Ewig ist der Wandel: 150 Jahre Paul-Gerhardt-Stift

Eine Stiftung ist für die Ewigkeit. Amen? Die Festschrift „Ein Segen für die Stadt. 150 Jahre Paul Gerhardt Stift zu Berlin“ beweist, dass nichts so sicher ist wie der Wandel. Helmut Bräutigam erzählt die Geschichte des Stifts mit den markanten Gebäuden in der Müllerstraße Ecke Barfusstraße. Das Buch ist anlässlich des Jubiläums herausgegeben worden, das heute mit einem Fest gefeiert wird.

Blick ins Buch "Ein Segen für die Stadt". Foto: Hensel
Blick ins Buch „Ein Segen für die Stadt“. Foto: Hensel

Dass sich das Paul-Gerhardt-Stift immer wieder neu erfindet, ist derzeit augenfällig. Die Baukräne drehen sich, die Bagger rollen – in der Barfusstraße werden 116 Wohnungen gebaut. Doch für Wohnraum zu sorgen, das hat sich das Stift in seiner 150-jährigen Geschichte noch nie zur Aufgabe gemacht. Das ist ein neues Betätigungsfeld. Aber immer wieder neue Wege zu gehen, das war stets der Pfad der Entwicklung, wie die Festschrift „Ein Segen für die Stadt. 150 Jahre Paul Gerhardt Stift zu Berlin“ zeigt.

Ein Schritt vorwärts, einer zurück – dennoch vom Fleck gekommen

Im Beitrag „150 Jahre Paul-Gerhardt-Stift: Soziales Zentrum im Wedding“ finden sich die Höhepunkte der Geschichte von den Anfängen des Stifts in der Kreuzberger Jakobikirchstraße, dem Weddinger Neustart mit dem Bau des Mutterhauses und dem Wandel zum heutigen Sozialzentrum. Ergänzt werden sollte, dass es in diesen 150 Jahren nicht nur voranging. So wurde das viele Jahrzehnte lang betriebene Krankenhaus trotz Kooperationen und Auslagerungen am Ende doch geschlossen.

Auch der einstige Schwerpunkt des Stifts, die Gemeinschaft der Diakonissen, existiert heute nicht mehr. Außerdem ist hinzuzufügen, dass die Geschichte der Einrichtung eine der Krisen ist. Kapitelüberschriften der Festschrift, die zum Beispiel „Krieg, Krise, Konsolidierung (1914 bis 1933)“ heißen, zeigen dies deutlich. Die letzte große Krise wurde zur Jahrtausendwende überstanden, als das Stift vor dem Aus stand, wie Helmut Bräutigam schreibt.

Unter Strich vermittelt die Broschüre, dass ein Schritt vorwärts und einer zurück eben nicht Stillstand bedeutet. Durch immer neue Anläufe in verschiedene Richtungen ist das Paul-Gerhard-Stift nach 150 Jahren eben doch vorangekommen.

Das Cover des Buches "Ein Segen für die Stadt". Foto: Hensel
Das Cover des Buches „Ein Segen für die Stadt“. Foto: Hensel

Kenner des Hauses

Geschrieben hat die Festschrift zum Jubiläum der Historiker Helmut Bräutigam. Er war langjähriger Leiter des Historischen Archivs des Evangelischen Johannesstifts in Berlin. Er hat zum Beispiel über das Nationalsozialistische Zwangslager in Berlin geforscht. Ebenso hat er die Rolle des Paul-Gerhardt-Stifts in der NS-Zeit untersucht und 2017 das Buch „Heilen und Unheil“ verfasst. Er ist damit ein ausgewiesener Kenner der Einrichtung.

