Beziehung mit Abstand: Hugo Heimann und die jüdischen Medien

Heute, am 15. April 2026, jährt sich Hugo Heimanns Geburtstag zum 167. Mal. Geboren 1859, war der Berliner Sozialdemokrat mit jüdischen Wurzeln eine prägende Figur seiner Zeit.

Die letzten Jahre verbrachte er im Home for Aged and Infirm Hebrews, 120 West 106th Street, New York. Am 25. Februar 1951 wurde Hugo Heimann beerdigt. Schon zu seinem 90. Geburtstag ehrte die New York Times ihn mit einem Porträt und einem ausführlichen Artikel. Über seine Beziehung zu Deutschland sagte er: „Es ist mein Land, meine Kultur, es sind meine Freunde.“ Doch wie berichteten die jüdischen Tageszeitungen bis 1933 über Heimann?

Unerwähntes Engagement und erste Notizen

Hugo Heimanns in den Medien womöglich am intensivsten besprochenes Projekt war die Errichtung und Eröffnung der ersten kostenlosen und für jeden zugänglichen Volksbibliothek im Jahr 1899. Sie befand sich zunächst in der Kreuzberger Alexandrinenstraße. Kein Wort darüber in den jüdischen Tageszeitungen – vermutlich, weil zeitgleich die jüdischen Arbeiter- und Volksbibliotheken einen großen Aufwind erlebten.

Die Hutfabrik Gattel in der Prinzenallee und ein Porträt von Hugo Heimann. Foto Hutfabrik: Schnell, Foto Heimann: Leo Baeck Institute, Sammlung Hugo Heimann AR 208
Die Hutfabrik Gattel in der Prinzenallee und ein Porträt von Hugo Heimann. Foto Hutfabrik: Schnell, Foto Heimann: Leo Baeck Institute, Sammlung Hugo Heimann AR 208

Eines seiner nächsten Projekte waren die sogenannten „Roten Häuser“ am oberen Ende der Prinzenallee. Während der „Vorwärts“ am 30. Januar 1902 über den politischen Hintergrund der Entstehung, die Häuser, Architekten und Ausstattung lobend berichtete, nutzte das Antisemiten-Blatt von Otto Heinrich Böckler (Staatsbürger-Zeitung) das Projekt für einen Angriff gegen Heimann. Es sah in den hübschen Häusern, umgeben von Fabriken und Mietskasernen, eine raffinierte Art des Grundstückswuchers. Die jüdische Presse berichtete nicht über das Projekt. Mehr über die „Roten Häuser“ sowie Heimanns weitere Projekte steht im Beitrag „Hugo Heimann, der gute Milliardär“.

Standort der "Roten Häuser" in der Prinzenallee. Karte: Detail aus Straube-Plan 1910, Aufrufbar unter Histomapberlin.de
Standort der „Roten Häuser“ in der Prinzenallee. Karte: Detail aus Straube-Plan 1910, Aufrufbar unter Histomapberlin.de

In den jüdischen Medien lassen sich zunächst nur einige wenige Erwähnungen Hugo Heimanns finden: beispielsweise 1908 bei der Wahl zum Landtagskandidaten. Für die Berliner Sozialdemokraten wurden zwei Juden aufgestellt: Paul Singer und Hugo Heimann. Letzterer wurde auch gewählt. Singer wiederum gehörte zu den Mitbegründern der Sozialdemokratie. Er starb am 31. Januar 1911 und setzte August Bebel und Hugo Heimann als Erben ein. Die Summe von 48.054 Mark führten sie im Sinne des Erblassers der sozialdemokratischen Parteikasse zu. „Singer hatte den größten Teil seines Vermögens längst für sozialdemokratische und wohltätige Zwecke verausgabt: Er selbst war für seine Person von einer bewundernswerten Einfachheit und Anspruchslosigkeit“, so das „Israelitische Familienblatt“ am 3. August 1911.

Zaghafte Annäherung an den Berliner Ehrenbürger

Von Heimanns Auszeichnung zum Ehrenbürger Berlins 1926 berichteten zahlreiche jüdische Tageszeitungen. Der längste Beitrag erschien im „Israelitischen Familienblatt“. Er stellte zunächst die Verdienste von jüdischen Bürgern in ehrenamtlichen Positionen und insbesondere auf dem sozialen Gebiet dar: „Nicht alle diese Männer und Frauen haben nach außen eine Anerkennung für ihre vorbildliche, musterhafte Tätigkeit erhalten können. Aber sie haben diese äußere Anerkennung nicht gesucht. Sondern vielmehr eine Befriedigung an der Gemeinwohlarbeit empfunden.“

Hugo Heimann, Portrait im Israelitischen Familienblatt, 1. Juli 1926
Hugo Heimann, Portrait im Israelitischen Familienblatt, 1. Juli 1926

Anschließend ging der Journalist stichpunktartig auf die Verdienste von Hugo Heimann ein. Erwähnung fand nun die von ihm gegründete Volksbibliothek. Darüber hinaus führte man sein Engagement für die Kommunalisierung des Verkehrswesens und seinen Kampf gegen das Berliner Wohnungselend auf. Eine Portraitzeichnung rundete den Beitrag ab. Auffällig ist, dass sich die Artikel in den jüdischen Medien sehr stark ähnelten – oft wurden einfach gekürzte Fassungen abgedruckt.

