Gestern und heute: Putbusser Straße 40

Ein Gründerzeitbau, 38 Mietparteien und ein Hof voller Geschichte: Putbusser Straße 40 überstand den Zweiten Weltkrieg – doch nicht die Kahlschlagsanierung. Ein Bildervergleich der Bebauung um 1912 und 2026.

Vom Land in die Mietskaserne

Durch die Industrialisierung verstärkte sich der Bedarf an Arbeitskräften. Mit Gründung des Deutschen Kaiserreichs am 18. Januar 1871 kamen auch viele Landbewohner in die Reichshauptstadt Berlin. Mit dem Mietskasernenbau wurde auf die Wohnungsnot reagiert, welche mit Gelände- und Gebäudespekulationen einhergingen.

Häufig wurden gerade fertiggestellte Häuser mit jeweils größerer Rendite mehrmals hintereinander veräußert. Auf den Bauparzellen, wie hier in der nördlichen Rosenthaler Vorstadt, entstanden vornehmlich einfache Gebäude mit sieben oder acht Fensterachsen auf nicht mal 20 Meter Fassadenbreite. Tiefere Grundstücke wurden mit lichtarmen Seitenflügeln und Hinterhäusern optimiert.

Die Bebauung in der Putbusser Straße 40 - um 1912 und 2026. Foto: Ralf Schmiedecke, Foto (historisch): Sammlung Ralf Schmiedecke
Die Bebauung in der Putbusser Straße 40 – um 1912 und 2026. Foto: Ralf Schmiedecke, Foto (historisch): Sammlung Ralf Schmiedecke

Traufhöhe, Höfe und Feuerwehr

Einst galten nur die Bauvorschriften der Feuerschutzpolizei, unter anderem mit der Berliner Traufhöhe von 22 Metern – der maximalen Länge eines Leiterfahrzeugs. Höfe mussten ab der Bauordnung 1863 mindestens 5,34 Meter mal 5,34 Meter groß sein, damit eine pferdegezogene Feuerwehrspritze gewendet werden konnte. Später wurden sie größer, da man eine Hofgemeinschaft mit dem Nachbargrundstück bilden durfte.

Putbusser Straße 40 – Verdichtung und Alltag

Wenn alte Mauern sprechen könnten, gäbe es hier einen Anfang und ein jähes Ende.

Das Vorderhaus Putbusser Straße 40 mit standardisierten Fassadenelementen entstand um 1890 mit einer breiten Durchfahrt. Nicht einmal acht Jahre später wurde es mit einem rechten Seitenflügel und einem Hinterhaus verdichtet, sodass sich hier 38 Mietparteien im Berliner Adressbuch finden – inklusive Läden.

Als die historische Aufnahme entstand gab es das Seifengeschäft von Anna Breilich, die mit ihrem Ehemann, dem Straßenbahnbeamten Alexander, in der Beletage wohnte. Rechts neben der Einfahrt war das Delikatessengeschäft von Dienegott Grieger sowie die Milchhandlung von Wilhelm Magen. Vorn residierten auch die Musiker Otto Lenz in der 3. Etage und darüber Eduard Libera. Direkt an der Brandmauer der Hintergebäude befand sich in der Rügener Straße 5 die Immanuel-Kapelle der Bischöflichen Methodistenkirche.

Kahlschlag und Neubau

Den Zweiten Weltkrieg gänzlich überstanden, fiel das Gebäude später der Kahlschlagsanierung zum Opfer. Im Nachfolgebau sind nur noch Wohnungen mit begrüntem Innenhof. Einziger Laden im Nachbarhaus Rügener Straße 6 ist die Traditionskneipe „Zum Gesundbrunner“.

📍 Kiez: ,

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von Brunnenmagazin

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen