Menschen ohne Sirene

Ein Rettungswagen auf der Osloer Straße wird für Gökhan Bozkuş zum Ausgangspunkt für Gedanken über Aufmerksamkeit, Mitgefühl und die leisen Hilferufe anderer Menschen. Ein Essay.

Rettungswagen der Berliner Feuerwehr mit Blaulicht nachts auf der Seestraße
Ein Rettungswagen der Berliner Feuerwehr mit Blaulicht im Wedding. Foto: Sulamith Sallmann

Gerade ist ein Rettungswagen in der Osloer Straße vorbeigefahren. Ich habe seine Sirene gehört. Er ist bei Rot über die Kreuzung gefahren. Nur wenige Sekunden später hörte ich schon die Sirene eines zweiten Rettungswagens. Dieselbe Eile, dieselben Lichter, dieselbe Unruhe …

In einer Stadt wie Berlin, in der Regeln ernst genommen werden, ist es normalerweise keine Kleinigkeit, bei Rot über eine Kreuzung zu fahren. Rot ist Rot. Es bedeutet: Halt. Die Spur ist vorgegeben. Die Fahrtrichtung ist vorgegeben. Die Reihenfolge ist vorgegeben.

Doch wenn ein Rettungswagen kommt, gerät all das für einen Augenblick aus der Ordnung.

Die rote Ampel wartet. Das Grün wartet. Die anderen Autos machen Platz. Wenn es sein muss, fährt der Rettungswagen sogar auf der Gegenfahrbahn. Wenn es sein muss, nimmt er einen Weg, den sonst niemand nehmen dürfte.

Und niemand ruft ihm hinterher:

„Hey! Du bist bei Rot gefahren!“

Denn jeder weiß: Es gibt in diesem Augenblick etwas, das wichtiger ist als eine rote Ampel.

Das Leben eines Menschen.

Vielleicht bekommt irgendwo jemand keine Luft mehr. Vielleicht ist ein Kind gestürzt. Vielleicht ist das Herz eines alten Menschen stehen geblieben, eine Frau hat das Bewusstsein verloren, ein Mensch verliert Blut.

Wir wissen nichts davon. Aber wir hören die Sirene.

Und die Sirene sagt uns:

Jetzt ist kein gewöhnlicher Moment.

Vielleicht liegt genau darin eine der größten Täuschungen des menschlichen Lebens.

Wir nehmen nur die Dringlichkeit ernst, die wir hören können.

Doch manche Menschen haben keine Sirene.

Das Gesicht eines Menschen verändert sich. Wir fragen nicht: „Geht es dir gut?“

Ein Freund meldet sich lange nicht. Wir fragen nicht: „Ist etwas passiert?“

Jemand bricht mitten im Satz ab und wird still. Wir wechseln das Thema.

Jemand braucht Hilfe, schafft es aber nicht, laut danach zu fragen. Und wir sagen:

„Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt.“

Denn auch wir haben unsere Aufgaben. Wir müssen irgendwohin. Wir müssen etwas erledigen. Wir haben Termine, Verpflichtungen und Regeln, an die wir uns halten müssen.

Und das Leben geht weiter.

Vielleicht ist genau das das Merkwürdigste:

Im Straßenverkehr sind wir bereit, unsere eigene Ordnung für ein paar Minuten aufzugeben, um einem Rettungswagen Platz zu machen. Aber für einen Menschen fällt es uns schwer, unsere Ordnung auch nur für ein paar Minuten zu unterbrechen.

Wenn der Rettungswagen kommt, setzen wir die Bedeutung der roten Ampel für einen Augenblick außer Kraft. Aber die Müdigkeit in den Augen eines Menschen, seine Verzweiflung, seine Angst – all das können wir übersehen.

Denn eine Verkehrsampel hat eine Sprache. Menschen haben sie meistens nicht.

Die rote Ampel sagt uns:

Halt!

Die Sirene sagt uns:

Mach Platz!

Aber ein Mensch, der seinen Schmerz still mit sich trägt, sagt vielleicht gar nichts.

Vielleicht wird er einfach nur etwas stiller. Vielleicht lacht er nicht mehr so wie früher. Vielleicht antwortet er später auf Nachrichten. Vielleicht sagt er:

„Mir geht’s gut.“

Und wir glauben ihm.

Denn dass er „Mir geht’s gut“ sagt, macht unser Leben leichter.

Dabei kann „Mir geht’s gut“ manchmal der leiseste Hilferuf sein, den ein Mensch noch hervorbringen kann.

Natürlich sind Regeln notwendig. Eine Stadt kann ohne Regeln nicht funktionieren. Eine Gesellschaft kann ohne Regeln nicht bestehen. Wenn jeder seine eigene Dringlichkeit zum Grund nimmt, um bei Rot über die Kreuzung zu fahren, wird am Ende auch der Weg für die echten Notfälle versperrt.

Aber vielleicht geht es gar nicht darum, zu wissen, wann wir eine Regel brechen dürfen.

Vielleicht geht es darum, zu erkennen, wann ein Mensch vor uns steht.

Denn der Rettungswagen hat eine Sirene.

Der Mensch nicht.

Wenn der Rettungswagen kommt, machen alle Platz, weil jeder weiß, dass seine Eile in diesem Moment wichtiger ist als die eigene.

Doch manche Not kommt leise.

Sie wartet am anderen Ende eines Telefons. Sie sitzt schweigend am Esstisch. Sie steht vor einer Tür.

Oder sie zeigt sich nur als ein winziger Riss im Gesicht eines Menschen, den niemand bemerkt.

Und manchmal sehen wir diesen Riss sogar – und gehen trotzdem weiter.

Weil keine Sirene zu hören ist. Weil keine rote Ampel leuchtet. Weil uns niemand sagt:

„Halt an.“

Vielleicht beginnt genau hier unser Menschsein:

Dort stehen zu bleiben, wo niemand uns zum Anhalten auffordert.

Und vielleicht müssen wir an manchen Tagen nicht einem Rettungswagen Platz machen, sondern der Verzweiflung eines Menschen, der uns gegenübersteht.

Dafür sollten wir nicht erst auf eine Sirene warten.

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