Mitte macht sauber: Kann das so klappen?

Mit vielen kleinen Maßnahmen versucht der Bezirk Mitte im Rahmen seiner Kampagne „Mitte macht sauber“ der Vermüllung im öffentlichen Raum entgegen zu treten. Unterstützung von Cleanup-Gruppen, der Versuch der stärkeren Ahndung illegal abgestellten Mülls, Bildungsangebote, ein weiterer Müll-Gipfel – das sind die wesentlichen Maßnahmen. Doch kann das so klappen? Das fragen sich zwei Müllaktivisten aus dem Sprengelkiez. Sie suchen derzeit das Gespräch mit Politiker:innen aus dem Wedding, die auf Landesebene aktiv sind. Sie wollen, dass sich strukturell etwas ändert.

Illegal am Straßenrand abgestellter Müll in der Ungarnstraße. Foto: Schnell
Illegal am Straßenrand abgestellter Müll in der Ungarnstraße. Foto: Schnell

Die beiden Aktivisten, die nicht namentlich genannt werden wollen (der Redaktion aber bekannt sind), beteiligen sich seit längerem auch an Müllsammelaktionen in ihrem Kiez. In einem Brief an eine polititische Entscheidungsträgerin (Brief liegt der Redaktion vor), schreiben sie nun: „Bei allem ehrenamtlichen Engagement wird uns zunehmend bewusst, dass wir de facto einen Teil der Arbeit der eigentlich zuständigen BSR übernehmen. Klar wird auch, dass diese Aufgabe der Stadtreinigung nicht von Ehrenamtsgruppen getragen, sondern bestenfalls punktuell unterstützt werden kann – als ehrenamtliches Engagement in unserer Freizeit und mit dementsprechend klar begrenzten Möglichkeiten.“ Aus Sicht der Aktivisten komme die Berliner Stadtreinigung (BSR) ihren Aufgaben nur noch schlecht nach: „Die BSR ist aufgrund ihrer zu knappen Ausstattung mit Personal und Equipment offensichtlich nicht mehr imstande, ihren gesetzlichen Auftrag zu erfüllen.“

Ehrenamtliche können das Problem nicht lösen

„Kehrenbürger“ könnten die Defizite nicht kompensieren. „Die täglichen Erfahrungen zeigen allerdings schon seit Jahren: Die BSR kommt im Wedding – und darüber hinaus auch in den Innenstadtbezirken – in den kleineren Straßen der Kieze und abseits der Tourismus-Hotspots und anderer zentraler Orte ihrer gesetzlich auferlegten Aufgabe nur noch mit stark abnehmender Tendenz nach. Gleichzeitig schafft die BSR seit einiger Zeit vermehrt Angebote, über freiwilliges Engagement bei der Reinigung der Kieze zu helfen“, so schreiben die Initiatoren des Briefes.

„Unser Hauptanliegen ist und bleibt, dass die seit langer Zeit bestehende Mangelsituation der Aufgabenerfüllung durch die BSR, die Straßen, Plätze, Gehwege und Grünflächen in den Kiezen gemäß Straßenreinigungsgesetz sauber zuhalten, von der Politik auf Landesebene aufgegriffen wird“, so der Appell an die Adressatin des Schreibens. Schließlich würde diese Leistung über die Straßenreinigungsgebühr von den Bürger:innen bezahlt. Aus Sicht der Aktivisten sollte die Stadtreinigung und das ganze System auf den Prüfstand.

Illegal abgestellter Müll in einem Durchgang an der Usedomer Straße. Foto: Hensel
Illegal abgestellter Müll in einem Durchgang an der Usedomer Straße. Foto: Hensel

Zu viel Müll, zu wenig Reinigung

Die Aktivisten sehen kein Regelungsdefizit, sondern Mängel in der Umsetzung. Die bestehenden Gesetze und Regelungen müssten einfach konsequent umgesetzt werden. „Für die Straßen im Sprengelkiez würde dies beispielsweise bedeuten, dass die BSR vier bis fünf Tage in der Woche diese Reinigungsarbeiten zu erledigen hat. Aber davon kann keine Rede sein. In vielen der kleineren Straßen, Plätze und Grünanlagen beobachten wir seit langer Zeit eine hochgradige Verschmutzung, die nur zustande kommen kann, weil die festgelegten Reinigungsrhythmen der BSR auch über längere Zeiträume nicht eingehalten werden“, heißt es in dem Brief an die Abgeordnete.

