Die Brunnenstraße hat eine lange jüdische Historie. Neben zahlreichen Geschäften gab es wenige Meter weiter nördlich von der Synagoge Brunnenstraße in der Hausnummer 41 ab dem 1. Februar 1913 ein jüdisches Mütter- und Kinderheim, das später zum Seniorenheim wurde. Es ist auch als Minna-Schwarz-Heim bekannt. Wer war Minna Schwarz? Was hat sie aufgebaut und was fand hinter der heute so freundlich wirkenden Fassade Brunnenstraße 41 einst statt?

Anfänge des jüdischen Mütter- und Kinderheims
Vermutlich erwarb der jüdische Frauenverein der Berliner Logen U.O.B.B. 1912 das Wohngebäude und Grundstück Brunnenstraße 41, denn im Berliner Adressbuch 1913 ist der Verein als neuer Eigentümer verzeichnet. Damals wohnten in dem Haus 20 Familien/Personen mit ganz unterschiedlichen Berufen: von der Schneiderin über den Maschinenarbeiter und den Schuhmacher bis zum Rentner. Das Objekt bestand 1910 laut Straube-Karte aus Vorderhaus und zwei Seitenflügeln, die zusammen mit dem Haupthaus U-förmig den schmalen Hof begrenzten; sowie kleinen Nebengebäuden und Baulandreserve auf dem hinteren Hof – nach dem Bauboom der 1880er und 1890er Jahre eine Seltenheit.
In diesem für den Kiez typischen Wohnhaus begann der neue Eigentümer, der jüdische Frauenverein, ab dem 1. Februar 1913 mit der Versorgung von mittellosen Müttern. Ziel war die Aufnahme und Versorgung von “jüdischen Müttern vor und nach der Entbindung”, so ein erster Bericht im Der Gemeindebote (21.2.1913). Ebenfalls erfuhr man aus dem Artikel, dass die Angliederung eines Heims für jüdische Krankenschwestern geplant sei. Man begann zunächst mit sechs Betten im Seitenflügel, und sobald eine Wohnung frei wurde, nutzte man die Räumlichkeiten zur Aufnahme weiterer Frauen und Kinder.

Zeitgleich feierte der engagierte Frauenverein im März 1913 sein 25-jähriges Bestehen. Sein Hauptanliegen bildete die soziale Unterstützung für Frauen und insbesondere die Pflege von Wöchnerinnen – also Müttern in der sechsten bis achten Woche nach der Geburt. Hierfür beschäftigte der Verein unter der Leitung von Minna Schwarz 22 Pflegerinnen. Zudem unterhielt der Verein ein eigenes Entbindungsheim für eheliche und uneheliche jüdische Frauen.
Das Interesse der Vereinsmitglieder an dem sozialen Projekt eines Mutter-/Kinderheims war überwältigend, denn innerhalb kürzester Zeit hatte der Frauenverein 70.000 Mark gesammelt. Hierfür wurden Obligationen mit vier Prozent ausgegeben, so ein Bericht im Der Gemeindebote (14.3.1913). Mit diesen finanziellen Möglichkeiten erwuchsen aus den kleinen Anfängen schnell größere Pläne für einen Neubau auf dem hinteren Teil der Brunnenstraße 41. In erster Linie sollte das neue Heim Mütter und ihre Kinder vor Elend, Verwahrlosung und Armut schützen, so ein Artikel im April 1913.
Der Neubau im Hof von 1914 und die schweren Kriegsjahre
Die Brunnenstraße lag zentral zwischen Wedding, Rosenthaler Vorstadt und Oranienburger Vorstadt, wo zahlreiche Menschen – viele jüdische Menschen – in sehr einfachen und ärmlichen Verhältnissen lebten, weshalb innerhalb des ersten Jahres bereits ein Neubau auf dem Grundstück Brunnenstraße 41 geplant wurde. Die Bauarbeiten dazu begannen am 23. Februar 1914 samt feierlicher Grundsteinlegung am 15. März 1914.

