte.
Güterbahnhof wurde umbenannt
Das erklärt auch, warum der Nordbahnhof 1950 in Güterbahnhof Eberswalder Straße umbenannt wurde. Nordbahnhof – so hieß nun der ehemalige Stettiner Bahnhof (1952 geschlossen, später abgerissen) an der Invalidenstraße. Dieser durfte aus politischen Gründen (Festlegung der Oder-Neiße-Grenze zwischen der DDR und Polen) den Namen der seit 1945 zu Polen gehörenden Hafenstadt nicht länger behalten. In den 1950er-Jahren verlor der Güterbahnhof Eberswalder Straße durch die unterbrochenen Zugverbindungen zum Berliner Umland allmählich an Bedeutung; dennoch besaß er für die Versorgung des südlichen Weddings nach wie vor eine wichtige Funktion.

Ein abgeschnittener Güterbahnhof
Mit dem Mauerbau am 13. August 1961 geriet der Güterbahnhof in eine Abseitslage, denn nunmehr war er nach Osten komplett abgeschnitten. Zu seiner Unterstützung wurde die direkte Gleisverbindung zum Bahnhof Gesundbrunnen wieder in Betrieb genommen, aber auch das konnte den weiteren Niedergang des Areals nicht aufhalten. In dieser Zeit entstand hier ein Fluchttunnel nach Westberlin, der aber unvollendet blieb. Vor ein paar Jahren stieß man bei Tiefbauarbeiten auf seine Überreste.
Noch in den 1970er-Jahren gab es zahlreiche Gewerbe auf dem Gelände des Güterbahnhofs Eberswalder Straße, dem traditionsreichen Standort war jedoch keine Zukunft mehr beschieden. Nachdem die Deutsche Reichsbahn bereits 1980 den Güterbahnhof als selbstständige Dienststelle aufgegeben hatte, stellte sie dort zum 11. Juli 1985 den Zugbetrieb endgültig ein. Bald verließen auch die letzten Gewerbetreibenden das Areal oder sie bekamen neue Standorte zugewiesen.

Schließlich wurde 1987/88 ein etwa 50 Meter breiter Streifen des ehemaligen Bahnhofsgeländes im Rahmen eines Gebietsaustausches an Ostberlin abgegeben. Bald darauf begannen DDR-Grenztruppen, die noch verbliebenen Gebäude abzureißen, und auf der nach Westen verschobenen Demarkationslinie entstanden neue Grenzanlagen. Allerdings nicht für lange Zeit. Nach dem Fall der Mauer wurde noch im Dezember 1989 ein neuer Grenzübergang an der Eberswalder Straße geschaffen. Nun stand der Anlage eines Ost und West verbindenden Parks (Mauerpark) nicht mehr viel im Wege – aber die Geschichte wird an anderer Stelle erzählt, zum Beispiel im Beitrag Ein Vierteljahrhundert und endlich fertig.
Filmtipps aus dem Mauerpark
Zum Schluss noch ein Tipp: Wer die damals noch weitgehend intakten Bahnhofsanlagen des Güterbahnhofs Eberswalder Straße in bewegten Bildern sehen will, dem seien zwei Filmproduktionen empfohlen. 1977 wurden hier Szenen für die amerikanische Serie „Holocaust“ gedreht (wie übrigens auch in der nicht weit entfernten Ramlerstraße). Und für das Liebesdrama „Wedding“ (BRD 1989) war das ehemalige Bahnhofsgelände sogar einer der Hauptdrehorte. Beide Filme sind – Stand Juli 2020 – auf YouTube zu sehen.
Der Film „Wedding“ gehört außerdem zu den im City Kino Wedding in der Müllerstraße regelmäßig gezeigten Filmen. Das aktuelle Programm das City Kino Wedding in der Müllerstraße 74 ist online zu finden unter www.citykinowedding.de.
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Der Text ist auch im gedruckten Kiezmagazin „Park frei!“ enthalten, das im zweiten Quartal 2020 erschienen und wegen der Corona-Pandemie gleichzeitig das Heft für das dritte Quartal 2020 ist. Weitere Artikel sind im Beitrag Park frei! Neues Kiezmagazin feiert den Mauerpark gesammelt und verlinkt.

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