Meinung. Die schönsten Remisen im Stadtteil stehen in der Koloniestraße 10. Klar. Halt! Ist das wirklich klar? Wir haben uns aufs Rad geschwungen und sind durch viele offene Toreinfahrten gefahren auf der Suche nach der Baukultur hinter Weddings Fassaden. Fazit 1: Remisen gibt es nur noch wenige. Fazit 2: Wenn ihr uns nicht schönere Bilder schickt, dann gehört der erste Preis wirklich der Koloniestraße 10.
Zuerst: Was ist überhaupt eine Remise? Es ist keine Garage, keine Lagerhalle, keine Baracke. Es ist auch keine zu klein geratene Fabrik und kein halbhohes Gewerbehaus. Wikipedia sagt: „Eine Remise ist ein Wirtschaftsgebäude in Form eines Unterstands, das in der Regel an der rückwärtigen Grundstücksgrenze für Fahrzeuge oder Geräte errichtet wurde.“ Laut Wikipedia befanden sich „mitunter“ in den Remisen auch Wohnungen. Wir sagen mal an dieser Stelle: Diese Bedingung ist für uns entscheidend. Sprich: Eine Remise ist ein Depot mit Aufbau. Oder Anbau. Und aus Backstein. Weil Ende des 19. Jahrhunderts errichtet. Wer eine klügere Definition hat und vom Fach ist oder auch nicht, kann diese gern für sich behalten, weil es in diesem Artikel eben um diese Art von Remisen geht und nicht alle anderen denkbaren Arten.
Das Wunder der Remise

Lost gehts. Ganz weit vorn im Rennen um die schönste Remise liegt ein Kleinod in unmittelbarer Nachbarschaft zu Frau Wunderwald. So wie die Holzzauberinnen um Lydia Wunderwald aus demolierten Möbeln wieder kostbare Einzelstücke machen, so hat ein Hauskenner diese herzallerliebste Remise zwischen Travemünder Straße und Prinzenallee hergerichtet. Versteckt im Hinterhof ist sie für Freunde des Kuschelbaus einfach eine Pracht.
Vorsicht mit der Axt im Garagenwalde!
Bald soll ja das Areal zwischen Badstraße, Böttgerstraße, Hochstraße und Bastianstraße umgekrempelt werden. (Wir haben im Juni 2023 im Beitrag Umbau des Gesundbrunnens beschlossen berichtet). Im Moment stehen dort größtenteils Garagen, Baracken und Flachbauten. Aber nicht nur. Es bleibt zu hoffen, dass die Axt im Garagenwalde nicht auch Remisen (und historische Fabriken) trifft. In der Badstraße 66 befindet sich zum Beispiel ein wundervoller Innenhof. „Photographisches Atelier“ ist noch zu lesen. Ja, die Gebäude sind vor allem Fabrikgebäude, weil früher Qualm und Lärm gleich neben den Mülltonnen produziert wurde. Aber dann, siehe da, auch eine kleine Remise ist zu erkennen (rechtes Bild).


Die typischste Remise
Die aus unserer Sicht typischste Remise findet sich in der Müllerstraße 135. Schön zu sehen sind die Tore, die das Minigebäude wie eine Garage wirken lassen. Wenn da nicht eine Etage über ihnen die Fenster anzeigen würden, dass der Bau nicht ausschließlich zum Abstellen von Pferden und Kutschen diente.

Jugend im historischen Bau
Ehrlicherweise muss man sagen, dass heute für Remisen kaum noch eine richtig treffende Nutzung zu finden ist. Aber sie ist möglich. Als Jugendtreff eignen sie sich zum Beispiel. Sie sind versteckt und haben eine gute Größe zwischen zu groß und zu klein. Die Remise Putte zum Beispiel ist ein Jugendtreff, der in den 1970er Jahren von der Putbusser Straße vertrieben wurde, weil die Erzieher für ihre Jugendarbeit einfach ein Haus besetzt hatten. Heute liegt die Putte zwischen Biesentaler Straße und Osloer Straße, der Betreiberverein hat als Vornamen das Wort Remise gewählt.
Ein zweiter Ort, der Angebote für Jugendliche macht, ist Die Lynar. Und der befindet sich (richtig!), in der Lynarstraße. Und sieht sogar schmuck aus.

Remise als Stuck der Stadt
Warum werden Remisen eigentlich so mir nichts, dir nichts abgerissen? Die Antwort ist vermutlich dieselbe wie die auf die Frage, warum in den 1950er und 1960er Jahren der Stuck von Fassaden der Miethäuser geschlagen wurde. Aus Sicht von Immobilienbesitzer war der Schmuck überflüssig und hässlich, weil teuer. So sind Remisen für Grundbesitzer unansehnlich, weil mit zu wenig Quadratmetern Nutzfläche ausgestattet. Deshalb hat das Chemieunternehmen Bayer vor kurzem in der Tegeler Straße Remisen abreißen lassen, um Platz für eine (vermutlich mehrstöckige) Versandzentrale zu schaffen. Und in der Koloniestraße 10 will ein Investor die dortigen Remisen für mehrgeschossige Miethäuser abreißen.


Unter Denkmalschutz stehen …
- Remisen in der Badstraße 33 (das schief abgestellte Haus, das dort aus der Reihe/Fluchtlinie tanzt)
- Remise in der Kattegatstraße 5
- Remise in der Liebenwalder Straße 2-3 (historische Fabrik Zenith)
- Remisen in der Prinzenallee 83 hinter dem sogenannten Roten Schloss gegenüber der Gesundbrunnen-Schule
Die Kürze der Liste, obwohl es noch die eine oder andere Remise im Wedding gibt, beweist: Bei den Denkmalschutzbehörden ist noch nicht angekommen, dass Remisen langsam knapp werden. Wird zu lange gewartet, gibt es bald kaum noch welche.
Zum Schluss noch mal zwei Fotos von den schönsten Remisen. So sieht der Hof in der Koloniestraße 10 aus.



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