Noch ist das am 28. November feierlich eröffnete Bayer-Co.Lab ein zwar neues, aber weitgehend leeres Labor. Doch für die Pharmasparte des Konzerns Bayer ist der Tag der Eröffnung ein wichtiger. Denn der Konzern drückt mit dem Co.Lab-Berlin aus, dass er daran glaubt, dass der Wedding mit Boston oder Shanghai gleichziehen kann. Eines Tages. Erster Mieter im Co.Lab ist das Start-up Myopax.

Beinahe 200.000 Quadratmeter groß ist das riesige Bayer-Gelände an der Müllerstraße, mehrere tausend Menschen arbeiten hier. Es ist ein großer Industriestandort. Für den Moment. Nun hat der Chemieriese auf weniger als eintausend Quadratmetern Platz geschaffen für Start-ups mit einer Handvoll Mitarbeitern. Die Laboretage weit oben im Forschungshochhaus Sellerstraße wirkt wie ein kleines Nest. In ihm soll Zukunft wachsen. Forscher sollen hier geschützt medizinische Anwendungen bebrüten können, bis ihre Produkte flügge geworden sind.

Medizinforschung orientiert sich an Boston
Co.Lab-Berlin nennt Bayer die Etage, die ab sofort exklusiv für Bio-Start-ups vorbehalten ist. Für den Konzern ist das – relativ – kleine Co.Lab-Berlin eine wichtige Sache. Deshalb feiert das Pharma- und Chemieunternehmen Ende November in der Müllerstraße die Eröffnung mit einem umfangreichen Tagesprogramm und mit weit über hundert Gästen und Prominenz. So ist der Regierende Bürgermeister Kai Wegner gekommen. Dieser spricht anschaulich vom „Boston an der Spree“. Gemeint ist, Berlin solle wie die Stadt im amerikanischen Massachusetts werden.
Wikipedia sagt, worauf es bei dem Ziel ankommt. Boston nimmt „den ersten Platz aller US-amerikanischen Städte bei der Akquisition von Forschungsgeldern im Gesundheitssektor ein.“ In der Medizinforschung ist Boston eine globale Marke. Damit Berlin den Anschluss zur Weltspitze und damit nicht nur mit Boston hält, dürfe es sich nicht mit München vergleichen, sagt Kai Wegner. Deshalb dürfe Berlin nicht dabei stehen bleiben, sich darüber zu freuen, mehr Start-ups als Bayern zu haben. Berlin müsse sich mit Boston vergleichen.
Bayer hat in Cambrigde (unweit von Boston auf der anderen Flußseite des Charles River gelegen) bereits ein Co.Lab eröffnet. Und im japanischen Kobe. Und in Shanghai. Nun folgt Berlin. Die Stadt, die eigentlich Hauptsitz der Pharmasparte von Bayer ist. Hier hat Vorstand Stefan Oelrich in den silberfarbenen Fabriken und Bürohäusern an der Müller-, Fenn- und Sellerstraße bislang sein Büro. Es ist vermutlich nicht zu wild spekuliert, dass das Co.Lab-Berlin auch die Aufgabe erfüllen soll, Berlin weiterhin als zentralen Standort im Bayer-Netzwerk zu halten. Denn vereinfacht gesagt, verdient die Pharmasparte des Konzerns zwar (noch) ihr Geld mit Pillen, doch es muss darauf achten, dass künftig die Gene Umsatz machen.