Klar sei allerdings: Das Hauptproblem für die unzumutbaren Zustände in Berlin sei in erster Linie eine Wegwerf-Mentalität, gepaart mit fehlendem Umweltbewusstsein. „Vor Ort kann man besichtigen, wie sich dann die so genannte ‚Broken Glas‘-Theorie bestätigt: Wo Schaufensterscheiben kaputt sind, wo schon Müll liegt bzw. wo vorhandener Müll von der BSR nicht schnell weggeräumt wird, wird zusätzlicher Müll hingeworfen“, so die Aktivisten. Es müsse verhindert werden, dass in Kiezen abseits der touristischen Hotspots immer mehr solche Broken-Windows-Stellen entstehen.

Was sollte konkret getan werden?

Die Aktivisten benennen nicht nur die Probleme, sie beschreiben auch Lösungswege. Zunächst brauche es das Eingeständnis der Politik, dass die Straßenreinigung in Berlin in der Krise ist. Dann müssten die Probleme und Strukturdefizite der BSR analysiert werden, Angebote wie BSR-Entsorgungshöfe, Preisgestaltung, Sperrmüllabholung, Kehrenbürger-Effizienz müssten überprüft werden. Eine Organisationsanalyse des Landesrechnungshofes halten die Aktivisten aus dem Sprengelkiez für angebracht. Die Sperrmüllentsorgung sollte demnach umgestaltet werden. In dem Schreiben wird die Einführung von kostengünstigen bis kostenfreien Abholungen von zu Hause und regelmäßige und häufige Sperrmüllabholtage in den Kiezen vorgeschlagen. Schließlich bringen die Aktivisten einen Sauberkeitsbericht für Berlin ins Spiel, der ein Mal pro Jahr im Abgeordnetenhaus vorgelegt und besprochen werden soll.

Mülleimer im Humboldthain: zu voll oder zu klein? Foto: Hensel
Mülleimer im Humboldthain: zu voll oder zu klein? Foto: Hensel

Das Schreiben ist an verschiedene Abgeordnete aus dem Wedding verschickt worden, auch die Bezirksbürgermeisterin und die BSR hat ein Schreiben erhalten. Inzwischen gibt es mehrere Gesprächsangebote an die beiden Aktivisten aus dem Sprengelkiez. Ausgang: offen.

Weiterlesen zum Thema Müll

Mehr über die Kampagne „Mitte macht sauber“ steht im Beitrag Mitte macht sauber: Der Kampf mit dem Müll. Mehr Beiträge zu Cleanups und Initiativen im Stadtteil steht im Bereich Nachhaltigkeit im Wedding.

📍 Kiez: ,

Kommentare

  1. Avatar von Michael G.
    Michael G.

    Guter Artikel.

  2. Avatar von Reinhard
    Reinhard

    Morjen

    wieder mal und sicher nicht das letzte Mal Thema…. kleine Ergänzung

    https://www.nzz.ch/feuilleton/berlin-die-stadt-vermuellt-und-die-politik-schaut-zu-ld.1756177

    https://www.careelite.de/littering-stoppen-tipps-gegen-vermuellung/

    https://www.hu-berlin.de/de/pr/nachrichten/archiv/mai-2017/nr_180516_01

    Gründe für das bewusste oder unbewusste Wegwerfen oder Liegenlassen von Abfall sind der Studie zufolge Bequemlichkeit, Faulheit und Gleichgültigkeit. Die Hauptaltersgruppe der Littering-Verursacher liege bei 18-30 Jahre

    Offensichtlich haben wir eine Generation von Schmutzfinken heran gezogen… dachte immer das das die sind , die eine saubere Umwelt haben wollen und Angst vor dem sog. Klimawandel haben….man ick hör lieba uff , sonst springt mir noch’n Draht aus de Mütze

    Gruß

    1. Avatar von Dominique Hensel

      Oh, das kann ich ganz sicher versprechen, dass das Thema hier nicht zum letzten Mal auftaucht. Ich orakele mal vor mich hin: Es kommt schon bald, sehr bald. So gegen 12 Uhr heute… ;) LG!

  3. Avatar von Hartmut
    Hartmut

    Danke für die Darstellung der Inhalte des Briefes. Ich kann verstehen, dass es einfacher ist, auf die BSR zu zeigen als auf eine unbekannte Anzahl an Personen. Aber woher nehmen die Verfasser:innen des Briefs die Information, dass die BSR ungenügend reinigt? Warum wird eine Krise bei der BSR unterstellt, wenn das Thema Sauberkeit und Bewusstsein auch und vor allem ein gesellschaftliches Thema ist? Wie wird denn Bewusstsein geschaffen, wenn nicht auch durch eigenes Erleben und Selbstwirksamkeit? Was soll denn der Landesrechnungshof untersuchen: Die Zuordnung der Reinigungsklassen, die Durchführung der Reinigung oder wie schnell es wieder verschmutzt wird? Ich finde, die Argumente klingen gut, zielen aber in die falsche Richtung.

