Über eine geteilte Unterwelt

28 Jahre verlief die die Berliner Mauer durch die Friedhöfe an der Liesenstraße. Seit Ende Oktober erinnert eine neue Ausstellung an die politische Teilung und ihre Auswirkung auf die drei Begräbnisorte. Corinna Neinaß hat den neuen Mauer-Gedenkort besucht.

Die Ausstellung „Geteilte Unterwelt“ ist aufgebaut. Von links: Ausstellungsgestalter Andreas Neumann, Jonah Hacker und Oskar Schmidt (John-Lennon-Gymnasium Berlin), Leeloo Stachowski und Anna Galimzanow (Humboldt-Gymnasium Berlin-Tegel), Historiker Dr. Thomas Lackmann. Foto: Juliane Bluhm
Die Ausstellung „Geteilte Unterwelt“ ist aufgebaut. Von links: Ausstellungsgestalter Andreas Neumann, Jonah Hacker und Oskar Schmidt (John-Lennon-Gymnasium Berlin), Leeloo Stachowski und Anna Galimzanow (Humboldt-Gymnasium Berlin-Tegel), Historiker Dr. Thomas Lackmann. Foto: Juliane Bluhm

Als die Ausstellung „Geteilte Unterwelt“ endlich aufgebaut ist, liegt die Öffnung der Grenze fast ein Viertel Jahrhundert zurück. Die Schülerinnen und Schüler zweier Gymnasien, die sich inhaltlich und gestalterisch mit der Geschichte des Ortes auseinandergesetzt haben, kamen erst nach dem Mauerfall auf die Welt. Gerade deshalb ist es nicht genug zu würdigen, dass sie sich über ein Jahr lang ehrenamtlich und neben ihren Schulabschlüssen um die Belange dieses neuen Mauer-Gedenkortes gekümmert haben. Sie wurden begleitet von Historiker Thomas Lackmann und Ausstellungsgestalter Andreas Neumann, der auch die Idee für die Ausstellung hatte. Das Geld für die Umsetzung kam von der Stiftung Deutsche Klassenlotterie.

Vierzig Meter für die Grenze

Noch steht die neue Ausstellung etwas unscheinbar hinter einem der letzten Mauerreste an der Liesenstraße. Man erreicht sie über den Eingang zum Katholischen Domfriedhof St. Hedwig, Liesenstraße 8. Dort, wo jetzt noch Bauwagen und Zaunelemente liegen, wo Beifuß und Götterbäume wuchern, soll eine Grasfläche entstehen und daran erinnern, dass der Grenzstreifen nach der letzten Erweiterung Anfang der Achtzigerjahre vierzig Meter breit war. Die einstigen Gräber mussten verschwinden. War die Liegefrist noch nicht abgelaufen, konnten die Angehörigen sie umbetten lassen, viele Grabstätten aber wurden zerstört.

An zwei dieser Gräber erinnern Gedenkplatten auf der rechten Fläche neben dem Eingang. An die Gräfin Lichtenau, einst Vertraute und Mätresse des preußischen Königs Friedrich Wilhelm II., und an den Grafen Raczynski, einen wohlhabenden Kunstsammler und preußischen Diplomaten. Die Ausstellung gedenkt dieser und weiterer Personen, deren Ruhestätten bis zum Mauerbau in diesem „umgewidmeten“ Bereich des Friedhofs lagen.

So war auf dem Evangelischen Domfriedhof das Grab von Heinrich August Neidhardt betroffen. Er leitete im 19. Jahrhundert den Domchor, der unter ihm zum führenden deutschen Knabenchor wurde. Auf dem Französischen Friedhof verschwand das Grab von Eduard Muret, einem Historiker, Gymnasiallehrer und Lexikographen. Muret hatte zwei Jahrzehnte an der Herausgabe eines Englisch-Deutschen Wörterbuches gearbeitet. Der große Muret-Sanders erschien Ende des 19. Jahrhunderts im Langenscheidt-Verlag. Ob das Wörterbuch bei der Übersetzung der Ausstellungstexte ins Englische zur Anwendung kam?

