Domfriedhof St. Hedwig: Begraben im Schatten der Mauer

Drei der vier Friedhöfe in der Liesenstraße lagen bis 1990 in Ostberlin. Viele Grabanlagen und Gebäude mussten dem Bau der Berliner Mauer und ihrer Grenzanlagen weichen. Auf dem Domfriedhof St. Hedwig soll bald eine Dauerausstellung an diese Zeit erinnern. Für Corinna Neinaß Anlass genug, sich näher mit diesem besonderen Ort zu beschäftigen.

St. Annenkapelle auf dem Domfriedhof St. Hedwig, vorn die zwei Engel von Josef Limburg. Foto: Corinna Neinaß
St. Annenkapelle auf dem Domfriedhof St. Hedwig, vorn die zwei Engel von Josef Limburg. Foto: Corinna Neinaß

Es gibt noch Reste der Berliner Mauer, einige Segmente der Hinterlandmauer auf dem Friedhofsgelände des katholischen Domfriedhofs, und fünfzehn Meter Mauer direkt neben den Liesenbrücken. Das freie Areal dazwischen lässt die ehemalige Grenze erahnen. Vierzig Meter breit war dieses Niemandsland, auf dem sich einst Gebäude und Gräber befanden. Sie waren abgerissen oder eingeebnet worden. Diese Geschichte des Mauerbaus soll nun hier vor Ort erzählt werden.

Die Dauerausstellung, die neben den Mauerresten an den Liesenbrücken entsteht, wird von der Katholischen Domgemeinde St. Hedwig und der Deutschen Klassenlotterie Berlin finanziert. Von Ausstellungsgestalter Andreas Neumann erfahre ich, dass Schülerinnen und Schüler zweier Gymnasien an dem Projekt mitwirken. Im November wird ein Modell präsentiert, dann geht es an die Ausschreibung und Vergabe der Bauaufträge. Die Inhalte erarbeitet eine zweite Gruppe, angeleitet von Historiker Thomas Lackmann. Sie schreibt die Texte, recherchiert nach Fotos, nutzt unter anderem das Landesarchiv. Welche Gräber waren betroffen, und wie gestaltete sich der Friedhofsbesuch für die Angehörigen?

Ein Dichter mit französischen Wurzeln

Nach dem Mauerbau konnten die drei Friedhöfe nur über die Wöhlertstraße erreicht werden, zur Grabpflege. Als der Feuilletonist Heinz Knobloch das Grab Theodor Fontanes zu dessen 80. Todestag 1978 besuchen wollte, benötigte er einen Passierschein. Die Irrungen und Wirrungen rund um den Besuch, die Antragstellung und auch die Kontrolle des Passierscheins schildert er in „Wanderungen zu Fontanes Grab“. Orientierung bei der Grabsuche bot ihm schon damals die Büste von Leopold Arends, Erfinder eines Stenografiesystems. Die Grabsteine für Fontane und seine Frau Emilie sind heute den im Krieg zerstörten Steinen nachempfunden. Aber: ein deutscher Dichter auf einem französischen Friedhof? In der Fontane-Ausstellung auf dem Friedhof, ebenfalls von Andreas Neumann gestaltet, erfährt man, dass Fontanes Vorfahren Ende des 17. Jahrhunderts aus Frankreich kamen. Die Refugiés, die auch Hugenotten genannt werden, gründeten eine eigene Religionsgemeinde.

Domfriedhof St. Hedwig
Domfriedhof St. Hedwig. Foto: Corinna Neinaß

Ein vergoldetes Kreuz erinnert an die Toten

Neben der französisch-reformierten Gemeinde benötigten auch die evangelischen und katholischen Domgemeinden Anfang des 19. Jahrhunderts neue Bestattungsorte. So wurden die Friedhöfe in den 1830er Jahren am damaligen Stadtrand angelegt, jeder mit eigenem Charakter. Wandgräber rahmen die Anlagen, zeugen von der Entwicklung dieses Grabtyps, und auch vom Status der Verstorbenen. Während die Friedhofskapellen auf den Domfriedhöfen in den Jahrzehnten vor und nach dem Mauerfall restauriert wurden, musste die Kapelle des Französischen Friedhofs den Grenzanlagen weichen. Am früheren Grenzverlauf steht auf dem Domfriedhof jetzt ein vergoldetes Kreuz. Es befand sich bis 2006 auf der Kuppel des Berliner Doms und wurde, als es baufällig war, ersetzt. Es bewahrt das Andenken an die Verstorbenen, deren Gräber aufgrund des Mauerbaus zerstört wurden. Die Atmosphäre der einstigen Abgeschiedenheit hat sich bis heute erhalten und lädt zur inneren Einkehr ein.

Domfriedhof St. Hedwig. Foto: Corinna Neinaß
Domfriedhof St. Hedwig. Foto: Corinna Neinaß

Domfriedhof St. Hedwig: Wo sie ruhen

Zurück zum Domfriedhof St. Hedwig, dem Ort der künftigen Ausstellung. Der Friedhof steht unter Denkmalschutz, und auch in historischen Grabstellen finden jetzt Beisetzungen statt. Mir fällt die restaurierte Doppelgrabanlage des Maschinenbaupioniers Egells und der Medizinerfamilie von Renvers auf, die mit einem gusseisernen Grabgitter der späten Schinkel-Zeit umgeben ist. Daneben finde ich die schon verwitterte Grabplatte der Opernsängerin Anna Milder-Hauptmann, für die Beethoven die Partie der Leonore komponierte, die Titelpartie seiner einzigen Oper „Fidelio“. Über das Leben und die Grabstätten vieler anderer Persönlichkeiten erfahre ich über die Webseite wo-sie-ruhen.de, für die sich die Stiftung Historische Kirchhöfe und Friedhöfe in Berlin-Brandenburg verantwortlich zeigt, die Bauherrin der geplanten Ausstellung.

Zu den Gräbern, die nach dem Mauerbau nicht mehr zugänglich waren, gehörte auch das des Domprobsts Bernhard Lichtenberg, der Gegner der Nationalsozialisten war und im November 1943 während der Deportation ins Konzentrationslager Dachau starb. Seine sterblichen Überreste wurden 1965 in der Krypta der St.-Hedwigs-Kathedrale bestattet. Die zwei überlebensgroßen Engel vor der Friedhofskapelle scheinen nicht nur zu trauern und zu beten, sondern auch um Verzeihung zu bitten. Wenn die Ausstellung im Frühjahr eröffnet, dann blühen entlang der ehemaligen Grenze vielleicht schon die Kirschen. Die Natur soll Trost spenden, so war es bei der Anlage von Friedhöfen einst gedacht. Mögen die Friedhöfe in der Liesenstraße auch in Zukunft einen angemessenen Raum für das Totengedenken bieten.

–> Mehr zum Thema gibt es online unter www.stiftung-historische-friedhoefe.de, www.wo-sie-ruhen.de und www.berliner-grabmale-retten.de.

Berliner Mauer auf dem St. Hedwig-Friedhof, 1980. Foto: Alexander Buschorn/Wikimedia (GNU Free Documentation License)
Berliner Mauer auf dem St. Hedwig-Friedhof, 1980. Foto: Alexander Buschorn/Wikimedia (GNU Free Documentation License)

Text und Fotos: Corinna Neinaß

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Kommentare

  1. Avatar von Susanne Haun

    Ein tolles Mauerfoto! Es scheint mir als ob es ein Leben her ist.

    1. Avatar von planetwedding

      Ich glaube, das ist auch so!

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