    1. Avatar von Dominique Hensel

      Ich kann nicht für die Verfasser sprechen. Aber ich möchte eine Sache einwerfen. Beim Start der Kampagne „Mitte macht sauber“ hat Bezirksbürgermeisterin Remlinger darauf hingewiesen, dass sich die Einwohneranzahl im Bezirk Mitte in den vergangenen zehn Jahren stark erhöht hat. Damit ist logischerweise schon deshalb auch die Menge an anfallendem Müll gestiegen. Die Entsorgungsstruktur ist aber nicht mitgewachsen, so Remlinger. So verstehe ich den Brief: die Politik soll die BSR überprüfen, besser ausstatten und dafür sorgen, dass sie dem Müllaufkommen Herr werden kann.

    2. Avatar von Michael G.
      Michael G.

      Hallo Hartmut, dieses Straßenreinigungsgesetz hat das Abgeordnetenhaus von Berlin 1978 beschlossen. Dazu gehört eine Verordnung, die circa alle 2 Jahre auf den neuen Stand gebracht wird. Darin festgelegt sind für jede öffentliche Straße in Berlin die entsprechende Reinigungsklasse. Im Wedding sind die meisten Straßen Reinigungsklasse 2a und 2b, einige auch 3. Das bedeutet, dass die BSR durch Gesetz beauftragt ist, zwischen 4 und 6 Mal pro Woche diese Straßen zu reinigen. Das ist keine Kann-Vorschroft, keine Empfehlung, das ist per Gesetz festgelegt.

      Wenn die Straßen auf diese Weise gereinigt werden würden, gäbe es nicht diese anhaltende Verdreckung, so dass diese vielen Straßen nach Wochen immer noch dreckig aussehen. Im Wedding bekommte ich dies täglich mit. Aus anderen Bezirken liest und hört man seit Jahren, dass es dort ähnlich ist.

      Das Straßenreinigungsgesetz legt ebenso fest, dass alle Anlieger (Hauseigentümer und Mieter) 75% der Kosten per Gebühren erbringen, die bei uns per Gesetz regelmäßig eingezogen werden. Wir alle – Du auch (wenn Du in Berlin wohnst) – zahlen also, und die BSR erbringt ihre Gegenleistung nicht. Darum geht es.

      Dass die BSR ihrem Auftrag schon lange nicht mehr nachkommt, dass also ihre Ressourcen (Personal, Equipment) nicht ausreichen, die Straßen – wie von Gesetz gefordert – regelmäßig zu reinigen, kann man am Verdreckungszustand ablesen. Wenn die Politik dies nicht zum Anlass nimmt, entsprechend nachzusteuern, dann gibt es unter anderem das Instrumentarium, dass der Landesrechnungshof als unabhängige Behörde untersucht, wie die BSR hier ein Gesetz umsetzt (oder eben nicht), und wie die von allen Anliegern eingezogenen Gebühren offenbar nicht dazu führen, dass der Gesetzesauftrag umgesetzt wird. De facto subventionieren wir in den Kiezen die BSR-Bemühungen mit, die Hotspots ständig sauber zu halten – also die Orte, wo viele Touristen auftreten, wo die BSR dann auch mehrfach am Tag reinigt. Dies geschieht offenbar auf Kosten der übrigen Straßen. Wir sehen es am Dreck, der hier eben lange liegenbleibt, ergo eben nicht regelmäßig beseitigt wird.

  4. Avatar von Manfred Gresens
    Manfred Gresens

    Liebe, werte engagierte Berliner Bürger
    gegen die Verschmutzung von Berlin.
    Da die BSR und die Berliner Politiker, auf gute Vorschläge gegen die Vermüllung unserer Stadt,
    von einzelnen engagierten Bürgern nicht reagieren,
    möchte ich die Hauptakteure der einzelnen Bezirke für ein Gespräch mit der BSR, Ordnungsämter und eine Person aus dem Bereich Umwelt (Staatsekretärin Britta Behrendt)
    und dem RBB zusammenführen.
    So erbitte ich Meldungen unter Nachricht. Wer macht mit? Bürger A macht den Dreck und Bürger B räumt ihn weg,
    kann nicht die Zukunft sein.

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