Darüber hinaus bedienten sich jüdische Zeitungen der Methode, Berichte aus anderen Zeitungen über Hugo Heimann zu veröffentlichen. So griff das „Israelitische Familienblatt“ in seiner Ausgabe vom 14. November 1929 eine Debatte zwischen der „Roten Fahne“ und dem „Vorwärts“ auf. Es ging um die Berliner Stadtratswahlen. Die „Rote Fahne“ soll über Heimann geschrieben haben: „Eine Nummer für sich ist der Spitzenkandidat der SPD, der Rentier und „Ehrenbürger“ Berlins, der schwerreiche Hausbesitzer aus dem feudalen Tiergartenviertel (Bendlerstraße), der Reichstagsabgeordnete Heimann, ein frommes Mitglied der jüdischen Gemeinde.“

Darauf erwiderte der „Vorwärts“, dass diese Beschreibung Heimanns wohl das Werk eines Laufjungen sei. Und fragte, ob der Autor ihn überhaupt kennen würde. Heimann sei dem Judentum nur treu geblieben „aus der noblen Gesinnung heraus, daß man eine verfolgte Gemeinschaft nicht verleugnen soll.“ Abschließend hieß es: „Es gibt keinen Arbeiter in Berlin, der nicht Grund hätte, Hugo Heimann dankbar zu sein!“ Eine eigene Stellungnahme der jüdischen Zeitung fehlte – lediglich das Verhalten der „Roten Fahne“ sei „unflätig“ und die Antwort des Vorwärts „Rauh, aber nicht herzlich“.

Mediale Aufmerksamkeit für den letzten Juden im Reichstag

Hugo Heimann kannte den politischen Antisemitismus der Kaiserzeit und in der Weimarer Republik, denn der Judenhass war wie eine Sinuskurve – verschwand nie. Parolen wie „Judenregierung und Judenparlamente“ dienten unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg der Beeinflussung und der Verbreitung von Hass und Hetze. Wenngleich von jüdischer Seite aufgezeigt werden konnte, dass in der ersten parlamentarischen Regierung von 423 Abgeordneten nur acht Juden und vier weitere mit jüdischer Abstammung sind. Darunter auch Hugo Heimann für die Sozialdemokratische Partei, so die Veröffentlichung „Waffen im Abwehrkampf“ von 1921.

Die Jüdische Rundschau berichtete über die Reichstagswahlen 1924: „Bei keinem Wahlkampf in Deutschland, auch nicht bei dem in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts (Agitation der Stöcker, Ahlwardt, Böckel), stand der Antisemitismus und die Judenfrage so im Zentrum der Agitation wie diesmal.“ Darüber hinaus hieß es: „Erfolg und Mißerfolg der Parteien lassen sich nämlich, abgesehen von wenigen Ausnahmen, mit ihren Stellungnahmen zum Judentum in einen deutlichen Zusammenhang bringen.“

Hauptforderungen lauteten: Entziehung der Bürgerrechte, Ausweisung der Ostjuden und Vermögensbeschlagnahme bei Ostjuden. Nach den Ergebnissen rechnete man mit „keinen erfreulichen Aussichten“ für das deutsche Judentum. „Die antisemitische Agitation wird jetzt von der Tribüne des Reichstages in unvergleichlich größerer Lautheit erfolgen“, so die damalige Befürchtung. Für die Sozialdemokraten zog unter anderem der 65-jährige Hugo Heimann erneut in den Reichstag ein. In der Rubrik „Kleine Mitteilungen“ notierte das Israelitische Familienblatt am 15. Januar 1925 das 25-jährige Jubiläum von Hugo Heimann als Stadtverordneter von Berlin.

Vor dem Hintergrund eines zunehmenden Antisemitismus und dem Ergebnis der Reichstagswahlen vom 14. September 1930 – die NSDAP wurde mit 18,3 Prozent zweitstärkste Partei – zeigte das Israelitische Familienblatt in einem Artikel vom 4. September 1930 den geringen politischen Einfluss der deutschen Juden auf. Von den 600.000 in Deutschland lebenden Juden hätten 180.000 bis 200.000 das Wahlrecht und könnten damit drei bis vier Reichstagsmandate erzielen. Umso wichtiger sei es, dass jeder an die Wahlurne gehe. Trotzdem sollte sich die Zahl bekennender jüdischer Reichstagsabgeordneter zu Beginn der 1930er Jahre erst auf zwei – Hugo Heimann und Julius Moses – und nach der Wahl im Sommer 1932 auf eine Person reduzieren: Hugo Heimann.

