Zehn Tage Frieden für ukrainische Schüler

Zehn Tage Freizeit in Frieden. Kletterhalle, Reichstagskuppel und Dönertest. Der Städtepartnerschaftsverein Berlin-Mitte hat Ende September einer kleinen Gruppe ukrainischer Schülerinnen und Schüler in Berlin eine Auszeit vom Krieg ermöglicht.

Zehn Stunden Zugfahrt von Kiew nach Przemyśl und noch einmal zehn Stunden Zugfahrt von Przemyśl nach Berlin – und 15 Minuten vor Fahrplan rollt der Zug im Berliner Hauptbahnhof ein. Zwei Lehrerinnen und zehn junge Ukrainerinnen und Ukrainer, die im Kiewer Bezirk Schewtschenko in die 9. und 10. Klasse gehen, steigen leicht müde, aber auch fröhlich aus dem Waggon. Sie blicken sich um, suchen den Bahnsteig ab nach dem Empfang, den der Städtepartnerschaftsverein Berlin-Mitte e.V. angekündigt hatte. Und dann blitzt es in ihren Augen, als sich Ukrainer und die Berliner Organisatoren des Schüleraustausches endlich finden.

Recreation ukrainische Schüler
Ankunft nach 20 Stunden Zugfahrt aus Kiew-Schewtschenko. Foto: Andrei Schnell

Die zehn Schülerinnen und Schüler sprechen sehr gutes Englisch, weil sie in Kiew eine Schule mit Englisch-Schwerpunkt besuchen. Die Lehrerinnen dagegen sprechen gar kein Englisch. Doch der Städtepartnerschaftsverein hat nicht nur ein Erholungsprogramm auf die Beine gestellt, er hat auch an Dolmetscher (oder zumindest Sprachmittler) gedacht. Zehn Tage lang können die jungen Ukrainer den Krieg, der zunehmend auch die Hauptstadt Kiew erreicht, hinter sich lassen, sich erholen, die unbekannte Stadt an der Spree entdecken, an etwas anderes als an Drohnen denken. Mit Mauerpark, Gedenkstätte Berliner Mauer und Hochseilgarten am Nordbahnhof streifte das Erholungsprogramm den Gesundbrunnen.

Aus Sicht der Ukrainer war der Zweck des Besuchs außerdem, den Berliner Partnern die Stadt Kiew vorzustellen. „Kommt uns alle besuchen, sobald das geht!“ Mit diesen Worten endete ein Vortrag der ukrainischen Schülerinnen und Schüler während einer offiziellen Feierstunde mit der Bezirksbürgermeisterin.

Stefanie Remlinger
Bezirksbürgermeisterin Stefanie Remlinger empfängt die Kiewer Schüler. Foto: Andrei Schnell

Ernst-Reuter-Schule war Partner

Der Besuch der Schülerinnen und Schüler wurde teilweise finanziert durch das Recreationprogramm der Deutschen UNESCO. Partnerschule im Gesundbrunnen ist die Ernst-Reuter-Schule, die eine von 300 UNESCO-Projektschule in Deutschland ist. Drei Tage verbrachten die zehn ukrainischen Schülerinnen und Schüler an der Ernst-Reuter-Schule unweit des U-Bahnhofs Voltastraße und kamen dort mit einer 8. Klasse zusammen. Lehrer Albrecht Barthel wechselte an diesen Tagen vom klassischem Unterricht auf Projekttage. Ein Geldgeber war auch die Erich-Müller-Stiftung und die Schaustellerfamilie Russ (Weihnachtszauber auf dem Gendarmenmarkt). Auch der Städtepartnerschaftsverein gab Geld.

ukrainische schüler aus kiew
Ukrainische Schüler aus Kiew im Rathaus. Foto: Andrei Schnell

Der Bezirk Mitte hat in diesem Fall kein Geld hinzugegeben. Im Haushalt hat er nur sehr geringe Mittel für Städtepartnerschaften reserviert. Im Titel 52906 „Repräsentation, Empfänge, Feierlichkeiten, Kontaktpflege“ stehen durchschnittlich 25.000 Euro pro Jahr bereit. Doch die Organisation eines Austauschs würde das Budget übersteigen. Deshalb hat der 67-jährige Ulrich Davids, von 2011 bis 2013 Jugendstadtrat in Mitte und heute Vorsitzender des Städtepartnerschaftsvereins, ehrenamtlich Zeit gespendet, um den Austausch zu organisieren.

