Seit 40 Jahren ist die NachbarschaftsEtage in der Fabrik Osloer Straße ein fester Ort im Wedding. Viele Menschen im Kiez kennen sie, haben hier Hilfe gefunden, sich engagiert oder selbst etwas auf die Beine gestellt. Auch nach dem Abschied ihrer langjährigen Leiterin Ruth Ditschkowski ist die besondere Kultur des Hauses geblieben. Am 5. September wird das Jubiläum gefeiert.

Am 5. September gibt es von 14 bis 18 Uhr Musik und ein Bühnenprogramm, Angebote für Kinder, Kaffee, Kuchen und Popcorn sowie Informationsstände von Kooperationspartnern. Eingeladen sind die Menschen aus der Nachbarschaft auch alle, die die NachbarschaftsEtage aus früheren Jahren kennen und ihre eigenen Geschichten mitbringen möchten.
Vier Jahrzehnte sind eine lange Zeit für einen Ort im Kiez. Menschen kommen und gehen, Stadtteile verändern sich, neue Themen entstehen. Auch die NachbarschaftsEtage ist heute eine andere als bei ihrer Gründung. Doch ein Grundgedanke ist geblieben: Menschen zusammenbringen, Unterstützung ermöglichen und ihnen Raum geben, selbst aktiv zu werden. Bettina Pinzl, Geschäftsführerin der Fabrik Osloer Straße, fasst das Programm der „NE“ heute mit drei Begriffen zusammen: Hilfe zur Selbsthilfe, Begegnung und Beteiligung an gesellschaftlichen Prozessen.

Von der Kultur zur sozialen Arbeit
1986 wurde die NachbarschaftsEtage von Mitgliedern des Vereins Fabrik Osloer Straße gegründet. Der Verein war bereits 1982 entstanden. Die neue NachbarschaftsEtage sollte Treffpunkt, Anlaufstelle und Ausgangspunkt für soziokulturelle Initiativen und Aktivitäten im Stadtteil sein. In den ersten zehn Jahren stand vor allem Kulturarbeit im Mittelpunkt: Theater, Ausstellungen, Konzerte und Lesungen gehörten zum Programm. Ruth Ditschkowski, die später über Jahrzehnte die NachbarschaftsEtage leitete, sagte rückblickend: „Wir kommen aus der Gemeinwesenarbeit.“
Die Entstehung der NachbarschaftsEtage lässt sich dabei nicht von der Geschichte der Fabrik Osloer Straße trennen. Auf dem Gelände hatte sich bereits seit Ende der 1970er Jahre eine selbstorganisierte Gemeinschaft entwickelt.

Harald „Harry“ Heil, der von 1978 bis 1985 auf dem Gelände engagiert war, beschrieb die damalige Haltung so: „Man muss an etwas glauben, man muss die Initiative ergreifen.“
Herrmann Steppe, der von 1978 bis 1980 dort aktiv war, erinnert sich an die Idee des „Instandbesetzens“.
Ursula Maria Lackner, die bis 1986 auf dem Gelände engagiert war, erinnert sich an die ganz praktischen Anfänge: „Bei uns liefen noch die Ratten über den Hof und du hattest überall die Müllhaufen und die Schrottteile. Das war eben so am Anfang.“
Josef Popp beschreibt vor allem die Gemeinschaft, die damals entstand:
„Wir haben gelebt wie in einer Familie!“ Es sei eine Erfahrung gewesen, die „teilweise bitter, aber auch teilweise sehr befreiend“ war.
Aus diesem Umfeld entwickelte sich die Fabrik Osloer Straße zu einem Ort sozialer und kultureller Arbeit. Die NachbarschaftsEtage wurde zu einem eigenen Treffpunkt für den Stadtteil.



Immer mehr Angebote für den Kiez
Mitte der 1990er Jahre verschob sich der Schwerpunkt. Frauen und Familien rückten stärker in den Mittelpunkt. Es entstanden unter anderem Mutter-Kind-Gruppen, Selbsthilfegruppen, Weiterbildungen vor allem für Frauen, ein Trödelmarkt und Kindertheater. Die NachbarschaftsEtage passte sich damit den Menschen und ihren Bedürfnissen im Kiez an. Dieses Prinzip ist bis heute geblieben.
Im Laufe der Jahre kamen immer mehr Projekte hinzu. Die Schreibabyambulanz wurde zu einer Anlaufstelle für Familien in besonders belastenden Situationen. Die FreiwilligenAgentur Mitte unterstützt Menschen, die sich freiwillig engagieren möchten. Bei PaSch – Paten für Schulkinder geht es um Unterstützung und Begleitung von Kindern. Wie eine solche Patenschaft aussehen kann, zeigt die Geschichte von Annamaria und Akhmat. Das Demokratieprojekt „Demokratie in der Mitte“ setzt einen Schwerpunkt auf demokratische Beteiligung. Auch das Familienzentrum gehört zur Entwicklung der NachbarschaftsEtage.