Die Ausstellung „Geteilte Unterwelt“ erzählt die Geschichte der Berliner Mauer auf den Friedhöfen in der Liesenstraße. Foto: C. Neinaß
Die Ausstellung „Geteilte Unterwelt“ erzählt an dem neuen Mauer-Gedenkort die Geschichte der Berliner Mauer auf den Friedhöfen in der Liesenstraße. Foto: C. Neinaß

Archivmaterial und Zeitzeugenberichte

Die Texte auf den 17 Tafeln kann man auf Deutsch und auf Englisch lesen, dazu gibt es jede Menge Fotos, zum Beispiel aus dem Landesarchiv und den Archiven der Kirchengemeinden sowie aus privatem Bestand. Besucher können den Gründen für die politische Teilung und den Mauerbau nachspüren, mehr über die Geschichte der drei Friedhöfe erfahren oder über den zunehmenden Ausbau des Grenzstreifens lesen.

Der Verkauf ihrer Grundstücke war für die Kirchengemeinden ohne Alternative. Allerdings forderten sie in den Achtzigern, als noch einmal zehn Meter für die Grenze verlangt wurden, dass sich der Besuch der Friedhöfe normalisieren soll. So konnten dann auch Angehörige aus Westberlin wieder zu den Gräbern.

Besonders interessant lesen sich die Alltagsgeschichten, wie die Erzählungen von Pfarrer Karl-Heinz Hoefs. Nachdem er 1982 Pfarrer von St. Hedwig geworden war, kam er zu Beerdigungen auf den Friedhof und im November zur Gräbersegnung. Bevor er mit der Segnung begann, hörte man die Glocken von St. Sebastian läuten, von der anderen, westlichen Seite des Bahndamms. Das hatte er vorher abgesprochen. Der Turm der Sebastiankirche ist während des Friedhofsbesuches immer gut zu sehen.

Der einzige Zugang zu den drei Friedhöfen während der Mauerzeit an der Wöhlertstraße. Foto: D. Hensel
Der einzige Zugang zu den drei Friedhöfen während der Mauerzeit an der Wöhlertstraße. Foto: D. Hensel

Nur mit Sondererlaubnis zu Fontanes Grab

Die Friedhöfe konnten zu DDR-Zeiten nur mit einer Sondererlaubnis und nur über den Hinterhof eines Mietshauses in der Wöhlerstraße betreten werden. Als der Schriftsteller und Feuilletonist Hans Knobloch das Grab Theodor Fontanes anlässlich des 80. Geburtstages besuchen wollte, brauchte er dazu Genehmigungen und musste zunächst herausfinden, wo er sie bekommt. Sein Text „Wanderungen zu Fontanes Grab“ ist nun in einer Kurzfassung abgedruckt. Fontanes letzte Ruhestätte ist auch heute noch auf dem Französischen Friedhof zu finden.

Eine Tafel der Ausstellung an dem Mauer-Gedenkort widmet sich weiteren Friedhöfen in und um Berlin, die von der politischen Teilung und dem Mauerbau betroffen waren. Dazu gehört der Stahnsdorfer Südwestkirchhof, auf dem 1952 das Vorbild für Fontanes Romanfigur Effi Briest beigesetzt wurde, Elisabeth von Ardenne. Dieser für Berlin einst bedeutende Friedhof war nach dem Mauerbau vom Einzugsgebiet abgeschnitten und durfte nur noch mit Sondergenehmigung oder gar nicht besucht werden. Und ganz in unserer Nähe, auf dem Grenzgebiet, das früher über den Sophienfriedhof II an der Bernauer Straße verlief, befindet sich schon seit Jahren die Mauergedenkstätte. Ich hoffe, dass auch die neue Ausstellung „Geteilte Unterwelt“ viele interessierte Besucher anzieht.

Gut zu wissen

  • Die Ausstellung ist zu den Öffnungszeiten des Alten Domfriedhofs St. Hedwig kostenfrei zugänglich. Dieser öffnet täglich um 8 Uhr, schließt in den Wintermonaten bereits um 16 Uhr, im Sommer um 20 Uhr.
  • Mehr über die Friedhöfe in der Liesenstraße steht im Beitrag Begraben im Schatten der Mauer

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Der Beitrag ist im gedruckten Kiezmagazin „Der Wut-Zaun“ enthalten, das Anfang Dezember 2023 erschienen ist. Weitere Texte und Themen dieser Ausgabe sind im Artikel „Neues Kiezmagazin: Der Wut-Zaun“ gesammelt und verlinkt.

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Kommentar

  1. Avatar von Rainer Gerold
    Rainer Gerold

    Eine tolle Idee, großartig durchgeführt mit Engagement der Schüler. Jetzt warte ich auf die Veröffentlichung in Buchform.

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