Der Städtepartnerschaftsverein

Vom 19. September bis zum 2. Oktober fand der Schüleraustausch zwischen den beiden UNESCO-Projektschulen in Berlin statt. Ziel ist es, weitere Begegnungen der Schulen folgen zu lassen. Der Bezirk Mitte hatte im März 2024 eine Partnerschaftsvereinbarung mit dem Kiewer Rajon Schewtschenko unterzeichnet. Die Vereinbarung beinhaltet die Organisation und Beschaffung von Material und Ausrüstung zur Überwindung von Kriegsfolgeschäden, die Förderung zivilgesellschaftlicher Aktivitäten in und zwischen beiden Partnerbezirken sowie den Austausch und die Initiierung gemeinsamer Projekte der Verwaltungen der Partnerbezirke.

Den Besuch der ukrainischen Schülerinnen und Schüler hat der Städtepartnerschaftsverein Berlin-Mitte organisiert. Der Verein ist aus ursprünglich drei Vereinen hervorgegangen, die sich bereits seit 1993 für die Pflege von Partnerschaften des früheren Bezirks Wedding (heute: Mitte) engagieren. Der Verein unterhält bis heute Partnerschaften zu Bottrop (seit 1993), Kassel, Hamm (seit 1962), Higashiosaka/Japan (seit 1960), Holon/Israel (seit 1980), Mettmann (seit 1969), den Lahn-Dill-Kreis (seit 1962), Fethiye/Türkei (seit 1997) und Tourcoing/Frankreich (seit 1995). Auch die Partnerschaft mit Kiewer Rajon Schewtschenko füllt der Städtepartnerschaftsverein mit Leben. Vereinsvorsitzender ist Ulrich Davids.

Ulrich Davids
Uli (Ulrich) Davids ist Vorsitzender des Städtepartnerschaftsvereins. Foto: Andrei Schnell

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Hier geht es zur Webseite des Städtepartnerschaftsverein Berlin-Mitte (ehemals Bezirk Wedding) e.V. Über die Städtepartnerschaften des Bezirks Mitte informiert das Bezirksamt.

Informationen zum Recreationprogramm der Deutschen UNESCO gibt es auf deren Webseite. Dort gibt es auch mehr zu den UNESCO-Projektschulen. Auf Wikipedia steht Wissenswertes über Rajon Schewtschenko (Rajon=Stadtbezirk).

Weitere Beiträge über das interkulturelle Leben im Wedding und in Gesundbrunnen stehen auf der Seite Interkulturelles Leben im Wedding.

Dieser Text wurde von von zwei Menschen geschrieben. Der Hauptteil ist von Andrei Schnell, Ergänzungen sind von Dominique Hensel.

Transparenzhinweis: Autor Andrei Schnell war als Vorstand des Brunnenviertel e.V. an der Organisation des Besuchs der Ukrainerinnen und Ukrainer beteiligt.

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Kommentare

  1. Avatar von Ulrich Davids
    Ulrich Davids

    Hallo und guten Morgen lieber Andrei und liebe Dominique, vielen Dank das ihr diese Artikel verfasst habt. Doch möchte ich darauf hinweisen, das wir als Team dieses Projekt gestemmt haben. Ehrenamtliche Organisatoren waren neben mir noch Susanne Sachtleber vom Partnerschaftsverein, Andrei Schnell vom Brunnenviertel e.V. , Albrecht Barthel von der Ernst-Reuter-Schule und Robin Miehlke Koordinator für Städtepartnerschaften beim Bezirksamt und viele kleine und großer Helfer*innen aus verschiedenen Vereinen, Trägern und Organisationen. Dafür noch einmal ganz herzlichen Dank an alle die diese Begegnung ermöglicht haben.

    1. Avatar von Andrei Schnell

      Lieber Uli, Danke für die Ergänzung. Ja, der Städtepartnerschaftsverein hatte Unterstützung. So sollte es immer sein, dass viele anpacken, um Gutes zu erreichen. Viele Grüße, Andrei.

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