Nach den Plänen des Baumeisters Richard Bloch sollte auf dem noch unbebauten Teil des Grundstücks innerhalb weniger Monate ein ansehnlicher Neubau entstehen: die ersten drei Etagen für das Mütter-/Kinderheim, eine Etage für das Schwesternheim der Großloge und auf der obersten Etage Wirtschaftsräume, so eine Ankündigung im Mai 1914. Es sollte eine friedliche und geschützte Stätte zur Erholung für Frauen sein.
Am 15. November 1914 wurde der Neubau eröffnet. Er bot Platz für 25 Mütter mit ihren Kindern sowie für zehn werdende Müttern, auch ledige. Wie dringend dieses Fürsorge-Angebot insbesondere im Ersten Weltkrieg benötigt wurde, verdeutlicht folgende Schilderung. „Die große Zahl der Flüchtlinge Ostpreußens, Galiziens und Belgiens hat auch dem Heim unendlich viele Frauen zugeführt, die nicht allein in dieser Kriegszeit ihres Ernährers beraubt, sondern denen auch Halt und Stütze für ihre schwerste Stunde fehlte. Sie kamen aller Mittel entblößt hier an und fanden liebevollste Aufnahme in dem schön ausgestatteten Mütterheim”, so ein Bericht in der Allgemeinen Zeitung des Judenthums (8.9.1915).
Neben dem stark frequentierten Mütter-/Kinderheim befand sich im Winter 1914/15 im Vorderhaus ein von der Jüdischen Kriegshilfe-Kommission eingerichtetes Abendheim für alleinstehende jüdische Frauen und Mädchen. In zwei beheizten und beleuchteten Zimmern konnten die Frauen einen ruhigen Abend verbringen. Es gab ein warmes Abendessen für 10 Pfennige. Hierfür mussten Karten bei der Gemeindeverwaltung in der Rosenstraße beantragt werden. Auch dieses Angebot richtete sich an Jüdinnen, die in ganz einfachen Verhältnissen lebten.
Im Ersten Weltkrieg erweiterte das Mütter-/Kinderheim sein Angebot dahingehend, dass man im Sommer 1917 eine Mütterberatung anbot. Diese richtete sich in erster Linie an Mütter mit Kindern; ein Arzt beriet die Frauen in allen gesundheitlichen Angelegenheiten. Auch bekamen Mütter unentgeltlich beziehungsweise zu einem geringen Selbstkostenpreis entsprechende Säuglingsnahrung, deren Reinheit besonders betont wurde (Der Gemeindebote, 1.6.1917). Ebenfalls ließ Minna Schwarz, die Hauptinitiatorin des Projekts, im April 1917 einen Lehrgang für Säuglings- und Wochenpflege einrichten, der zukünftig immer mehr an Bedeutung gewinnen sollte. 1920 erhielt Minna Schwarz sowohl das Verdienstkreuz für Kriegshilfe als auch von der preußischen Regierung die Rote Kreuz-Medaille dritter Klasse.
Ein Ort zum Lernen und zur Genesung, die 1920er
Seit der Entstehung 1913 waren der jüdische Frauenverein und die Jüdische Gemeinde die wesentlichen Triebfedern bei den sozialen Frauenprojekten im Haus Brunnenstraße 41. Es entstand neben dem Mütter-/Kinderheim eine Säuglingspflegeschule, die im Mai 1926 sogar die staatliche Anerkennung bekam. Die Ausbildung dauerte zwei Jahre und jedes Jahr konnten sechs Schülerinnen aufgenommen werden.

Ein längerer Bericht mit vier Fotos über das Heim wurde von der Zeitung
Die jüdische Frau (22.5.1925) veröffentlicht. Neben der Beschreibung der Räumlichkeiten und der ausgezeichneten Hygiene hieß es, dass es eine Milchküche, eine Küche, ein Isolierzimmer und einen eigenen Entbindungssaal gab.