Myopax kann Muskelschwund umkehren
Es ist kein Zufall, dass der erste Mieter im Berliner Co.Lab mit Stammzellen forscht. Gene sind die Zukunft, heißt es in der Branche. Myopax will es mit Genveränderungen schaffen, extrem beeinträchtigende und am Ende tödliche Krankheiten zu heilen. Also nicht Symptome lindern oder das Fortschreiten einer Krankheit bremsen, sondern das Problem an der Ursache packen. Konkret will Myopax Muskeldystrophie heilen. Diese Auflösung von Muskelgewebe ist eine Erbkrankheit und nicht zu verwechseln mit Multiple Sklerose (MS), bei der entzündete Nerven zum Muskelverlust führen. Doch immer dann, wenn die Ursache der Krankheit in den Muskelzellen selbst liegt, kann die Genreparatur helfen. In der Theorie klappt das schon. Jetzt will Myopax daran arbeiten, die Hürden der Praxis zu nehmen.
Myopax ist das erste Start-up, das sich in den neuen Laboren im Bayer-Hochhaus auf den Flug macht, von ganz klein zu ganz groß werden will. Verena Schöwel-Wolf, Geschäftsführerin und eine von drei Gründerinnen von Myopax, sagt, sie habe am Bayerlabor Co.Lab überzeugt, dass dieses vollständig eingerichtet sei. „Ich kann sofort anfangen“, sagt sie und meint das wortwörtlich. Man könnte sagen, sie setzt sich in das gemachte Nest. Außerdem findet sie reizvoll, dass sie nun jederzeit in Bayer-Co.Labs in Cambridge, Kobe und Shanghai einchecken kann. Vorteil Netzwerk, bezeichnet Bayer dieses Angebot.
Bayer Co.Lab ist erst der Anfang
Bayer will es nicht beim Nest für startende Biotech-Unternehmen belassen. In den nächsten Jahren soll ein ganzer Taubenschlag folgen. So soll am Nordufer ein Translationszentrum entstehen; ein eigenes Haus, in dem Forscher Erkenntnisse der Wissenschaft in praktische Medizin übersetzen können.
Das Translationszentrum ist eine Kooperation zwischen Bayer und der Charité. 2028 soll es eröffnen. Die Bundesregierung gibt 80 Millionen Euro zu dem Projekt, Berlin unterstützt mit weiteren Millionen. Baubeginn für das zehnstöckige Gebäude mit 18.000 Quadratmetern soll im nächsten Jahr sein.

Colaborator, die zweite
Bayer hatte sich bereits 2014 das Ziel gesetzt, Biotech-Gründer in Berlin zu halten. Damals eröffnete der Konzern einen Colaborator. Vor zehn Jahren war der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit zur Eröffnung gekommen. So wie heute das Co.Lab folgte auch der Colaborator dem Leitspruch: Der frühe Vogel fängt den Wurm. Sprich: Junge Unternehmen sollten alles vorfinden, um schnell von der Idee zum Produkt zu kommen. Wie das heutige Co.Lab war auch der Colaborator in ein weltweites Bayer-Netzwerk eingeflochten. Flächenmäßig klein, aber begleitet von großen Hoffnungen auf künftige medizinische Anwendungen war der Colaborator, genauso wie heute das Co.Lab. Der Colaborator befand sich in einem von der Fennstraße aus sichtbaren, blau gestrichenen Flachbau. Hier waren auf rund 400 Quadratmetern mehrere Unternehmen gestartet, die Medizin auf Basis von Zelltherapien entwickeln wollten.
Und einige haben es geschafft. Einer der Profiteure des Colaborators ist zum Beispiel das Unternehmen Cellbricks. Heute steht Cellbricks beim Drucken von menschlichen Organen vermutlich kurz vor dem Durchbruch. In ein bis zwei Jahren könnten die ersten künstlich hergestellten Gewebe ihren Weg in die Krankenhäuser finden. Weltweit gibt es eine Handvoll Unternehmen, die ähnliches vorhaben; in Deutschland nur eines, Cellbricks. Geschäftsadresse ist weiterhin die Müllerstraße 178.
Der Weddinger Bayer-Standort ist längst von einer Adresse eines firmeneigenen Werk zu einem Campus von Biotech-Unternehmen geworden. Neben Nuvisan, einem Dienstleister für Arzneimittelstudien, hat auch Bluerock eine Filiale auf dem Bayergelände. Bayer ist an dem auf Zelltherapien spezialisierten Unternehmen Bluerock beteiligt.
Medizin aus der Müllerstraße hat Tradition
In der Müllerstraße hatte bis zur Übernahme durch Bayer im Jahr 2006 die Schering AG ihren Hauptsitz. Der ehemalige große DAX-Konzern hat auch klein angefangen. 1864 setzte der Apotheker Ernst Schering die damals noch neue Idee um, eine Chemiefabrik zu bauen. Er wählte als Standort die Müllerstraße 171. Sieben Jahre später wandelte er sein Unternehmen in eine Aktiengesellschaft um. Aus der einzelnen Fabrik wurde nach 1900 ein Pharmaunternehmen mit mehreren Standorten und über 1000 Beschäftigten. Kann sich eine solche durchschlagende Geschichte, die mit einer Apotheke beginnt und mit einem Weltkonzern mit 25.000 Mitarbeitern endet, wiederholen? Das Co.Lab-Berlin zeigt, dass Bayer daran glaubt. Der Wedding, eingebettet in die Wissenschaftsstadt Berlin, könnte im weltweiten Wettlauf eine echte Chance haben. Mehr über den Bayer-Standort in der Müllerstraße steht auf der auf der Unternehmenswebseite.

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