Arm und Reich, Atheisten, Muslime und Christen, Hannoveraner, Ostberlinerinnen und Franken – im Wedding und Gesundbrunnen leben sehr unterschiedliche Menschen nebeneinander. Aber wie oft reden sie miteinander? Ein Zivilgesellschaftlicher Festakt, organisiert von Kubik e.V. und Brunnenviertel e.V., hat am Tag der Deutschen Einheit 50 Menschen zusammengebracht, die unterschiedliche Erfahrungen und Perspektiven mitbringen. Bleibt das Miteinander-Reden dieses Abends eine Ausnahme?

Die Deutschen – viele unterschiedliche Gruppen
Wie geht Zusammenleben in Deutschland, wenn unklar ist, wer die Deutschen sind? Fragt man, was das einschneidendste Datum der letzten vierzig Jahre war, erhält man keineswegs die eine deutsche Antwort. Für viele Ostdeutsche dürfte die Wende zu den einschneidendsten Erfahrungen gehören. In Westdeutschland wurde die Wiedervereinigung dagegen viel weniger alltagsverändernd erlebt.
In der deutsch-türkischen Community gehören die Brandanschläge von Mölln und Solingen 1992 und 1993 zu den erschütternden Erfahrungen. Für viele Muslime veränderte der 11. September 2001 und der folgende Generalverdacht gegenüber ihrer Religion ihr Leben in Deutschland. Und für Menschen mit wenig Geld bedeuteten die Hartz-Reformen der frühen 2000er-Jahre einen tiefen Einschnitt.
Einigkeit ist spannender als Einheit
Ein Zivilgesellschaftlicher Festakt, organisiert von Kubik e.V. und Brunnenviertel e.V., nahm den 3. Oktober zum Anlass, unterschiedliche Menschen ins Gespräch zu bringen. Gefeiert wurde bei Eventus Bildung in der Dianastraße in Waidmannslust. Über der Veranstaltung stand der Begriff Einigkeit. „Worauf können sich alle Menschen in Deutschland einigen?“, fragte Süleyman Bağ von Kubik e.V.

Im Wedding und Gesundbrunnen leben Menschen mit vielen Lebensentwürfen nebeneinander, treffen unterschiedliche Lebenswelten aufeinander. Hier ist unübersehbar, dass Deutschland die Vielen sind und nicht das Eine. Die Organisatoren des Zivilgesellschaftlichen Festakts haben deshalb kurzerhand aus dem Tag der Deutschen Einheit einen Tag der Deutschen Einigkeit gemacht. Mit Fragezeichen: Tag der Deutschen Einigkeit?
Keine Antworten, aber Perspektiven
Der Zivilgesellschaftliche Festakt sollte keine fertigen Antworten geben, sondern Menschen ins Gespräch bringen. Mit ihren jeweiligen Perspektiven eröffneten drei Rednerinnen den Festakt am 3. Oktober.
Pfarrerin Franziska Pich von der Evangelischen Kirchengemeinde am Gesundbrunnen sprach darüber, wie Gruppen entstehen und wie sie unser Selbstbild prägen. Nach Predigten beobachte sie immer wieder, wie Menschen kleine Gruppen bilden. Gruppen seien wichtig für Menschen – und manchmal bemerke man selbst gar nicht, dass man einer zugerechnet wird. Das habe sie erlebt, als sie aus Westfalen nach Brandenburg kam und dort plötzlich als Westdeutsche wahrgenommen wurde.

Die Soziologin und Geschäftsführerin des Verbands für gesellschaftliches Engagement (VGE e.V.) Hilal Akdeniz hielt eine politische Rede aus migrantischer Perspektive. Als Kind habe sie im Fernsehen gesehen, dass Mauern eingerissen werden können, als Erwachsene erlebe sie jetzt, wie neue Mauern der Ausgrenzung errichtet werden.
Sie sprach über das Gefühl, trotz einer deutschen Biografie nicht selbstverständlich dazuzugehören. Hilal Akdeniz ist in Augsburg geboren. Wenn ihr jemand sage, sie solle „zurück nach Hause“ gehen, frage sie sich: Wohin eigentlich? Sie könne nur nach Augsburg zurückgehen – aber das sei offensichtlich nicht gemeint. Und wohin sollten ihre Kinder gehen, die bereits zur vierten Generation gehören? Migranten und der Islam gehören zu Deutschland, lautete ihr entschiedener Appell.

Irina Kohlmetz vom Gemeinschaftsgarten Himmelbeet erzählte aus ihrer persönlichen Perspektive von der Wende 1989/1990. Sie stammt aus der DDR und hat sich die deutsche Einheit damals nicht in dieser Form gewünscht. Einen Zusammenschluss mit der Tschechoslowakei hätte sie sich vorstellen können, denn dorthin hatte sie Verbindungen. Zum Westen und zum kapitalistischen System hatte sie keine Beziehung.
Lange habe sie sich gemeinschaftliches Arbeiten gewünscht. Im Himmelbeet hat sie diese Form des Arbeitens schließlich gefunden: Dort wird im Kollektiv und ohne Hierarchien gearbeitet. Die vielen unterschiedlichen Perspektiven zu akzeptieren, sei manchmal anstrengend, zugleich aber sehr bereichernd. Wo jemand herkomme, spiele dabei keine Rolle. Dass sie selbst aus der DDR stammt, sei im Himmelbeet schlicht egal.

Fremde reden über Heimat und Zugehörigkeit
Hauptteil des Zivilgesellschaftlichen Festakts waren die Thementische. In bunt gemischten Runden sprachen die Gäste über Themen wie Glück, Heimat und Zugehörigkeit. Die meisten der Anwesenden kannten sich vorher nicht. An jedem Tisch gab es einen Tischpaten, der das Gespräch moderierte.
Schnell erzählten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von eigenen Erfahrungen. Aus den Runden war ein lebhaftes Stimmengewirr zu hören. Eine halbe Stunde war für die Gespräche vorgesehen – für manche hätte es gern länger sein dürfen.
Das Besondere an dieser Feier zum Feiertag war, dass nicht Prominenz vom Pult aus zum Publikum sprach, sondern die Gäste miteinander redeten. „Staatsakt braucht Bürgerakt“ lautete die griffige Formel für den Abend.

Nach den Thementischen war noch lange nicht Schluss. Bei einem üppigen Buffet wurde gemeinsam gegessen und gefeiert. Viele Gespräche gingen weiter. Gäste setzten sich zueinander und lernten sich kennen.
Es war ein Fest mit Musik und in einem schönen Saal. Es war ein Akt mit Nachdenken über Einheit und Einigkeit, über Gemeinschaft, Gemeinsinn und Zusammenhalt in der Vielfalt.
Zum ersten Mal den 3. Oktober gefeiert
„Ich habe noch nie viel über den 3. Oktober nachgedacht“, war ein Satz, der bei dem zivilgesellschaftlichen Festakt mehrmals fiel. Manche Gäste erzählten, dass sie den Tag der Deutschen Einheit noch nie gefeiert hätten. An diesem Abend war das anders.
Der Nationalfeiertag hat in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern eine eher nüchterne Bedeutung. Entstanden ist der Tag, um das Ende der deutschen Nachkriegsteilung zu feiern. Aber wer feiert dieses Ereignis heute? Wer feiert es noch? In anderen Ländern gehören öffentliche Feiern viel selbstverständlicher zum Nationalfeiertag. In Deutschland ist der Tag der Einheit für viele vor allem ein freier Tag.
Dass ein Nationalfeiertag auch anders erlebt werden kann, zeigte dieser Abend. Es kann sogar ein Funke überspringen. Die durchweg positiven Rückmeldungen an der Feedbackwand heben hervor, dass gerade der Austausch mit anderen Menschen aus diesem Tag einen Feiertag machten.
„Die Einheit lebt von Vielfalt“
Wie der Abend bei den Gästen ankam, zeigte auch die Feedback-Pinnwand. Dort hinterließen sie unter anderem diese Gedanken:
Danke, dass ihr uns am Tag der Deutschen Einheit so bunt an einem Tisch zusammengebracht habt. :)
Danke! Das war mit Abstand die schönste Feier zum Tag der Deutschen Einheit in meinem Leben. Tolle Idee und sehr sympathische Menschen kennengelernt.
Die Reden waren alle drei extrem stark und ein guter Einstieg in die Veranstaltung. Die Gespräche am Tisch waren interessant, speziell unser Tisch hätte tatsächlich keine Moderation gebraucht.
Wir sind einig, dass die Einheit von Vielfalt lebt.
Mehr davon
Viele Gäste wollten nach dem Abend vor allem eines: mehr davon. Das Format hatte Menschen zusammengebracht, die sich vorher nicht kannten und schnell miteinander ins Gespräch kamen. Unter den Gästen waren viele Weddingerinnen und Weddinger, die sich zuvor nie begegnet waren. Einige wünschten sich eine Fortsetzung im nächsten Jahr, gern im Wedding oder gar im Brunnenviertel.
Die Organisatoren wünschen sich, dass das Gespräch zwischen unterschiedlichen Gruppen auch im Alltag weitergeht. Vielleicht ist das eine Illusion, vielleicht eine Hoffnung.
Transparenzhinweis: Autor Andrei Schnell war an der Organisation des Zivilgesellschaftlichen Festakts beteiligt und moderierte die Veranstaltung. Der Brunnenviertel e.V., für den er ehrenamtlich tätig ist, gehörte zu den Veranstaltern.

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