Laut Nachrichtendienst gab es im Mai 1926 im Mütter-/Kinderheim Brunnenstraße 41 von den 35 Mütterplätzen nur fünf freie Plätze und von den 50 Kinderplätzen nur zwei freie Plätze. Somit befanden sich 30 Mütter und 48 Kinder in dem Haus. Im Juni 1926 gab es freie Plätze für fünf Mütter und acht Babys. Im November 1926 gab es freie Plätze für sechs Mütter und 30 Kinder; im April 1927 für sieben Mütter und zehn Kinder. Generell war die Auslastung in den 1920er Jahren sehr hoch. Minna Schwarz kümmerte sich insbesondere um die unehelich geborenen Kinder. Davon wurden bis Ende 1927 insgesamt 39 Kinder von wohlhabenden jüdischen Familien adoptiert. Und je nach freien Kapazitäten wurden auch nichtjüdische Hilfsbedürftige aufgenommen, so die Jüdisch-liberale Zeitung (16.3.1928).
Einen längeren Bericht über das Haus veröffentlichte Else Dormitzer 1926 im Israelitischen Familienblatt (10.6.1926). “Wir besuchen zuerst den Saal für die ganz Kleinen. Wie bei den sieben Zwergen, nur in bedeutend größerer Anzahl, stehen hier winzige Bettchen, und in jedem liegt ein kleiner Erdenbürger, der uns, je nach Laune und Stimmung, mit fürchterlichem Geschrei oder freundlichem Lächeln empfängt.” Im nächsten Raum sind die größeren Kinder zusammen. Minna Schwarz kennt alle Namen und ihre Lebensgeschichten. Über jedem Bett hängt eine Tafel mit Statistiken zu den wichtigsten Entwicklungen des Kindes. Alle Räume, sowohl für die Mütter als auch für die Schwestern, sind geschmackvoll und behaglich eingerichtet. Und in den Sommermonaten stehen im Garten die Kinderwagen im Sonnenlicht. “Ich verlasse mit den Empfindungen größter Bewunderung die Anstalt”, so Dormitzer. Es sei ein Werk wahrer Menschenliebe und Hoffnung für diejenigen, die auf der Schattenseite des Lebens stünden.
Die 1930er Jahre: Neue, dunkle Zeiten brachen an
Minna Schwarz wirkte jedoch nicht nur in der Brunnenstraße. In Oberrochwitz, einem Stadtteil von Dresden, gab es ein Ferienheim für Kinder der Fraternitas-Loge. Ab August 1922 stand dieses Logen-Haus auch für allgemeine Erholungsreisen vor und nach den Ferien zur Verfügung. Dafür setzte sich Minna Schwarz ein. Es war einfach ausgestattet, aber bot mit streng ritueller Kost Erholung vom schweren Alltag. Hier war Frau Schwarz selber Gast und sprach gerne vom „lieben Oberrochwitz“, was ihr über die Jahre ans Herz gewachsen war.


Minna Schwarz engagierte sich in zahlreichen weiteren Organisationen und auch politisch. Sie hielt Vorträge und war eine erstklassige Netzwerkerin. Bereits zu Lebzeiten erhielt ihr Engagement in der Brunnenstraße besondere Anerkennung. So wurde zu ihrem 70. Geburtstag eine Gedenktafel am Eingang zum Hofhaus Brunnenstraße angebracht. Sie stammte vom Künstler Jakob Plessner und zeigte oben die Darstellung von Mutter und Kind, „Unserer Minna Schwarz“, und darunter den Spruch: „Es töne hinfort, ihr Motto, ihr Rat, vom Gedanken zum Wort, vom Wort zur Tat“ (25. November 1929) – vielleicht auch ein Trost und ein Zeichen der Hoffnung für die nun seit wenigen Monaten verwitwete Minna Schwarz.


Innerhalb weniger Jahre änderte sich die Situation im Mütter-/Kinderheim, denn die Belegungszahlen gingen zurück. Was nun gebraucht wurde, waren Unterkünfte für mittellose Senioren. So wurden ab dem 1. Oktober 1932 einige Räume als Altersheim genutzt, das den Namen “Minna-Schwarz-Heim” trug. Es wurden Ehepaare und alleinstehende Frauen aufgenommen. Zunächst gab es auf einer Etage insgesamt 15 Betten, die bei der Eröffnung sofort belegt waren. Kaum ein Jahr später nutzte das Heim weitere Zimmer im Haus.
Im November 1934 feierte Minna Schwarz ihren 75. Geburtstag. Von der Jüdischen Gemeinde Berlin erhielt sie eine Ehrenplakette, überreicht von Rabbiner Dr. Salomonski. Viel wichtiger war ihr aber das Haus in der Brunnenstraße 41, erst für Mütter und nun für Seniorinnen, was ihr Lebenswerk war, welchem sie sich noch im hohen Alter täglich widmete. Das Israelitische Familienblatt veröffentlichte ein Porträt von Frau Schwarz in der Rubrik “Köpfe der Woche”. Anna Jaretzki schrieb über die Jubilarin: “Wir sehen in Minna Schwarz die Schöpferin der Fürsorge für Mütter und Kind. (…) In unendlich reicher Kleinarbeit hat sie geholfen, Existenzen aufzurichten und zu erhalten” (29.11.1934). Doch langsam verließen Minna Schwarz (1859-1936) die Kräfte und sie zog selbst in das Heim, wo sie im Alter von 78 Jahren starb.