In „Heilen und Unheil“ beschreibt er den Vorgang der Kündigung des jüdischen Chefarztes Paul Bosse. Und er widmet dem Thema Zwangssterilisationen im Stift ein umfangreiches Kapitel. Leise nähert er sich dieser dunklen Zeit, indem er formuliert, dass die Verantwortlichen in der Stiftung in den ersten Jahren der NS-Zeit Hoffnungen in die neue Zeit hatten. In der jetzt veröffentlichten Jubiläumsfestschrift fehlen leider die Einordnungen zu diesem Thema.

Blick ins Buch "Ein Segen für die Stadt". Foto: Hensel
Blick ins Buch „Ein Segen für die Stadt“. Foto: Hensel

Das Besondere: die Diakonissen

Die Stärken des Buches sind die Blicke auf das Diakonissenleben. Das dürfte für viele Leser Neues bieten. Wer weiß schon etwas über Diakonissengemeinschaften, die man als evangelisches Kloster für Frauen bezeichnen könnte?

Die Beschreibung der Gemeinschaft der Diakonissen hat zwei Pole. Der eine: „In dem Maße, wie sich das Individuum von solchen Gemeinschaften löste und lösen konnte, wurde auch das Lebens- und Arbeitsmodell, wie es in den Diakonissenhäusern praktiziert wurde, in Frage gestellt“, schreibt Helmut Bräutigam. Diese Sicht hat die nackten Zahlen auf seiner Seite, denn die Anzahl der Diakonissen ist in den Jahrzehnten kontinuierlich zurückgegangen.

Der andere Pol liest sich so: „Es ist eine Freude, dass ich nun schon fast 70 Jahre lang im Dienst des Paul Gerhardt Stifts als Diakonisse stehen darf. Wie viel Freude habe ich geschenkt bekommen in meinem Leben!“, schreibt Siegrid Fellechner. Sie war lange Zeit Oberin der Diakonissen und hat das von ihr geschriebene Kapitel „Die große Ernte“ betitelt.

Dass es die Gemeinschaft der Diakonissen jetzt nicht mehr gibt, hat natürlich Auswirkungen auf die Identität des Stifts. In der Broschüre wird dieser Umstand mit der Überschrift „Bewahren und verändern“ weich umschrieben. Dahinter steckt das Dilemma: Hat man noch eine Geschichte, wenn man sich neu erfindet? Der Jubiläumsband sagt Ja, denn es gibt eine verbindende Geschichte. So spricht der letzte Satz von einem „turbulenten Hin und Her im Lauf der Zeiten“. Man könnte auch sagen: Ewig ist der Wandel im Paul-Gerhardt-Stift.

Blick ins Buch "Ein Segen für die Stadt". Foto: Hensel
Blick ins Buch „Ein Segen für die Stadt“. Foto: Hensel

Wo es das Buch gibt

Die Festschrift lohnt sich für alle, die sich auf 160 Seiten in die Geschichte des für den Wedding wichtigen Gebäudeensembles in Müllerstraße einlesen wollen. Der Überblick wird ergänzt durch eine kompakte Chronologie. Das Vorwort hat der prominente Benediktinerpater Anselm Grün geschrieben. Das Buch ist Wichern-Verlag erschienen und ist über das Paul-Gerhard-Stift für 15 Euro erhältlich. Bestellungen sind per E-Mail über deborah.raab@paulgerhardtstift.de möglich.

Jubiläumsfeier

Das Paul-Gerhardt-Stift feiert beim Jahresfest am Sonntag, dem 7. Juni, sein 150. Jubiläum. Im Stiftspark in der Müllerstraße 56-58 gibt es von 12 bis 18 Uhr ein buntes Jubiläumsprogramm. Es gibt verschiedene Führungen (auch zu den Bauprojekten), ein Bühnenprogramm, Gegrilltes und frische Waffeln, ein Gewinnspiel, einen Spiel- und Kreativbereich für Kinder. Das Programm beginnt um 12 Uhr mit einem Gottesdienst, das Stadtteilfest wird um 13.30 Uhr eröffnet. Das komplette Programm ist auf der Webseite des Stifts zu finden. 

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