Wer hat die Schrottrad-Lizenz?

Jeder kennt Schrotträder, denn es gibt viele davon im öffentlichen Raum. Und doch weiß niemand, woher sie gekommen sind oder warum sie ungenutzt herumstehen. Wurden sie tatsächlich einfach vergessen oder doch bewusst aufgegeben? Oder gibt es einen reichen Millionär, der sich einen Spaß daraus macht, Fahrräder zu kaufen und dann überall in Berlin angeschlossen verrosten zu lassen?

Fahrradleiche in der Jasmunder Straße. Foto: D. Hensel
Fahrradleiche in der Jasmunder Straße. Foto: D. Hensel

Es gibt jedenfalls ziemlich viele Schrotträder in Berlin. Bei einem Spaziergang durch den westlichen Teil des Brunnenviertels habe ich kürzlich innerhalb einer Stunde ganze 38 solcher Fahrradleichen finden können. Egal ob fehlende Reifen, Sattel, Fahrradkette oder nur jede Menge Rost und Moosbewuchs: Alle haben sie gemeinsam, dass sie für eine lange Zeit nicht verwendet wurden und es wahrscheinlich auch in naher Zukunft nicht werden.

Noch mehr Schrotträder - auf dem Ackerplatz. Foto: D. Hensel
Noch mehr Schrotträder – auf dem Ackerplatz. Foto: D. Hensel

Das Problem wurde aber offenbar schon wahrgenommen, denn an einigen Geisterrädern im westlichen Brunnenviertel ist ein Papierschild vom Ordnungsamt befestigt. Auf dem gelben Punkt steht die Aufforderung, das Fahrrad zu entfernen. Wie man auf den Zetteln erkennt, wurden sie alle am 02.04.2025 ausgestellt. Vielleicht war das der Schrottrad-Tag des Ordnungsamtes. Ich bin jedenfalls gespannt, ob die markierten Räder irgendwann verschwinden. Vor meiner Haustür steht seit zwei Jahren auch ein Schrottrad. Es hat sogar schon mal einen Zettel vom Ordnungsamt bekommen, später dann zwei vom Vermieter des betreffenden Hauses. Es ist aber trotzdem noch da. Es hat inzwischen weder Räder noch Sattel. Es ist nur noch ein trauriger, verrosteter Rahmen, der an der Regenrinne angeschlossen ist.

Sozusagen ein Rudel Schrotträder in der Ackerstraße. Foto: D. Hensel
Sozusagen ein Rudel Schrotträder in der Ackerstraße. Foto: D. Hensel

Der Grund für das Problem ist wohl, dass die Räder nicht entfernt werden dürfen, da sie schließlich Privateigentum sind. Auch dann nicht, wenn sie offensichtlich nicht mehr in Gebrauch sind. Als ich vor einigen Jahren ein Schülerpraktikum beim Straßen- und Grünflächenamt Mitte gemacht habe, wurden mir stolz neue Fahrradständer gezeigt – leider zu dem Zeitpunkt schon alle besetzt, oftmals mit Schrotträdern. Wie aber könnte man das Problem lösen? Vielleicht könnte man ja wirklich einen Schrottrad-Tag einführen, an dem es den Behörden oder Menschen mit Schrottrad-Lizenz erlaubt ist, Fahrradleichen zu entfernen. Schließlich könnten die fehlenden Teile beschafft und das Fahrrad neu lackiert werden, um es dann einfach wiederzuverwenden. Oder man findet eine völlig andere Lösung. Aber irgendeine eine Lösung braucht es.

Definitiv ein Schrottrad - am Gartenplatz. Foto: D. Hensel
Definitiv ein Schrottrad – am Gartenplatz. Foto: D. Hensel

Momentan gibt es jedenfalls keinen Schrottrad-Tag und auch sonst keine Lösung, die zu wirken scheint. Deshalb werde ich vermutlich noch viele Fahrradleichen im Kiez sehen. Schrotträder sind einfach eine seltsame Sache. So völlig verrostet und kaputt sind sie ein bizarrer Anblick, und ich frage mich, warum die Menschen ihre Fahrräder so hassen, dass sie diese einfach irgendwo verrotten lassen.

Schrottrad, angeschlossen an einem Denkmal am Nordbahnhof. Foto: D. Hensel
Schrottrad, angeschlossen an einem Denkmal am Nordbahnhof. Foto: D. Hensel

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Das Bezirksamt Mitte hat vor Kurzem seine neue Kampagne „Mitte macht sauber“ gestartet. Dabei soll es auch um die Beseitigung vom Schrotträdern gehen. Mehr dazu steht im Beitrag Mitte macht sauber: Der Kampf mit dem Müll. Wer ein Schrottrad im öffentlichen Raum melden möchte, kann übrigens die Ordnungsamts-App benutzen.

📍 Kiez: ,

Kommentare

  1. Avatar von Reinhard
    Reinhard

    Morjen

    ja da bin ich voll und ganz bei unserem Nachwuchs-Reporter… warum lassen Menschen ihr angeschlossenes Fahrrad an einem Laternenpfahl stehen im guten Zustand ?? Der Gedanke ob es einen Millionär gibt, hat mir gleich am frühen Morgen ein breites Grinsen ins Gesicht gezaubert
    Ehrlich, ich hab darauf auch absolut keine Antwort, kann mich allerdings daran erinnern das es Zeiten gab wo jeder der ein Rad besaß, es auch gepflegt und gehegt hat und es nicht irgenwo hat verrosten lassen…. aber das war einmal

    ereignissreiches WE noch

  2. Avatar von eimaeckel

    Der „Schrottradtag“ ist eine gute Idee. Denn das Ordnungsamt markiert zwar die Fahrradleichen, aber holt sie nicht selber ab. Seit 2019 arbeitet der Bezirk Mitte mit der gemeinnützigen Goldnetz GmbH zusammen. Die haben die „Schrottradlizenz“. Vier Wochen nach der Markierung meldet das Ordnungsamt die Schrotträder an Goldnetz. Diese sollen in der Regel innerhalb von zwei Wochen von den Laternen oder Fahrradbügeln abgeflext werden. Passiert aber oft nicht, wie man an den verwitterten Ordnungsamtszetteln sieht.

    1. Avatar von Dominique Hensel

      Als Reaktion auf den Artikel ist noch am selben Tag eines der Räder, das schon seit zwei Jahren dort steht, weggeräumt worden. Nicht vom Amt, aber vom Vermieter, der in dem Fall zuständig war. Ein schöner kleiner Erfolg!

  3. Avatar von Renate Straetling
    Renate Straetling

    Lieber Jakob, das ist ein mitreißender Artikel, dein Gedanke führt zu Ideen und einem Verbesserungsvorschlag auch von mir.
    Die Schrotträder kann man nicht nur abflexen und sammeln – Rolf schreibt, es geht über Goldnetz gGmbH-, sondern man kann auch ein öffentliches Kunstprojekt daraus machen, und gleich alles in re-use-Optik. Diese Teile sind doch wertvoll, denn man kann damit basteln und gestalten und so manche Kiezecke mit Objekten bespaßen, die witzig und hintersinnig sind.
    Ich denke da z. B. an solche Werke wie „broken gun“ in der Brüsseler-/Lütticher Straße nahe dem Anti-Kriegsmuseum. So manche Orte in Gesundbrunnen und Wedding haben solche Sinngebung verdient.

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