Im Gemeindeblatt der jüdischen Gemeinde zu Berlin hieß es über die Heimgegangene: „Seit beinahe 40 Jahren hat Minna Schwarz sich der jüdischen sozialen Arbeit in allen Abzweigungen gewidmet, ihre Fürsorge erstreckte sich insbesondere auf Mütter und Kinder, ihr ist die Begründung des ersten Entbindungsheims zu danken, das sie 1907 ins Leben rief und welches sodann fünf Jahre später zu einem Mütter- und Kinderheim ausgestattet wurde” (3.1.1937). Und Hannah Karminski schrieb: „Die jüdische Gemeinschaft mußte mit Minna Schwarz wieder einen Menschen hergeben, dessen Verstehen alles umspannte, was lebendiges Judentum heißt“ (Jüdische Rundschau, 30.12.1936). In zahlreichen weiteren Zeitungen erschienen würdigende Abschiedsworte. Sie wurde auf dem jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee beigesetzt. Auch in Oberrochwitz gab es eine Trauerfeier mit Abendgebet und Kaddisch-Gebet.
Vermutlich fand 1935/36 der Besitzerwechsel des Objektes Brunnenstraße 41 statt: Eigentümer laut Berliner Adressbuch: 1934 Frauenverein der Berliner Logen U.O.B.B., 1935 unbekannt, 1936 unbekannt, 1937 Eisner (wohnhaft in der Schützenstraße 28, Berlin SW). Im April 1938 wurde das Vermögen des aufgelösten Frauenvereins der Berliner Logen (Minna-Schwarz-Heim) dem Staat übertragen. Das betraf sämtliche Bankguthaben und Wertpapiere, so eine Anzeige im Deutschen Reichsanzeiger (27.4.1938). Es begann das dunkelste Kapitel für die Brunnenstraße 41, denn das Heim blieb zu dem Zweck erhalten, dass der NS-Staat möglichst viele jüdische Senioren hier unterbrachte und von hier kontrolliert deportieren konnte. Auch wenn die Berichterstattung in den Tageszeitungen nun abbrach, so ist bekannt, dass über 100 Menschen von hier in die Konzentrationslager deportiert wurden.
Geschichte kompakt: das Minna-Schwarz-Heim
Gut zwei Jahrzehnte, von 1913 bis 1933, drehte sich auf dem Hof der Brunnenstraße 41 alles um Mütter in Notsituationen, die über kaum genug Mittel verfügten, um ein Kind zu bekommen oder aufzuziehen. Mit dem Mütter-/Kinderheim verhinderte die Initiatorin Minna Schwarz – mit zahlreichen Anerkennungen ausgezeichnet – die Trennung von Müttern von ihren neugeborenen Kindern oder bei unehelichen Kindern die Verstoßung der Mutter aus der Gesellschaft. Eine echte Pionierleistung in der Zeit.
Minna Schwarz schuf einen sicheren Ort für Mütter, damit sie trotz Armut ihr Muttersein als etwas Positives erleben konnten. In den Sommermonaten standen die Kinderwagen im Hof und man hörte die jungen Kinderstimmen, die Wohnungen im Vorderhaus waren vermietet. Während es zunächst um den Start ins Leben und die Ausbildung zur Wochen- und Säulingspflegerin ging, sollten ab 1932 immer mehr Senioren in dem Haus die letzten Lebensjahre in einem gesicherten und sorgenfreien Umfeld verbringen können. Nun wurde das Haus als „Minna-Schwarz-Heim“ bezeichnet.
Inwieweit die Bewohner die Synagoge in der Brunnenstraße 33 besuchten, ist unklar. Das Altersheim wurde unter der NS-Diktatur zur Zwangsunterkunft, von der über 100 Menschen in die KZs deportiert wurden. Das Haus überstand den Zweiten Weltkrieg. Hier befand sich von 1948 bis 1992 ein Kindergarten. Heute sind sowohl im Vorderhaus als auch im ehemaligen Mütter-/Kinderheim Wohnungen.
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Carsten Schmidt ist Autor des Buches „Bittersweet: Jüdisches Leben im Roten Wedding, 1871-1933“. Das Buch ist 2023 bei Hentrich & Hentrich erschienen. Eine Rezension ist unter der Überschrift Buch über verlorenes jüdisches Leben veröffentlicht worden.
Weitere Beiträge über das interkulturelle Leben im Wedding und in Gesundbrunnen stehen auf der Seite Interkulturelles Leben im Wedding. Mehr Beiträge speziell über jüdisches Leben im Wedding und in Gesundbrunnen gibt es hier: Jüdisches Leben
Den Autoren treffen
Autor Carsten Schmidt liest am Samstag, dem 14. Juni, um 19 Uhr im Nachbarschaftstreff Waschküche aus seinem Buch „Bittersweet: Jüdisches Leben im Roten Wedding, 1871-1933“. Die Lesung findet in Kooperation mit dem Brunnenviertel e.V. statt und wird aus dem Berliner Autorenlesefonds finanziert. Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung nicht erforderlich. Die Platzanzahl in der Waschküche in der Feldstraße 10 ist allerdings begrenzt. Hier geht es zum Veranstaltungseintrag der Waschküche: Lesung Carsten Schmidt.


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