So entstand über die Jahre ein dichtes Netz aus unterschiedlichen Angeboten und Projekten. Manche richten sich an Familien, andere an Menschen, die Unterstützung suchen. Manche schaffen Möglichkeiten für Engagement, andere bringen Menschen einfach zusammen.
Ein Anker im Soldiner Kiez
Heute gibt es viele Gründe, in die NachbarschaftsEtage zu kommen. Es gibt ein wöchentliches Nachbarschaftsfrühstück, einmal im Monat „Kochen & Kultur“ und einen Spieleabend für gehörlose Menschen in Deutscher Gebärdensprache. Die Vielfalt ist Teil ihrer Stärke.

Die NachbarschaftsEtage ist nicht auf ein bestimmtes Thema oder eine bestimmte Zielgruppe festgelegt. Sie bietet unterschiedliche Möglichkeiten, mit dem Kiez in Kontakt zu kommen.
Entsprechend groß ist ihre Vernetzung. Viele Menschen aus dem Stadtteil und darüber hinaus, Menschen aus Politik, Verwaltung, Vereinen und anderen Einrichtungen kennen die NachbarschaftsEtage oder haben eine persönliche Verbindung zu ihr. Wer in Gesundbrunnen und im Soldiner Kiez mit Nachbarschaft, Sozialem, Kultur, Engagement oder Stadtteilentwicklung zu tun hat, kommt an ihr kaum vorbei. Die NachbarschaftsEtage ist damit zu einem wichtigen Anker im Kiez geworden.
Der Generationenwechsel
Ein besonderer Einschnitt kam 2020. Ruth Ditschkowski ging nach Jahrzehnten in den Ruhestand. Sie war eine prägende Figur der Fabrik Osloer Straße und der NachbarschaftsEtage. Sie hatte die Fabrik mit aufgebaut und die NachbarschaftsEtage über viele Jahre geleitet. Für viele Menschen war sie untrennbar mit diesem Ort verbunden. Entsprechend groß war die Sorge vor dem Wechsel.

Ruth Ditschkowski hatte einen ganz eigenen Stil, die Geschicke in der NachbarschaftsEtage zu leiten. Sie suchte das Gespräch, redete viel mit den unterschiedlichsten Menschen und legte Wert darauf, dass Entscheidungen gemeinsam getragen wurden. Besonders wichtig war ihr ein wertschätzendes Miteinander – in der NachbarschaftsEtage ebenso wie in der Fabrik.
Ihre Nachfolgerin wurde Melina Sifnaiou. Der Wechsel gelang. Sifnaiou führt die NachbarschaftsEtage heute weiter und setzt dabei vieles von dem fort, was Ditschkowski wichtig war. Ruth Ditschkowski sagte einmal über ihre Nachfolgerin: „Melina könnte meine Tochter sein.“ Sie meinte damit vor allem die Ähnlichkeit in ihrer Art, mit Menschen umzugehen und die NachbarschaftsEtage zu führen. Die Person an der Spitze wechselte. Die besondere Kultur des Hauses blieb.

40 Jahre und kein Stillstand
Vielleicht liegt genau darin die Stärke der NachbarschaftsEtage. Sie ist nicht 40 Jahre lang gleich geblieben. Ihre Angebote haben sich verändert, neue Projekte sind entstanden, neue Menschen hinzugekommen. Erst vor kurzem wurde die Küche barriereärmer und inklusiver gestaltet. Aus der Kulturarbeit der ersten Jahre wurde ein breites Angebot aus sozialer Unterstützung, Familienarbeit, freiwilligem Engagement, Demokratiearbeit und Begegnung. Geblieben ist der Anspruch, einen offenen und niedrigschwelligen Ort für die Nachbarschaft zu schaffen. Einen Ort, an dem Menschen Unterstützung finden – aber ebenso die Möglichkeit, selbst etwas einzubringen.
Am 5. September wird dieses besondere Jubiläum gefeiert. Und wer die NachbarschaftsEtage noch aus früheren Zeiten kennt, ist ausdrücklich eingeladen, nicht nur mitzufeiern, sondern auch eine eigene Geschichte mitzubringen.
Denn 40 Jahre NachbarschaftsEtage sind vor allem 40 Jahre Menschen, die diesen Ort geprägt, genutzt und weiterentwickelt haben.

Transparenzhinweis: Die Autorin ist selbst ehrenamtlich in der Fabrik Osloer Straße gGmbH engagiert. Sie kennt die NachbarschaftsEtage und ihre Geschichte aus eigener Erfahrung und hat für diesen Beitrag unter anderem auf eigene Erinnerungen, Gespräche und Materialien der Fabrik Osloer Straße zurückgegriffen.

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