„Fass mich nicht an“, tönt der gellende Schrei einer Mieterin über Hof des Kulturhofes in der Koloniestraße 10. Ein Radlader wartet am Mittwoch (8.1.) mit laufendem Motor in der Toreinfahrt, ein Securitymitarbeiter rennt vor der Polizei davon. In der Kolonie 10 geht es um die Frage Abriss Ja oder Nein. Aber auch um die Frage: Wie wollen wir in Berlin miteinander umgehen?

Der Kampf zwischen Investor und Mieter um die Koloniestraße 10 dauert seit vielen Jahren und heute (Freitag, 10.1.) wird zu einer Kundgebung um 16 Uhr an der Kolonie 10 aufgerufen. Hinter dem verästelten Streit geht es dabei um die Frage, ob Konflikte miteinander oder gegeneinander gelöst werden sollen. Auf Kosten des Gegenübers oder zum beiderseitigen Nutzen.
So fragt am Mittwoch (8.1.) der Vertreter des Bauherrn von der einen Seite des Bauzauns: „In was für einer Welt leben Sie eigentlich?“ Gemeint ist: Die Welt ist eben so, dass jeder an sich denkt. Von der anderen Seite des Zauns fragt der Mieter zurück: „Die Frage ist, in welcher Welt wollen wir leben“. Gemeint ist: Jeder hat die Freiheit, nicht mitzumachen beim Profitstreben. Der Vertreter des Investors spricht von einer Rendite als notwendigen Anreiz. Der Mieter von Verdrängung um des persönlichen Vorteils willen.

Mittwoch, 8. Januar 2025
Zwei Welten prallen in der Koloniestraße 10 aufeinander, während Bauarbeiter beginnen, die Türen der Garagen abzubrechen. Es hat etwas Symbolisches, wie sich Mieter und Immobilienmanager in dem schmalen langgestreckten Hof gegenüberstehen. Sie wirken gemeinsam gefangen auf dem kleinen Fleckchen Erde zwischen Remisen, Garagen und Miethäusern. Wie in der Metapher von dem Boot, in dem alle sitzen. Von außen betrachtet steht über der Szene: Findet zueinander, einigt euch, arbeitet zusammen, denn der Platz ist knapp; es muss doch ein Kompromiss möglich sein, also so zu bauen, dass die Mieter gern bleiben. Doch vom Boden der Beteiligten aus betrachtet, ist da auf dem kleinen Fleckchen Erde ein Aluminiumzaun, der den Raum noch enger macht, beide Seiten einengt. Mieter und Bauherrenvertreter stehen für je eine Art, wie Menschen miteinander umgehen können – die unterschiedlicher kaum sein könnten.
Verbindlich im Ton, aber hart in der Sache
Der Vertreter des Bauherrn spricht samten. Und zieht dabei die Samthandschuhe aus. Denn er koordiniert den Abriss der Garagen und zerstört damit den Kulturhof. Der Mieter ist laut, er will dass alle hören, dass es nicht richtig sein kann, hochpreisige Mietwohnungen zu bauen, wenn preiswerte gebraucht werden.
Verbindlich im Ton, aber hart in der Sache spricht der Vertreter des Bauherrn. Der Investor möchte bauen und dafür sind die Mieter im Wege. Deshalb sollen sie gehen. Denn dann kann er nach den Garagen auch die Remisen abreißen und hat Platz für sein Bauprojekt. Der Vertreter des Bauherrn sagt diesem Blog: „In den Remisen wohnen noch Mieter“. Noch? Gibt es nicht den Milieuschutz? „Auch da gibt es Möglichkeiten“. Dann bricht er das Gespräch mit dem Reporter ab.
Die Mieter möchten, dass die bestehenden Gesetze eingehalten werden. Dass Milieuschutz gilt. Dass Naturschutz gilt. Dass der Vogelschutz gilt. Doch letzteren engt ein Gutachten des freiberuflichen Gutachters Rainer Altenkamp ein. „Das Gutachten von Rainer Altenkamp über den fast vollständig versiegelten Hof sagt klar aus: Es gab bzw. gibt dort nur sehr wenige Niststätten von Vögeln und ein von einer Fledermaus genutztes Fledermausquartier“, teilt der Naturschutzbund Berlin (NABU) mit. Rainer Altenkamp ist nicht nur Gutachter, sondern auch ehrenamtlich 1. Vorstitzender des Berliner Nabu. Zwei Gutachten stehen sich nun gegenüber. Denn so wie der Investor Rainer Altenkamp beauftragt hat, so haben auch die Mieter einen Experten beauftragt. Und der kommt zu anderen Einschätzungen.
Die Mieter mobilisieren Freunde. Holen sich Hilfe in der Verwaltung. Stadtrat Ephraim Gothe (SPD) und Mitarbeiter der Naturschutzbehörde kommen am Mittwoch in aller Frühe. „Baurechtlich sind aus dem Milieuschutz heraus nur die Wohnungen in den Remisen geschützt“, sagt Stadtrat Ephraim Gothe diesem Blog. Die Remisen stehen auf dem Hof linkerhand. Die Garagen stehen rechts. Mit anderen Worten: Die Garagen dürfen jetzt zum größten Teil abgerissen werden. Wenn auch ausschließlich sie. Denn Wein und Hecken müssen stehen bleiben. Der Wein wird mit Bauzäunen gestützt. Vorerst. Und Bagger dürfen den Hof nicht befahren, weil sie sonst Hecken beschädigen.

