Ramadan im Wedding: Ein Interview über Fasten, Gemeinschaft und den Kiez

Der Ramadan prägt derzeit auch im Wedding den Alltag vieler Menschen: Abends füllen sich die Straßen, Familien und Freund:innen kommen zum Fastenbrechen zusammen, Moscheen und Nachbarschaftsinitiativen laden zum gemeinsamen Iftar ein – demnächst zum großen Fastenbrechen auf dem Leopoldplatz. Doch was bedeutet dieser Monat eigentlich – spirituell, gesellschaftlich und ganz konkret hier im Kiez?

Für das Brunnenmagazin spricht die Islam-Expertin Rümeysa Yilmaz über die religiöse Tiefe des Fastens, über gelebte Vielfalt unter Muslim:innen im Wedding und darüber, wie der Ramadan Brücken schlagen kann – zwischen Generationen, Kulturen und Nachbar:innen.

Rümeysa Yilmaz bei einem Vortrag bei der Muslimischen Kulturwoche 2025. Foto: privat
Rümeysa Yilmaz bei einem Vortrag bei der Muslimischen Kulturwoche 2025. Foto: Süveyda Halici

Für viele Nichtmuslime klingt Ramadan nach „ein Monat nichts essen“. Was bedeutet diese Zeit für dich persönlich – jenseits des Verzichts?

Rümeysa Yılmaz: Ramadan ist für mich kein Monat des Hungers, sondern ein Monat der Bewusstwerdung. Wenn ich auf Essen und Trinken verzichte, spüre ich deutlicher, was mich wirklich trägt. Ich unterbreche Routinen und schaffe Raum für Dankbarkeit, Reflexion und Nähe zu Gott. Es ist wie ein innerlicher Neustart – sowohl körperlich als auch geistig.

Von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang nicht einmal Wasser – was passiert innerlich mit dir in diesen Stunden? Ist es eher Kampf oder Klarheit?

Rümeysa Yılmaz: Am Anfang ist es körperlich eine Herausforderung. Aber nach einigen Tagen entsteht eine erstaunliche Klarheit. Wenn der Körper ruhiger wird, wird der Geist wacher. Ich merke, wie sehr ich sonst automatisch konsumiere – nicht nur Nahrung, sondern auch Worte, Bilder, Reize. Ramadan entschleunigt mich.

Du sagst, das Fasten sei eine Sache zwischen Mensch und Gott. Warum ist diese persönliche Dimension wichtiger als gesellschaftlicher Druck oder Tradition?

Rümeysa Yılmaz: Weil Fasten ohne innere Absicht leer wäre. Niemand kann wirklich kontrollieren, ob ich faste – außer Gott und ich selbst. Im Islam gibt es keine Zwischeninstanz zwischen Mensch und seinem Schöpfer. Das macht es zu einem sehr ehrlichen und persönlichen Akt. Es geht nicht um gesellschaftliche Anerkennung, sondern um Aufrichtigkeit.

Viele stellen sich das Fasten als reine Disziplinübung vor. Welche spirituelle Idee steckt dahinter? Geht es um Gehorsam, Selbstkontrolle – oder um etwas anderes?

Rümeysa Yılmaz: Disziplin gehört dazu, aber im Kern geht es um Bewusstsein und Mitgefühl. Wenn ich Hunger verspüre, erinnere ich mich an Menschen, für die Hunger kein freiwilliger Zustand ist. Ramadan schärft Empathie. Und er lehrt mich, dass ich nicht jeder spontanen Begierde folgen muss. Zudem stärkt es meine Dankbarkeit und Bindung zu meinem Schöpfer.

In Berlin leben rund 300.000 Musliminnen und Muslime. Spürst du während des Ramadan eine besondere Atmosphäre in der Stadt – oder bleibt es eher eine private Erfahrung?

Rümeysa Yılmaz: Beides. Es ist eine sehr persönliche Reise, aber gleichzeitig spüre ich eine stille Verbundenheit. Wenn ich in der U-Bahn sitze und weiß, viele um mich herum fasten auch, entsteht ein unsichtbares Band. Und beim abendlichen Fastenbrechen wird diese Gemeinschaft sichtbar. Nicht nur zu Hause im Privaten, sondern auch in den Restaurants.

Nach Sonnenuntergang kommt das gemeinsame Fastenbrechen. Warum spielt Gemeinschaft dabei eine so zentrale Rolle?

Rümeysa Yılmaz: Weil Freude geteilt werden möchte. Das erste Glas Wasser, die erste Dattel – das ist ein besonderer Moment. Wenn man ihn mit Familie oder Freunden teilt, wird aus Verzicht Dankbarkeit. Und das unabhängig davon, ob sie fasten oder nicht. Ramadan ist kein Rückzug aus der Gesellschaft, sondern eine bewusste Form von Gemeinschaft.

