Eine Geschichte zum Jahresende spendiert uns unser Redaktionsmitglied Andrei Schnell in diesem Jahr. Wir wünschen einen guten Rutsch und gute Unterhaltung!
Zum Jahresende fordert mich mein Bekannter auf, zurückzublicken. Auf das Jahr. Das ist mir unangenehm, denn in fast keinem Jahr lag ich so oft daneben wie 2022. Scholz als Bundeskanzler hatte ich nicht auf dem Zettel, Gastleitung Nord-Stream hielt ich für unersetzbar, Inflation gehörte für mich in die 1970er Jahre. Berk sagt dazu: „Das hätte man doch alles kommen sehen können.‟
Ich bin aus anderem Holz geschnitzt, ich sehe nie etwas kommen. Zum Beispiel sagt Dominique manchmal zu mir: „Deine blauen Augen machen mich so sentimental‟. Viele Jahre hat mich dieser Satz gerührt. Bis ich einmal zufällig hörte, wie sie am Telefon zu ihrer Freundin sagte: „Er ist so herrlich blauäugig‟. Als ich sie später zur Rede stellte, meinte sie: „Schau doch mal in den Spiegel, du hast graue Augen.‟ Stimmt. Wie konnte ich nur so lange Zeit im Irrtum leben und das Offenkundige nicht sehen?

Berk sieht immer klar. Neue Geschäfte im Gesundbrunnen-Center oder Wahlgewinner am 12. Februar. Er weiß sowas. Ob es daran liegt, dass er von einer einfachen Tatsache ausgeht? Von dem Satz: „Die Welt ist ein riesiger Beschiss‟? Ich dagegen falle rein. Oft. Blauäugig war ich zum Beispiel kurz vor Weihnachten. Dominique klagte: „Ich schaffe es nicht, das Brunnenmagazin zu verteilen.‟
Immer wenn sich das Jahr dem Ende zuneigt, wartet der Sponsor des Magazins auf Berichte. Die er in einen Ordner steckt und ins Archiv stellt. Diese Berichte müsse sie, Dominique, unbedingt machen; die Jahresenderklärung sei wichtiger als das Verteilen der Magazine. Denn ein enttäuschter Geldgeber sei schlimmer als ein enttäuschter Leser, der vergebens in seinen Briefkasten schaut.
„Irrtum‟, sage ich. Ich meinte damit nicht ihre zwingende Logik bezüglich des Geldgebers, sondern bezog mich auf das Nicht-Schaffen. „Du bist doch nicht allein. Ich übernehme es, die Magazine bei unseren Nachbarn im Viertel einzuwerfen.‟ Berk seufzte, als ich ihm davon erzählte. „Was du dir da wieder eingehandelt hast. Du wirst es bereuen‟, prophezeite er. Ich dagegen dachte für mich: Das wäre doch gelacht, ein Klacks ist das, das erledige ich ratzfatz.
Doch das dicke Ende kam rasch. Das Verteilen der Hefte mag zwar eine Aufgabe für schlichte und geduldige Gemüter sein, doch es ist keine leichte. 150 Kilogramm wiegen die Magazine in den hellbraunen Kartons. Am Ende brauchte ich exakt 8 Stunden und 50 Minuten, um mit einem Wägelchen voller Magazine durchs Brunnenviertel zu zotteln. Verteilt auf mehrere Tage. Und obendrein ging der Bollerwagen zu Bruch, als ich ihn über eine Stufe hopsen ließ. Wie hatte ich so ahnungslos sein können?
Ich lag auch daneben mit meinem sicheren Wissen, dass das Verteilen eine einsame Arbeit sei. Schon an der elften Haustür grüßte mich eine Frau so freundlich, dass ich noch drei Straßen weiter überlegte, ob wir uns schon einmal begegnet seien. War das die Verkäuferin beim Bäcker gewesen? Sitzen wir uns öfter in der U8 gegenüber?
An einer Straßenecke rief mir eine ältere Dame mit schwerem Mantel von weitem zu, dass sie sich freue, dass ich ihr schon ein Heft eingeworfen habe. „Wieder schön geworden, das Titelfoto‟, rief sie. Ob sie glaubt, ich sei der Fotograf des Magazins? Ein großer Mann, den mein Unterbewusstsein wenige Zehntelsekunden vor dem Kaltstart meines Großhirns als Deutsch-Türken einsortierte hatte, wünschte mir im Vorbeigehen „frohe Feiertage.‟
Eine junge Frau mit Buggy erklärte mir, ich solle in ihrem abgeschlossenen Aufgang bei Schmidtchen klingeln, damit ich auch ihren Briefkasten mit einem Heft bedenken könne. Man muss wissen, nicht alle Hausbesitzer bringen Außenkästen an. In diesem Moment schaltete ich von Fließbandarbeit um auf gesprächsbereiter Zeitgenosse.
Das war keine Sekunde zu früh. Ein älterer Mann, grauer Bart, graue Haare und billige Jacke wollte von mir wissen, warum ich die Zeitung so lange nicht mehr vorbeigebracht hätte. Es dauerte fünf Minuten bis unsere Unterhaltung herausschälte, dass er vom kostenlosen Anzeigenblatt sprach und nicht vom Brunnenmagazin. Zumindest ich erkannte die Verwechslung, er nicht.
Er fragte unverdrossen weiter, ob ich die Zeitungspakete immer noch in der Böttgerstraße abholen würde. Und dass es eine Schande sei, dass heutzutage niemand mehr arbeiten wolle. „Alle machen nur noch dieses Instadings da, mit den eine Million, wie heißt das …?‟ Er machte eine Bewegung als ob er etwas in sein Handy tippen würde. „Aber echte Arbeit …‟ Sein Hand warf ein Ding aus Luft weg. Dann holte er sein Portemonaie heraus und gab mir ein Zwei-Euro-Stück. „Weihnachten‟, kommentierte er. Sichtlich beglückt. Er federte beim Fortgehen.
Kollege Berk stöhnte. „Er hat dich verwechselt und du nimmst die zwei Euro auch noch an.‟ Er schüttelte den Kopf. Über mich und über den Mann. Dominique schmunzelte: „Er fand einfach, dass du ein netter Typ bist. Und da liegt er nicht im Irrtum.‟ Für einen Moment überlegte ich, an welcher Stelle ich diesen Satz wohl wieder missverstanden hätte. Doch dann beschloss ich mein Jahresfazit: Es gibt Momente, in denen man dem Glück näher ist, wenn man im Irrtum verbleibt.


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