Mieter im Dauerkampf bis zum Feierabend
Doch kurz vor Feierabend wollen die Bauarbeiter dennoch mit einem gelben Kompaktlader den Hof befahren. „Das dürfen sie nicht, das wurde besprochen“, sagt eine Mieterin und stellt sich dem gelben, rasselnden Gefährt mit vorgestreckter Palettengabel in den Weg. Ein Securitymitarbeiter des Bauunternehmens will sie wegziehen. „Fass mich nicht an“, schreit die Mieterin. Freunde der Mieter sind zur Stelle. Männliche. Der Securitymitarbeiter lässt los. Die Polizei wird gerufen. Die Personalien des Securitymitarbeiters habe die Polizei nicht aufnehmen können, erzählen die Mieter später. Er sei bei deren Eintreffen davongelaufen.
Das ist die letzte Aufregung an diesem langen Tag, der für die Mieter morgens um 7 Uhr im Dunkeln begann. Die Mieter blieben fast die gesamte Zeit auf dem Hof, um achtzugeben, dass keine juristische Grenze übertreten wird. Die Bauarbeiter der Rudower Firma Karamba Karacho Abbruch- und Entsorgungs GmbH machen Feierabend. Vorerst. Bis zum nächsten Morgen.
Machen, was ich will
Nächster Tag, Donnerstag, früh. Wieder stehen sich Bauarbeiter und Mieter im schmalen Hof am Zaun gegenüber. „Wenn jemand ein Grundstück legal kauft, dann darf der bauen“, sagt ein Vertreter der Baufirma. Motto: Jeder darf machen, was er will. „Aber es gelten dennoch Gesetze“, ist die Antwort. Motto: Eigentum verpflichtet. „Ich sehe hier keine einzige Fledermaus“, hält der Vertreter der Baufirma dagegen. Die Mieter: „Wenn du mit lautem Gerät hier arbeitest, kommt auch keine heraus. Gutachten belegen, dass es welche gibt.“
In welchem Sinne das Motto „Jeder darf machen was er will“ gemeint ist, zeigt sich kurz darauf an der Heizungsanlage. Ein Monteur beginnt am Heizbrenner zu schrauben. Stadtrat Christopher Schriner (Grüne) ist gerade vor Ort. Sofort telefoniert er mit dem Investor. „Sie müssen einen geordneten Prozess aufsetzen“, sagt er und betont das Wort „geordnet“. Ob Absicht oder Fehler, jedenfalls fehlte eine Ankündigung, dass an der Heizung gearbeitet werden soll. Der Monteur geht wieder, der Brenner surrt wieder. Er habe sich auch gewundert, dass er kommen sollte, bevor die Mieter per Aushang über die Arbeiten informiert wurden, sagt der Monteur. Die Heizung bleibt in Betrieb. Vorerst.

Gegeneinander oder Miteinander
Seit vielen Jahren kämpfen die Mieter der Kolonie 10 für den Erhalt des idyllischen Hofes mit Remisen und Garagen. In letzteren wurden übrigens keine Autos untergestellt, sondern arbeiteten Künstler. Kulturhof nennen die Mieter den Ort. Er soll ein Ort für alle sein, nicht für sie allein. Feste und Kulturveranstaltungen haben sie in den letzten Jahren organisiert. Fotos auf der Webseite https://kolonie10.de erzählen davon.
Ja, auch Interessen prallen in der Koloniestraße 10 aufeinander. Der Investor will bauen. Wie auf dem Nachbargrundstück. Dort wird laut einem Immobilienportal eine Wohnung mit 19 (!) Quadratmetern für 590 Euro Kaltmiete angeboten. Das sind mehr als 30 Euro pro Quadratmeter. Die Mieter wollen weiter bezahlbar in richtigen Wohnungen ein Zuhause haben. Im Vorderhaus. In den Remisen.
Doch auch unterschiedliche Welten prallen im Kulturhof aufeinander. In der Welt der Mieter gilt der Grundsatz, gemeinsam lässt sich mehr erreichen als vereinzelt. In der Welt des Investors kämpft jeder für sich. Dass die Mieter diese Regel nicht befolgen und statt dessen zusammenhalten, ist vermutlich das größte Problem für den Investor. Für den Beobachter bleibt die Frage: Wie wollen wir in Berlin miteinander umgehen? Auf Kosten des Anderen oder mit gegenseitiger Unterstützung zum Kompromiss bereit?
Weiterlesen
Im August sah die Lage in der Kolonie 10 noch anders aus. Wir haben im Beitrag Koloniestraße 10: Mieter optimistisch darüber berichtet.

Kommentar verfassen