„Wir sind immer zwei Wochen vom Frieden entfernt“

Der Israeli Maoz Inon und der Palästinenser Aziz Abu Sarah haben beide Angehörige im Nahostkonflikt verloren. Heute setzen sie sich gemeinsam für Frieden und Versöhnung ein. Bei der Deutschlandpremiere ihres Buches „Die Zukunft ist Frieden“ im Atze Musiktheater im Wedding sprachen sie über persönliche Verluste, politische Verantwortung und die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft.

Maoz Inon und Aziz Abu Sarah bei der Buchpremiere „The Future is Peace“ auf der Bühne des Atze Musiktheaters in Berlin-Wedding.
Maoz Inon (rechts) und Aziz Abu Sarah sprachen am 20. Oktober 2026 im Atze Musiktheater im Wedding über Frieden und Versöhnung zwischen Israelis und Palästinensern. Foto: Dominique Hensel

Maoz Inon liest eine Stelle aus dem Buch. Es geht um das letzte Gespräch mit seinem Vater. Am 7. Oktober 2023 werden seine Eltern beim Angriff der Hamas auf Israel getötet. Es ist ein bewegender Auftakt für einen Abend, an dem es vor allem um Hoffnung gehen soll. Fast bis auf den letzten Platz ist das Atze Musiktheater in der Luxemburger Straße am Dienstag, 20. Oktober, besetzt. Die Menschen hören zwei Männern zu, die trotz schwerer persönlicher Verluste fest daran glauben, dass Frieden möglich ist.

„Als ich erfahren habe, dass meine Eltern tot sind, hat es zwei Minuten gedauert, bis ich wusste: Wir müssen einen Weg zu Frieden und Versöhnung finden“, erzählt Maoz Inon später im Gespräch. Eine Haltung, die er auch seinem Vater verdankt. Der war Landwirt und musste immer wieder Rückschläge verkraften. Mal zerstörte eine Dürre die Ernte, mal waren es Insekten. Doch sein Vater sagte stets: „Nächstes Jahr werde ich wieder Weizen anbauen.“ Aufgeben war für ihn keine Option. Diese Haltung seines Vaters habe ihn gelehrt, auch angesichts von Katastrophen nicht aufzugeben, erzählte Maoz Inon.

Zwei Lebensgeschichten, eine gemeinsame Botschaft

Auch Aziz Abu Sarah hat einen nahen Angehörigen durch den Konflikt verloren. Sein älterer Bruder wurde während der ersten Intifada getötet. Aziz war damals zehn Jahre alt. Er wuchs als Palästinenser in Israel auf und erzählte davon, dass er der einzige Palästinenser in seiner Schulklasse gewesen sei. Er erzählte auch von einer einfühlsamen Lehrerin, die sich seiner annahm und ihm neue Hoffnung gab.

Heute reisen die beiden Männer gemeinsam um die Welt und werben für Frieden und Verständigung zwischen Israelis und Palästinensern. Ihr gemeinsames Buch „Die Zukunft ist Frieden“ stellten sie am 20. Oktober erstmals in Deutschland vor. Eine klassische Lesung war der Abend allerdings nur am Rande. Beide Autoren lasen jeweils einen kurzen Abschnitt aus dem Buch. Im Mittelpunkt stand ein moderiertes Gespräch, das auf Englisch geführt wurde.

Die beiden Männer sprachen ruhig, ohne große Gesten und ohne Pathos. Ihre persönlichen Geschichten sind erschütternd, doch ihre Botschaft richtet sich vor allem auf die Zukunft. „5000 Jahre Menschheitsgeschichte zeigen: Man kann sich den Weg zum Frieden nicht freibomben“, sagte Maoz Inon. Er ist überzeugt, dass Frieden viel schneller möglich wäre, als viele Menschen glauben. „Wir sind immer zwei Wochen vom Frieden entfernt“, formulierte er. Voraussetzung sei der Wille dazu.

„Wir können nicht auf die Politiker warten“

Doch wer soll diese Entscheidungen treffen? Inon und Abu Sarah wollen nicht allein auf Regierungen setzen. „Wir können nicht auf die Politiker warten“, sagte Maoz Inon. Deshalb suchen sie weltweit das Gespräch, mit politischen und religiösen Persönlichkeiten ebenso wie mit ganz gewöhnlichen Menschen. Sie wollen Bündnisse für den Frieden schaffen. „It’s up to all of us“, lautete ihre Botschaft. Es liegt an uns allen.

