Der Dienstag hat für Petra Schwarzenberger und Sabine Jähnicke ein festes Ritual. Seit elf Jahren gehört der Tag ihrem Ehrenamt als Kirchenhüterinnen. Für zweieinhalb Stunden sind sie vor Ort an der Kapelle der Versöhnung an der Bernauer Straße – mitten in der Gedenkstätte Berliner Mauer – und beantworten Fragen von Besucherinnen und Besuchern aus aller Welt.

Wer in die kleine Kapelle auf dem Mauerstreifen kommt, sucht oft Orientierung: zur Geschichte des Ortes, zum Verlauf der Mauer oder einfach einen Moment der Ruhe. Und wer zufällig dienstags vorbeischaut, trifft auf das eingespielte Hüter-Tandem.
Kerzen, Infowagen und ein leises Klickgeräusch
Wenn Besucher in die Kapelle der Versöhnung schauen, achten Petra Schwarzenberger und Sabine Jähnicke darauf, dass sie nicht in der Tür stehen bleiben und den Zugang verstopfen. Sie zünden die Kerzen im Gottesraum an, stehen am Infowagen für Fragen bereit. Und bei jedem der Besuchenden klickt es ganz leise in Petras Hand, denn die Evangelische Kirchengemeinde am Gesundbrunnen, zu der die Kapelle gehört, möchte einen Überblick über die Anzahl der Gäste. Petra Schwarzenberger schaut kurz auf das kleine Zählwerk und resümiert ihre heutige Schicht: „Heute sind es 182 Leute, das ist eher wenig. Sonst können es schon 250 bis 400 sein.“
Ehrenamt im Doppelpack – seit elf Jahren
Für die beiden Frauen, die seit Mitte der 2010er Jahre im Brunnenviertel wohnen, ist das Kirchenhüten ihr erstes Ehrenamt. Die beiden sind Nachbarinnen und haben den Dienstag fest in ihrem Kalender eingeplant – immer im Doppelpack. „Wir hatten schon tolle Gespräche mit Besuchern. Das war immer sehr interessant“, sagt Petra Schwarzenberger. Weil die meisten Besucher:innen aus dem Ausland kommen, sei die Verständigung manchmal nur „mit Händen und Füßen“ möglich. „Im Laufe der Zeit hat sich aber einiges geändert, vor allem seit Corona“, sagt Sabine Jähnicke. Das Gespräch stehe gar nicht mehr so im Vordergrund wie früher. „Schulklassen gehen oft nur in die Kapelle rein und wieder raus – ohne etwas zu fragen“, sagt Sabine Jähnicke.

Fragen aus aller Welt – und die eigene Geschichte
„Wir werden oft gefragt, ob wir aus dem Osten oder aus dem Westen kommen und ob wir hier schon gelebt haben, als die Mauer noch stand“, erzählt Sabine Jähnicke von den Fragen während einer Dienstagsschicht. Dann antworten sie, dass sie beide Westberlinerinnen sind und erst nach dem Mauerfall an die Grenze zogen. Zweieinhalb Stunden an der Kapelle vergehen schnell. Schon steht das nächste Team bereit. Gleich wird es eine Andacht für die Mauertoten geben – und es werden die großen Kirchenglocken von Hand geläutet. Dafür kommt ein anderer Freiwilliger, der ebenfalls von den Kirchenhüterinnen in Empfang genommen wird.

Warum Kirchenhüterinnen so wichtig sind
Genau genommen sind die beiden Frauen aus dem Brunnenviertel ein ungewöhnlicher Fall: weil sie immer zusammen die Kapelle hüten und weil sie schräg gegenüber im Brunnenviertel wohnen. Damit sind sie keine typischen Kirchenhüterinnen. So erzählt es Pfarrer Thomas Jeutner, für den das Kirchenhüter-Ehrenamt eine besondere Bedeutung hat. „Wenn in der Saison 1000 bis 2000 Menschen pro Tag an die Kapelle kommen, dann brauchst du kein Schild. Dann brauchst du einen Menschen als Willkommensgruß an diesem besonderen Ort“, sagt Jeutner. „Zuvor hatte eine Frau das zehn Jahre lang ganz allein gemacht – Elke Kielberg“, erzählt Thomas Jeutner. Doch seit 2014 gibt es nun ein Hüter-Team.
Ein Team aus ganz Berlin – organisiert per Messenger
Heute kommen Freiwillige aus Steglitz, Tegel, Buch, Marzahn oder Prenzlauer Berg, damit wochentags an der Kapelle eine Ansprechperson anwesend ist. Viele sind weder Gemeindemitglied noch in der Kirche. Sie lockt einfach die Aufgabe an dem historisch interessanten Ort an der Berliner Mauer. Das etwas über 20-köpfige Team wechselt sich dienstags bis sonntags zwischen 10 und 17 Uhr in drei Schichten pro Tag ab, koordiniert über eine Messenger-Gruppe.
Ungefähr zwei Stunden dauert eine Schicht, die bei jedem Wetter stattfindet. „Es ist ein gutes Ehrenamt. Man kann so viele Leute aus aller Welt kennenlernen“, sagt der Pfarrer. Petra Schwarzenberger und Sabine Jähnicke betonen darüber hinaus noch einen praktischen Aspekt. „Man kann die Zeit aussuchen, die man an der Kapelle sein möchte“, sagt Petra Schwarzenberger. Für sie und ihre Nachbarin Sabine Jähnicke ist das Dienstag von 10 bis 12 Uhr – und das ist ihr ganz persönliches Ehrenamtsritual.

Mitmachen: Kirchenhüter:innen werden
Wer Interesse hat, Kirchenhüter an der Kapelle der Versöhnung an der Bernauer Straße zu werden, der kann sich per E-Mail an Esther Schabow vom Gemeindebüro wenden (e.schabow@kapelle-versoehnung.de). Es können auch Probe-Schichten vereinbart werden. Für die Ehrenamtlichen gibt es übrigens jeden Monat ein Hüter-Treffen, bei denen sich die Teilnehmenden austauschen und Neue dazukommen.
Weiterlesen zum interkulturellen Wedding
Mehr migrantische Perspektiven und Texte über das Zusammenleben in den vielfältigen Stadtteilen Wedding und Gesundbrunnen sind im Bereich Interkulturelles Leben gesammelt.

Kommentar verfassen