Auf den ersten Blick gibt es einige Parallelen zwischen dem Abriss des Kulturhofes Koloniestraße und dem geplanten Abriss der Tegeler Straße 2-7. Doch bei genauerem Hinsehen gibt es Unterschiede. In der Koloniestraße ein Investor, der sich nicht scheut, unsanft vorzugehen. In der Tegeler Straße will das Unternehmen Bayer durchaus Rücksicht nehmen. Und hat Pläne, die auch der Stadt nutzen.
Wer gern schwarz sieht, der sieht überall Deindustrialisierung. Wer dagegen mit Mitarbeitern von Bayer spricht, dem begegnet dagegen die klare Erwartung, dass der Pharmastandort des Konzerns als Industriestätte wächst. Eine neue Produktionshalle soll entstehen. Weit über 100 nach Tariflohn bezahlte Arbeitsplätze sollen kommen. Berlin soll Zukunftstechnologien bekommen. Toll. Doch der Haken ist: Auf der vorgesehenen Fläche stehen fünf Miethäuser.
Auf den ersten Blick wirkt die Situation an der Tegeler Straße wie der Zusammenstoß zweier berechtigter Interessen. Auf der einen Seite stehen dringend benötigte, gut entlohnte Industriearbeitsplätze. Auf der anderen Seite stehen Mieter, die in einem angespannten Mietmarkt in ihren Wohnungen bleiben wollen. Konkret stehen die Miethäuser in der Tegeler Straße 2 bis 7 vor dem Abriss durch Bayer. Das Unternehmen will nicht, dass die Interessen gegeneinander ausgespielt werden und strebt eine zumindest gütliche Einigung an, wo eine gute Lösung kaum möglich ist.

Miethäuser stehen Millioneninvestitionen im Wege
Standortleiterin für den Pharmakomplex entlang der Fennstraße ist Dr. Bettina von Streit. Sie lädt zum Pressegespräch in das 1975 fertiggestellte, silberfarbene Hochhaus in der Müllerstraße 178 ein. Sie spricht in dem zu besten Scheringzeiten errichteten Büro- und Forschungsgebäude von der neuen Zukunft, vor der Bayer im Wedding stehe. „So viele positive Vorzeichen hatte der Standort Berlin lange nicht mehr“, sagt die Standortleiterin.
Die Zahlen sind tatsächlich beeindruckend. 150 Millionen Euro investiert Bayer aktuell in eine vorhandene Produktionshalle in der Fennstraße. Weitere 170 Millionen Euro will Bayer für eine neue Produktionsstätte in der Tegeler Straße in die Hand nehmen. Die Investition würde nicht nur die Arbeitsplätze der über 4000 derzeitigen Arbeitsplätze (davon 1000 in der Produktion) sichern, sondern weit über hundert neue tarifgebundene Beschäftigungen in der Industrie schaffen.
Doch Stopp. In der Tegeler Straße stehen Miethäuser. Die sind dem Industriewachstum im Wege. Bislang drehte sich der schon seit langem schwelende Konflikt zwischen Bayer und Mieter um die Häuser 2 bis 5. Jetzt sind die Hausnummern 6 und 7 hinzugekommen. Die Kündigungen habe Bayer vor Kurzem verschickt, sagt Dr. Bettina von Streit. 22 Mietparteien leben nach Aussage der Standortleiterin in der Tegeler Straße 6 und 7. Drei weitere Mietparteien würden in den Hausnummern 2 bis 5 leben.
Die Mieter sind beunruhigt. Denn die teilweise alten Mietverträge sind vorteilhaft und der Berliner Mietmarkt angespannt. Am Freitag (17.1.) gab es auf Initiative der SPD eine Demonstration. „Es sind noch sehr viele Fragen durch Bayer zu beantworten“, sagt die Abgeordnete Dr. Maja Lasić (SPD), „Die heutigen Darlegungen haben nicht ausreichend zur Klärung beigetragen“.
Bayer macht Angebot zur Güte
Die Bayer-Standortleiterin Dr. Bettina von Streit sagt, es sei ihr ein Anliegen, den Auszug der Mieter sozial verträglich zu organisieren. Tatsächlich gibt sich der Industrieriese an der Müllerstraße Mühe, wenn er schon bei den Häusern mit der Abrissbirne vorgeht, wenigstens bei den Menschen nicht mit der Brechstange vorzugehen.