Aziz Abu Sarah betonte, wie wichtig es sei, wer an Friedensverhandlungen beteiligt werde. „Sind Friedensstifter im Raum? Sind Frauen im Raum?“, fragte er. Bei der Frage nach der Beteiligung von Frauen gab es spontanen Zwischenapplaus und deutliche Zustimmung im Publikum.

Zugleich formulierten die beiden konkrete Forderungen an die Politik. Deutschland und die Europäische Union könnten dazu beitragen, einen weiteren Krieg zu verhindern, sagte Inon. Die Bundesregierung müsse ihren Einfluss auf die israelische Regierung nutzen, um Frieden zu ermöglichen. „We can prevent the next war“ – wir können den nächsten Krieg verhindern.

Derzeit werde nach Inons Einschätzung nicht in Frieden in der Region investiert. Aziz Abu Sarah berichtete, was sie Politikern antworteten, die wissen wollten, was sie benötigten: keine weiteren Waffenlieferungen, dafür Investitionen in Frieden und freie, faire Wahlen. Friedensstifter müssten an den Verhandlungen beteiligt werden und das Rote Kreuz Zugang zu Gefängnissen erhalten. Das seien doch Mindestforderungen.

Eine Botschaft auch für Berlin

Eine Aussage von Maoz Inon bekommt gerade in Berlin besonderes Gewicht. In der Stadt mit ihrer großen palästinensischen Gemeinschaft wird seit dem 7. Oktober 2023 besonders heftig über den Nahostkonflikt gestritten. Statt Energie darauf zu verwenden, darüber zu streiten, ob das Geschehen im Nahen Osten als Krieg, Genozid oder anders bezeichnet werden müsse, sollten die Menschen lieber gemeinsam an einer Zukunft arbeiten, sagte er.

Wie sehr der Konflikt auch die Menschen in Berlin beschäftigt, zeigte sich in der kurzen Fragerunde am Ende des Abends. Eine Zuhörerin erinnerte an den Wahlsieg der Hamas bei der palästinensischen Parlamentswahl 2006 und fragte, warum es bei künftigen Wahlen anders laufen sollte. Aziz Abu Sarah verwies unter anderem darauf, dass diese Wahl bereits 20 Jahre zurückliegt.

Eine andere Frau erzählte, dass sie als Erzieherin in einer Kita arbeite und dort gewissermaßen jeden Tag Friedensarbeit leiste. Die Emotionalität, mit der in Berlin über den Nahostkonflikt gestritten werde, belaste sie sehr. Sie fragte, was sie tun könne. Die Frau war den Tränen nahe. Aus dem Kreis der Mitveranstalter wurde sie an eine Mitarbeiterin der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (KIgA) verwiesen. Die KIgA bietet mit ihrem Projekt „DialogRäume“ Möglichkeiten für Begegnung und Verständigung. Auch die Veranstaltung im Atze Musiktheater war Teil dieses Projekts.

Svenja Monert von der Buchhandlung Frau Polda hinter einem Stapel des Buches „Die Zukunft ist Frieden“ im Atze Musiktheater.
Svenja Monert von der Weddinger Buchhandlung Frau Polda verkaufte bei der Lesung im Atze Musiktheater die deutsche Ausgabe von „Die Zukunft ist Frieden“. Am Ende des Abends waren alle Exemplare verkauft. Foto: Dominique Hensel

Großer Andrang am Büchertisch

Wie groß das Interesse an den beiden Friedensaktivisten war, zeigte sich auch im Foyer. Dort hatte Svenja Monert von der Buchhandlung „Frau Polda“ in der Maxstraße einen großen Stapel der deutschen Ausgabe von „Die Zukunft ist Frieden“ aufgebaut. Nach der Veranstaltung war kein einziges Exemplar mehr übrig.

Inzwischen ist das Buch auch in der Buchhandlung ausverkauft. Wer es lesen möchte, kann es dort aber bestellen. In der Regel ist es bereits am nächsten Tag erhältlich. Am besten funktioniert die Bestellung per E-Mail an kontakt@fraupolda.de.

Hinweis: Die Zitate aus dem englischsprachigen Gespräch wurden für diesen Bericht ins Deutsche übersetzt.

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Kommentar

  1. Avatar von Thommi
    Thommi

    Lieben dank Dominique,

    Ich hab die veranstaltung leider verpasst! Du hast sie mir erzaehlt!

    Thommi

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