Jedoch verzichtete Hugo Heimann aufgrund des hohen Alters auf die Position im Reichstag, so das Israelitische Familienblatt am 13. Oktober 1932. Unter der Überschrift „Kein jüdischer Reichstagskandidat“ berichtete das Blatt vom Bezirksparteitag der Berliner SPD. Dort würdigte man Heimanns langjährige Verdienste für Berlin und sein kommunalpolitisches Engagement. In der jüdischen Zeitung „Der Schild“ führte laut „Die Neue Welt“ Max Reinheimer unter der Überschrift „Der ‚judenreine‘ Reichstag“ aus, dass ohne Hugo Heimann auch der einzige Jude nicht mehr da ist: „In dieser Tatsache spiegelt sich die Tragik der deutschen Juden unserer Zeit wider: Obwohl sie formell vollkommen gleichberechtigt sind, finden sie im Parlament keinen Platz mehr.“

Flucht im letzten Moment: Hugo Heimann in New York

Hugo Heimann kam am Weihnachtsabend 1939 mit seiner Ehefrau in New York an. In Deutschland blieb seine Tochter Johanna, die gemäß Deportationsliste mit dem 26. Osttransport am 12. Januar 1942 nach Auschwitz deportiert und ermordet wurde – siehe Gedenkbuch. Ihre Eltern gingen allerdings laut einer Anzeige in der Zeitung „Aufbau“ vom 22. März 1946 von einem Suizid aus: „Unsere Tochter und Schwester Johanna Heimann ist gegen Ende des Jahres 1942 in Berlin freiwillig aus dem Leben gegangen, als sie deportiert werden sollte. Freunde, die noch in der Kriegszeit Fühlung mit ihr hatten, werden herzlichst um Nachricht gebeten“. Gut ein halbes Jahr zuvor, am 30. November 1945, veröffentlichte ihr Bruder Eduard Heimann in der Zeitung „Aufbau“ eine Anzeige mit dem Wunsch nach Auskunft über den Verbleib seiner Schwester.

Hugo Heimanns zwei Söhne lebten bereits in den USA als er dorthin kam. Im März 1948 erhielt Heimann, seit 1945 US-amerikanischer Staatsbürger, vom American Military Government die Information, dass Berlin ihm seine Ehrenbürger-Auszeichnung erneut verliehen hat. „Sogar die Kommunisten haben zugestimmt“, soll er bei der Auszeichnung lächelnd bemerkt haben, so die New York Times.

Laut dem Sohn Eduard Heimann hat Hugo Heimann Zeit seines Lebens gesagt: „Schnell, schnell, dass ich endlich weiter komme“. Dieser Satz verstummte, als er kurz vor seinem 92. Geburtstag starb. Bei der Trauerfeier am 25. Februar 1951 sprach der vor dem Zweiten Weltkrieg in Essen tätige Rabbiner Dr. Hugo Hahn die Gebete auf Deutsch und Hebräisch. Reden hielten Siegfried Aufhäuser und Eduard Heimann, der unter anderem über die Beziehung seines Vaters zum Judentum sprach.

„Alle seine Tugenden entstammten der moralischen Tradition des Judentums; er ehrte die religiöse Quelle dieser Tradition und hätte nie daran gedacht, sie anzutasten oder zu verletzen. Doch diese religiöse Quelle selbst war für ihn lediglich eine verehrte Form, keine persönliche Erfahrung“, so Eduard Heimann. Und weiter ordnete er ein: „Es wäre jedoch falsch zu behaupten, er sei der jüdischen Religion gegenüber illoyal gewesen.“

Hugo Heimann, der erfolgreiche Geschäftsmann und Gentleman, war der Sozialdemokratie seit den 1890ern treu geblieben – fortschrittlich, sozialorientiert und gemeinwohlengagiert. Vermutlich spiegelt sich Heimanns Verhältnis zum Judentum in gewisser Weise in den Berichterstattungen der jüdischen Zeitungen wider. So berichteten diese Medien eher zurückhaltend, diskret und sehr punktuell. Heute erinnern zwei Gedenktafeln und eine Brücke im Wedding an Hugo Heimann. Es gab auch mal eine Bibliothek im Gesundbrunnen, die seinen Namen trug – vorgestellt im Bericht „Lost Place: Nutzt die alte Bibliothek!“

Hinweis des Autors: Dieser Artikel hat den Fokus auf die Berichterstattungen über Hugo Heimann in jüdischen Tageszeitungen bis 1933 sowie Informationen zu seiner jüdischen Identität. Nicht alle Artikel konnten berücksichtigt werden. Über seinen politischen Werdegang, seine Ämter und Auszeichnungen sowie den Umgang der NS-Regierung mit Heimann gibt es bereits zahlreiche Veröffentlichungen (Aufsätze und Bücher), die zur thematischen Vertiefung empfohlen werden.

Kommentar

  1. Avatar von Reinhard
    Reinhard

    Morjen

    meine Urgroßeltern wohnten in der Buttmannstr und Großeltern in der Soldiner, ergo war ich immer dort unterwegs wo sich in ihren Büchern das jüdische Leben abgespielt hat. Vor gut 15 Jahren war ich ständig rund um die Chaussseestraße unterwegs…. also hab icke mir mal ihre zwee Bücher bestellt, ick bin bejeistert weil ick jetze diese Ecken von meiner Stadt nochmal mit janz andren Augen sehe

    Danke und Gruß

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