So habe Bayer bei einem Informationsabend die Mieter informiert, wie Auszug abgefedert werden solle. So stelle Bayer Umzugshilfen, übernehme in bestimmten Situation auch Umzugskosten. Die finanziellen Hilfen richteten sich nach Mietdauer und Wohnungsgröße. Außerdem bezahle Bayer eine externe, neutrale Beraterin, die den Mietern in praktischen Fragen bei der Suche nach einer neuen Wohnung helfe. Bayer kündige die Wohnungen bewusst jetzt (obwohl jetzt Wahlkampf sei), damit die Mieter ein Jahr lang Zeit haben, eine neue Wohnung zu finden.
Vom Abriss betroffen sind auch Gewerbemieter. Bei einigen Gewerbetreibenden, die dem Pharmaunternehmen zuarbeiten, hoffe der Konzern, sie künftig auf dem Werksgelände unterbringen zu können. Auch für die Kita Bunter Stern des Trägers SEHStern e.V. soll eine Lösung gefunden werden. „Es ist unser Interesse, eine Kita in der Nähe zu haben“, sagt Dr. Bettina von Streit.
Wie gut die Angebote des Konzerns sind, müssen die Betroffenen selbst entscheiden. Doch nicht zu leugnen ist die Absicht des Konzerns, eine Einigung im Guten anzustreben.
Exkurs ins Rechtliche
Am 20. April 2020 hat Bayer beim Bezirksamt Mitte den Abriss der Häuser Tegeler Straße beantragt. Das Amt genehmigte diesen am 4. November 2020. Denn (eine vielleicht überraschende Tatsache) die Miethäuser in der Tegeler Straße sind gewissermaßen unerlaubt. Sie stehen in einem Gewerbegebiet. Und das seit 1960. Vor über 80 Jahren hatte Berlin einen Baunutzungsplan für das gesamte Westberlin aufgestellt. Der Plan sieht für die Fennstraße Produktion und nicht Wohnen vor. Seitdem sind die Wohngebäude als eine Art Zwischennutzung auf einer Industriefläche zu verstehen.
Gegen diese Auffassung steht ein im vergangenen Jahr erstelltes Gutachten, das die Fraktion der Linken beauftragt hatte. Die Kanzlei Gaßner, Groth, Siederer und Coll argumentiert darin: Bei den zum Abriss bestimmten Gebäuden handele es sich um schutzwürdigen Wohnraum gemäß Zweckentfremdungsverbot. Schließlich sei weit früher in den Jahren von 1878 bis 1884 eine Baugenehmigung zu Wohnzwecken erteilt worden.
Mieter und Bayer Berlin stehen unter Druck
In dem Konflikt stehen beide Seiten unter Druck. Den Mietern fällt es aufgrund der Mietenpolitik der letzten Jahrzehnte schwer, schnell und einfach eine vergleichbare Wohnung zu vergleichbaren Konditionen zu finden. Den Standortvorteil des preisgünstigen Wohnraums haben die Lenker der Geschicke der Stadt längst verspielt. Das erschwert in diesem Fall die Industrieansiedlung. Denn vermutlich nicht alle Mieter werden es trotz der Unterstützung durch Bayer mit dem Auszug allzu eilig haben.
Unter Druck steht auch Bayer. Und zwar intern. So sagt Dr. Bettina von Streit, der Wettbewerb um die neue Produktionsstätte laufe unter den deutschen und internationalen Bayer-Standorten. Kosten, Fachkräfte, politische Unterstützung und nicht zuletzt Baufreiheit würden entscheiden.
Wichtig sei für den Berliner Bayer-Standort die neue Produktionsstätte auch deshalb, weil nicht eine beliebige Industriehalle errichtet werde. Mit einer speziell für neuartige Gen- und Zelltherapien entwickelten Fabrik will Bayer in der Tegeler Straße den Anschluss an zukunftsfeste Fertigungsweisen und Medizinprodukte schaffen. Zusätzlich wird in unmittelbarer Nachbarschaft zur Tegeler Straße am Nordhafenbecken in Kooperation mit der Charité und mit hohen Zuschüssen von der Bundesregierung ein Biotech-Zentrum (Translationszentrum) entstehen. Angesichts der Zukunftsperspektiven für Bayer sprach deshalb der Regierende Bürgermeister Kai Wegner vor Kurzem von einem „Boston an der Spree“ . Ob für diese Vision des Mitspielens in der Weltliga der Ausgleich mit den Mietern in der Tegeler Straße im Guten gelingt oder im Bösen passiert, das wird das kommende Jahr zeigen.

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