„Na, der ist ja frech“, dachte die Referentin im Bundesinnenministerium, als ihr Besuch ihr vorgeschlagen hatte, dass der Innenminister doch einmal durch den von Boulevardmedien als Schreckenskiez dargestellten Stadtteil spazieren sollte. Die damalige Angestellte im Ministerium, Barbara Slowik Meisel, ist heute Berliner Polizeipräsidentin. Der freche junge Mann, Yousef Ayoub, hat jetzt das Bundesverdienstkreuz verliehen bekommen. Wie kann einer so beeindrucken, dass der Innenminister damals tatsächlich in den Soldiner Kiez kam?
Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner streut bei der Verleihung noch diesen Satz ein: „Ich darf ankreuzen, ob ich es selber machen möchte oder ob ich es an die Senatoren abgebe. Bei Ihnen habe ich sofort gedacht, den Mann will ich kennenlernen“. So hat Yousef Ayoub das Bundesverdienstkreuz vom wichtigsten Politiker in Berlin angesteckt bekommen. Der Sozialarbeiter steht in dem geräumigen Amtszimmer im Roten Rathaus, lächelt, ist stolz und will die Gelegenheit für wichtige Worte nutzen. Und spricht in einem Ton, dass man für eine Sekunde denkt, er will den Moment ergreifen, um einer jungen Frau, die unter den Gästen steht, jetzt einen Heiratsantrag zu machen. Aber nein, er will ihr nur Danke für die Unterstützung sagen. Er ist schon mit ihr verheiratet. Aber die Gabe, mit einfachen Worten einen tiefen Eindruck zu machen, die besitzt Yousef Ayoub unleugbar.

Kiezbezogener Netzwerkaufbau steht für Fußball
Und diese Gabe, Menschen zu umgarnen, hat er von Anfang an gebraucht, als er auf die Idee kam, die von aller Welt (oder zumindest von Ganzberlin) verschrienen Jugendlichen des Soldiner Kiezes und die Berliner Polizei zusammenbringen. Im September 2009 war das. Kiezbezogener Netzwerkaufbau e.V. (KbNa e.V.) heißt der Verein, den er damals gründete. Seine Idee: Polizisten und Jugendliche spielen miteinander Fußball. Lernen sich so kennen. Bauen vielleicht sogar Vorurteile ab. Zumindest wechseln sie mal ein paar Worte miteinander. Und das in einer Situation, die nicht konfrontativ ist. 25 Jahre jung war Yousef Ayoub damals.

Miteinander – wenn da nicht die Vorurteile wären
Wie es sich für eine Ehrung gehört, herrschte bei der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes großer Einvernehmlichkeit. Dabei ist das, was Yousef Ayoub getan hat (nämlich pauschale Vorurteile durch konkrete, persönliche Begegnungen abzubauen), durchaus provozierend. Das zeigte sich beim im Oktober 2018 veröffentlichten Video „KBNA – Füreinander da!“. Mit Abstand betrachtet, zeigt das Video einen Traum, ein Ideal. Polizei und Jugendliche vertrauen einander. „Viel größer aber war der Hass von rechts, der sich schon nach wenigen Stunden über den Machern des Videos entlud“, schreibt die Süddeutsche Zeitung im Dezember 2018. Für Leute mit festen Vorurteilen war es eine Zumutung, eine Polizei zu sehen, die Migranten (im rechten Milieu ein Synonym für Kriminelle, Araber-Clans und Messerstecher) die Hände reicht. Und auf der linken Seite störte man sich an der fehlenden Kritik an der Polizei, die ja keineswegs auf der Seite der Migranten stünde.
Die simple Idee, gemeinsam Fußball zu spielen, birgt dann eben doch mehr Fallstricke, als auf den ersten Blick gedacht. Und nicht alle schreien ihre Vorurteile in die Welt, manche behalten sie auch still für sich und blockieren leise. Insofern ist es dann doch eine große Leistung, die nicht jeder hätte vollbringen können; Yousef Ayoub hat sie mit seiner einnehmenden Art vollbracht. Der Dank geht an ihn.
Lange Liste an Auszeichnungen
Die Idee, die Jugendlichen aus einem sogenannten Problemkiez mit den für das Revier zuständigen Polizisten auf ein Fußballfeld zu bringen, liegt so nahe, dass niemand darauf gekommen ist. Bis auf Yousef Ayoub. Bevor der Bundespräsident entschied, dem jungen Mann aus dem Soldiner Kiez dafür das Verdienstkreuz zu geben, haben bereits viele Jurys dem heute 41-Jährigen Preise fürs Miteinander verliehen. So sprach die Volker-Reitz-Stiftung dem Kiezbezogenen Netzwerkaufbau e.V. 2013 ihren Präventionspreis zu. Ebenfalls 2013 erklärt das Bundesministerium des Inneren den Verein zum Sieger des Wettbewerbs „Initiative Sicherheitspartnerschaft – Grenzenlos“.
Bekannt in Radio und Fernsehen wurde Yousef Ayoub als es ihm 2010 gelang, den Innensenator Dr. Ehrhart Körting zu einem Besuch einzuladen. Das größte Aufsehen erregte aber sicher der „Gang für ein friedliches Miteinander“ am 17. Juni 2014. Rund 300 Teilnehmer kamen als der Bundesinnenminister Dr. Thomas de Maizière sich den mit Negativschlagzeilen überhäuften Soldiner Kiez ansah und von der Koloniestraße über die Soldiner Straße bis zur Prinzenallee spazierte. 2019 erhielt der KbNa den #Farbebekennen-Award, initiiert von der damaligen Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement Sawsan Chebli. 2020 – fast schon spät – verlieh Mitte die Bezirksverdienstmedaille an Yousef Ayoub.
Nach dem Erfolg im Soldiner Kiez will der KbNa e.V. nun expandieren. Die Fühler sind bereits nach Neukölln ausgestreckt. In diesem Jahr soll das Konzept nach München exportiert werden. Zu Gast beim Polizeipräsidenten der bayrischen Hauptstadt waren Vereinsvertreter bereits.

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Auf der Webseite des Kiezbezogenen Netzwerkaufbau versteckt sich in der Galerie eine Geschichte des KbNa. Harmloser Imagefilm von 2018, der von rechten Kreisen als Skandalvideo verschrien wurde: KBNA – Füreinander da! Auf YouTube gibt es eine RBB-Reportage aus dem Jahr 2014 über den Kiezbezogenen Netzwerkaufbau.

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