Ho’oponopono: Blöd sind nur die anderen – oder?

Achtlos abgeladener oder falsch entsorgter Müll – den Ärger über ignorante Nachbarn und egoistische Menschen kennen wohl viele. Doch ist ärgern die Lösung? Die uralte Technik Ho’oponopono aus Hawaii hilft uns, negative äußere Ereignisse für innere Veränderung zu nutzen.

Vor Kurzem gab es ein Graffito in der „North Side Gallery“ im Nordbahnhofpark, das das hawaiianische Ritual Ho'oponopono thematisierte. Inzwischen ist es schon wieder übermalt, aber mit dem Foto wurde es von unserer Autorin festgehalten. Foto: St. Esser
Vor Kurzem gab es ein Graffito in der „North Side Gallery“ im Nordbahnhofpark, das das hawaiianische Ritual Ho’oponopono thematisierte. Inzwischen ist es schon wieder übermalt, aber mit dem Foto wurde es von unserer Autorin festgehalten. Foto: Stephanie Esser

Meine Freundin Bine ist zu Besuch. Sie sitzt am Küchentisch, während ich einen Topf mit Wasser auf die heiße Herdplatte stelle. Mein Blick fällt aus dem Fenster auf den Müllplatz unserer Siedlung, wo der Hausmeister versucht, einen Flachbildfernseher aus der grauen Tonne zu hieven. Vor den Papiertonnen stapeln sich Kartons, in der Ecke steht ein alter Stuhl. Ärger steigt in mir auf. „Wie kann man nur so ignorant sein“, sage ich. „Die Leute schmeißen alles hin und der Hausmeister darf ackern.“ Bine kommt zum Fenster. „Würden die Leute ihre Kartons zusammenfalten, wäre Platz genug in den Tonnen. Aber Hauptsache, sie sind ihr Zeug los, ohne einen Finger krumm zu machen. Was für Egoisten!“, ruft sie. Ich gebe Nudeln ins Wasser und lege den Deckel auf den Topf. „Ganz zu schweigen von denen, die Plastik in die Biotonne werfen“, brumme ich.

Wir schauen dem Hausmeister bei seinem Kampf mit dem Müll zu. „Die Menschen sind egoistisch, ignorant und blöd!“, schimpft Bine. Neben mir zischt und brodelt es, Wasser schäumt aus dem Topf. Schnell hebe ich den Deckel hoch und drehe am Temperaturknopf. Mir wird klar: Hier ist nicht nur das Nudelwasser übergekocht. Auch Bine und ich haben uns in etwas hineingesteigert. „Zeit für ein Ho’oponopono“, sage ich.

Wenn die Gefühle hochkochen

Bine schaut irritiert: „Ho’o – was?“ „Ho’oponopono. Es stammt aus Hawaii“, erkläre ich. „Man wendet es an, um innere und äußere Konflike zu lösen. Der Ausgangsgedanke ist: „Ich beeinflusse die Welt und die Welt beeinflusst mich.“ „Was hat das jetzt mit den Idioten zu tun, die ihren Müll überall abladen?“ „Na ja, wir stehen am Fenster, empören uns und schimpfen über andere Menschen. Wir steigern uns in etwas rein, das am Ende nichts mehr mit der Papiertonne und dem Biomüll zu tun hat.“ „Sondern womit?“ „Mit unseren Gedanken und Gefühlen. Die sind sowieso in uns und werden vom Verhalten der Nachbarn nur ausgelöst. So wie der Herd nur etwas zum Überkochen bringen kann, wenn Wasser im Topf ist und ich die Temperatur hochdrehe.“ „Und was soll das Ho’o-Dings daran ändern?“, fragt Bine.

Wo bin ich ähnlich?

Mit Ho’oponopono übernehmen wir die Verantwortung für diejenigen Gedanken, Worte und Taten, die dem ähnlich sind, worüber wir uns bei anderen aufregen. Ein Ho’oponopono besteht aus vier kurzen Sätzen:
Es tut mir leid –> Damit übernehme ich Verantwortung für das, was in meinem Leben geschieht.
Bitte verzeih mir / Ich verzeihe mir –> Indem ich verzeihe, öffne ich mich für Veränderung.
Ich liebe dich / Ich liebe mich –> Hier geht es nicht um romantische Liebe. Ich erkenne mich und den anderen Menschen als fühlendes Wesen an.
Danke –> Ich danke für das äußere Ereignis, das mir ein inneres Thema gezeigt hat. Danke für die Erkenntnisse und die Veränderung, die jetzt möglich ist.

„Ok, verstehe.“ Bine blickt auf den Müllplatz. Der Hausmeister hat den Fernseher nicht aus der Tonne bekommen und zerkleinert nun Kartons. „Wie wende ich dein Ho’o-Dingsbums nun aber konkret an?“ Der erste Schritt, erkläre ich, ist die Frage: Wo bin ich ähnlich? Wo habe ich schon mal etwas gedacht, getan, in die Welt gebracht wie das, was ich im Außen erlebe und was mich innerlich hochkochen lässt?
Bine schüttelt den Kopf. „Ich trenne meinen Müll aber ordentlich und schmeiße ihn niemandem vor die Füße.“ Ich erzähle, dass ich mal eine Plastiktüte mit Biomüll in der Biotonne ausschütten wollte und sie mir aus Versehen hineingefallen ist. Um die Tüte wieder herauszufischen, habe ich mich zu sehr geekelt. Dabei hätte ich nur einen Stock holen müssen, doch dazu war ich zu faul. Wo ist der Unterschied zu den Nachbarn, die dasselbe tun?

„Man kann das Thema noch weiter fassen“, sage ich. „Vielleicht hat man in der Wohnung eine Ecke, in die man alles hinein schmeißt, und das stört den Partner. Oder man quatscht seine Arbeitskolleginnen mit den eigenen Storys voll, bis es ihnen zu den Ohren herauskommt. Oder unsere ständig brennenden Lampen, die zur Lichtverschmutzung der Erde beitragen. All das gleicht der Energie, die wir bei unseren Nachbarn anprangern.“

Ein friedlicher Weg

Jetzt spreche ich mein Ho’oponopono: „Es tut mir leid, dass ich in der Vergangenheit schon mal achtlos Müll in Gedanken, Worten oder Taten in die Welt gekippt habe. Es tut mir leid, dass ich aus Bequemlichkeit oder Unwissenheit etwas getan habe, das negativ auf meine Mitmenschen, die Umwelt oder mich selbst gewirkt hat. Ich bitte diese Menschen, die Umwelt und mich selbst um Verzeihung. Ich verzeihe allen Menschen, die ich als egoistisch, ignorant und blöd bezeichnet habe, denn ich habe mich selbst auch schon mal egoistisch, ignorant und blöd verhalten. In Wahrheit liebe ich mich mit all meinen Fehlern und liebe/wertschätze meine Mitmenschen und meine Umwelt. Danke für das Ereignis, das mir die Gelegenheit gegeben hat, einen Groll in mir zu bereinigen und positive Energie in die Welt zu bringen.“ „Verstehe“, sagt Bine. „Man löst sich vom Nachbarn und wendet sich den eigenen Gefühlen zu. Das klingt nach einem friedlichen Weg.“

Unten am Müllplatz tut sich etwas. Ein Nachbar wirft seinen Beutel in die graue Tonne und hilft dem Hausmeister, den riesigen Fernseher herauszuheben. „Es gibt doch noch nette Menschen“, sagt Bine. „Und das Ho’o-Dings probiere ich aus, wenn ich mich das nächste Mal über jemanden ärgere.“

Was bedeutet Ho’oponopono?

Ho’o = machen, begründen oder bewirken
pono = korrekt, richtig, stimmig, flexibel, im Gleichgewicht
ponopono = richtig richtig –> richtig für dich und richtig für mich –> richtig für alle
Ho’oponopono = etwas richtigstellen, korrigieren, einen Irrtum zurücknehmen, die Dinge untereinander und mit dem Leben (oder Universum, Urquelle, Gott …) zurechtrücken

Über die Autorin

Stephanie Esser lebt im Brunnenviertel und ist der Bürgerredaktion schon länger verbunden. Früher hat sie als Lektorin geholfen, die Texte im Kiezmagazin von Fehlern zu befreien. Heute bietet sie freiberuflich Kurse, Workshops und Beratungen zum haiwaiianischen Ritual an. Mehr über Ho’oponopono sowie Praxistipps, Blogbeiträge und Termine gibt es auf der Website unserer Autorin: www.danke-ich-liebe-dich.de

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Der Text ist im gedruckten Kiezmagazin enthalten, das im März 2022 erschienen ist. Weitere Beiträge dieser Ausgabe sind im Beitrag „Neues Kiezmagazin: Die Frühlingsausgabe ist da!“ gesammelt und verlinkt.

Kommentare

  1. Avatar von Reinhard
    Reinhard

    Hallo und guten Morgen

    na so was …. hätte nicht gedacht hier einen spirituellen Artikel zu finden

    Gruß

    1. Avatar von planetwedding

      Wir eigentlich auch nicht. Aber so ist das in einer ehrenamtlichen Bürgerredaktion. Die Themen bestimmen maßgeblich die, die mitmachen. Das überrascht manchmal auch die Redaktionsleiterin ;) Einen friedvollen Gruß zurück! Dominique

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