Kinder, Kranke, Schwangere oder ältere Menschen sind vom Fasten befreit. Was sagt diese Ausnahme über das Menschenbild im Islam aus?

Rümeysa Yılmaz: Es zeigt, dass Barmherzigkeit über Regeln und Strenge steht. Gott verlangt nichts, was einem Menschen schadet. Die Regeln sind klar, aber sie sind nicht unmenschlich. Die Absicht zählt mehr als die reine Durchführung.

Ramadan richtet sich nach dem Mondkalender, das ja 355 Tage hat. Er wandert deswegen jedes Jahr durch die Jahreszeiten. Ist das Fasten im Hochsommer mit langen Tagen spirituell „wertvoller“ als im Winter – oder zählt allein die Absicht?

Rümeysa Yılmaz: Spiritueller Wert misst sich nicht in Stunden. Natürlich ist ein langer Sommertag anstrengender. Aber Gott sieht die Aufrichtigkeit, nicht die Länge des Tages. Jede Jahreszeit bringt ihre eigene Erfahrung mit sich.

Wenn niemand kontrolliert, ob du heimlich etwas isst – worin liegt dann der eigentliche Sinn des Verzichts?

Rümeysa Yılmaz: Genau darin. Es ist ein Training für innere Integrität und persönliche Charakterstärke. Wenn ich weiß, dass ich unbeobachtet bin und trotzdem standhalte, stärke ich meinen Charakter. Ich faste nicht aus Angst vor Strafe, sondern aus Liebe und Bewusstsein.

Neben Essen und Trinken geht es auch um innere Disziplin. Welche Rolle spielen soziale Medien, Konsum oder negative Gedanken im Ramadan?

Rümeysa Yılmaz: Ramadan ist nicht nur körperliches, sondern auch geistiges Fasten. Ich versuche, weniger oberflächliche Inhalte zu konsumieren, bewusster zu sprechen und achtsam mit meinen Gedanken umzugehen. Was nützt es, auf Wasser zu verzichten, wenn ich gleichzeitig schlecht über andere rede?

Viele Nichtmuslime haben Berührungsängste oder Kritik. Was wünschst du dir im Umgang mit Ramadan?

Rümeysa Yılmaz: Neugier und Offenheit. Man muss meine Praxis nicht teilen, um sie zu respektieren. Fragen sind willkommen. Ramadan ist kein Abgrenzungsritual, sondern eine Einladung zum Gespräch – über Disziplin, Dankbarkeit, Sinn und Menschlichkeit.

Die Fragen stellte Süleyman Bağ.

Über die Rümeysa Yılmaz

Rümeysa Yilmaz hat in Istanbul und Osnabrück islamische Theologie und in Berlin Islamwissenschaften studiert. Die Islam-Expertin lebt seit 2004 in Berlin und hat Ihre Leidenschaft für den interkulturellen und interreligiösen Dialog früh entdeckt. Sie hat das Thema nach ihrem Studium zu ihrem Beruf gemacht und arbeitet als Projektleiterin bei der Islamische Akademie für Gesellschaft und Bildung.

Fastenbrechen auf dem Leopoldplatz 2025. Foto: Hensel
Fastenbrechen auf dem Leopoldplatz 2025. Foto: Hensel

Fastenbrechen auf dem Leopoldplatz

In diesem Jahr wird es wieder ein gemeinsames Fastenbrechen auf dem Leopoldplatz geben. Es findet am Donnerstag, dem 12. März, statt. Die Veranstaltung beginnt um 17.30 Uhr mit einem Grußwort der Bezirksbürgermeisterin. Ab 17.50 Uhr folgt ein multireligiöses Gebet (muslimisch, jüdisch, christlich). Iftar ist um 18.12 Uhr.

Weiterlesen zum interkulturellen Wedding

Mehr migrantische Perspektiven und Texte über das Zusammenleben in den vielfältigen Stadtteilen Wedding und Gesundbrunnen sind im Bereich Interkulturelles Leben gesammelt.

Kommentar

  1. Avatar von Susanne Haun

    Herzlichen Dank für diesen Artikel, er hat mir Ramadan nähergebracht.
    Gestern war ich bei Woolworth in der Müllerstraße. Schon oft ist mir aufgefallen, dass dort viele Accessoires zum Ramadan verkauft werden. Ich schaue mir die Gegenstände immer fasziniert an, kenne aber ihre Bedeutung nicht. Wenn die Weihnachtsartikel verkauft werden, dann weiß ich, was Engel, Weihnachtsbaum und Christbaumkugeln für eine Tradition haben und ich hätte diese Erkenntnis auch gerne für die Dekoartikel zum Ramadan.
    Viele Grüße sendet Susanne

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von Brunnenmagazin

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen