Eine Schwengelpumpe auf dem Vinetaplatz? Warum eigentlich nicht. Was zunächst nach einer ziemlich abwegigen Idee klingt, führt mitten hinein in die Geschichte der Berliner Wasserversorgung, in Fragen von Hitze, Stadtgrün und gemeinschaftlich genutztem öffentlichem Raum. Und natürlich zu einer kleinen Expedition zu den Brunnen im Brunnenviertel.

Das Brunnenviertel erhielt seinen Namen durch eine Bürgerabstimmung. Der Name verweist auf die einstige Existenz einer mittlerweile versiegten Heilquelle, dem Gesundbrunnen. Grund genug, sich einmal gründlicher mit dem Thema Wasser – speziell im Kiez – zu beschäftigen.
Wasser ist Leben. Wortwörtlich. Damit wir aufblühen können als Individuen in einer funktionierenden Gemeinschaft, brauchen wir fließendes, quellendes Wasser. „Wenn alle Brünnlein fließen“, dann geht es uns gut. Wasser kommt aus dem Hahn, das ist angenehm.
Die Berliner Wasserversorgung, die übrigens nur durch geringe Aufarbeitung des bodennahen Grund- und Flusswassers trinkfertig in unsere Wohnungen kommt, ist immer noch ein guter Grund, gerade in unsere Zeitachse hineingeboren worden zu sein. Während des Generalstreiks beim Kapp-Putsch 1920 standen die Pumpwerke still und der Druck in den Trinkwasserleitungen fiel aus. Auch in der unmittelbaren Nachkriegszeit war die zentrale Wasserversorgung vielerorts unterbrochen.
Die Pumpen sind noch da
Alte Fotos, auf denen Menschen mit Wassereimern vor den verzierten Schwengelpumpen standen, die auch heute noch ein oft eher unbeachteter Teil des Berliner Stadtbildes sind, erinnern an diese Zeit – auch an die Funktion der Pumpen als Notversorgung, nachdem sie als eigentliche Trinkwasserquellen mit der Einrichtung der Berliner Wasserversorgung im 19. Jahrhundert außer Gebrauch kamen.

Wem gehört das Wasser?
Die Berliner Wasserpumpen sind ein Teil der sogenannten Commons, Teil all jener nicht privatisierter oder nicht privatisierbarer Güter und Ressourcen, zu denen die Allgemeinheit, also auch wir Brunnenviertler, einen Zugang haben.
Die Commons haben eine Unterkategorie, die Urban Commons. Sie bilden für das Verständnis des Lebens in der Großstadt und die Chancen der Teilhabe einen wertvollen Analysebegriff. Zu den Urban Commons gehört Diverses: Öffentliches WLAN, Parkanlagen, Stadtgärten, öffentliche Bäder, Bibliotheken und Sitzbänke.
Diese Gemeingüter sind immer in einem Aushandlungsprozess zwischen mehreren Akteuren eingebettet und drohen ohne öffentliches Engagement zu verschwinden (weswegen es auch keine Selbstverständlichkeit ist, dass unser gedrucktes Brunnenmagazin zum gedankenquellenden Wohle unsers Viertels zwei weitere Jahre finanziell gesichert ist). Gemeinschaftsgärten sprießen auch in unserem Viertel. Auf dem nördlichen Teil des Vinetaplatzes teilen sich mehrere Gartengemeinschaften diesen öffentlichen Freiraum. Buntbestrichene Hochbeete, die von Anwohner:Innen gepflegt werden, leuchten dem Spaziergänger entgegen und tragen zur lokalen Biodiversität bei.
Wenn im Kiez das Wasser fehlt
Eine der großen Herausforderungen – gerade in Zeiten erhöhter Hitzegefahr, Stichwort Klimaresilienz – ist die Sicherstellung einer ausreichenden Wasserversorgung für alle beteiligten Akteure, die teils über private Wasseranschlüsse bewerkstelligt wird, die dem Common-Ansatz widersprechen, da sie das Potenzial zu Nutzungskonflikten haben. Auch am Vinetaplatz ist die Wasserversorgung der Gemeinschaftsgärten ein Problem.
Auch Vandalismus unterminiert dieses öffentliche Engagement. So werden immer wieder die Ventile der Wassercontainer von Unbekannten geöffnet und das kostbare Nass verfließt ungenutzt in die Kanalisation. „Kann man da nicht einfach eine Schwengelpumpe auf dem Vinetaplatz bauen? Dann muss man nicht immer wieder die Wassercontainer auffüllen“, meinte eine Gartennutzerin neulich zu mir und ich dachte mir zunächst nur ’na klar, träum weiter‘.

Aus einer Idee wird ein Plan
ALLES BEGINNT MIT EINER IDEE flüsterte meine schöpferische Stimme, genau, die aus dem inneren Gesundbrunnen das Wasser schöpft, das die Mühlen der Tat antreibt… was wenn… wir diese Idee einfach zulassen und mal schauen, wo sie uns hin-TREIBT. Wenn alle Brünnlein fließen. Träum weiter!
Also begann ich zu überlegen, welche Initiative die beste wäre, um vielleicht am Ende eine Schwengelpumpe zum gemeinen Nutzen dort stehen zu haben, wo sie wirklich sinnvoll ist: Auf dem Vinetaplatz.
Dann könnte man das Bewusstsein für den Nutzen dieser Pumpen schärfen, zum Beispiel durch einen Artikel im Brunnenmagazin oder durch einen öffentlichen Vortrag über den Vorteil des Vorhandenseins von Grundwasserpumpen für die Krisenresilienz in der Stadt, durch Anfragen an das Bezirksamt und die Berliner Wasserbetriebe über die Verantwortlichkeit der Pumpen und, ja, einen Antrag zur Errichtung einer solchen Pumpe stellen und vielleicht auch recherchieren, welche Firmen dazu technisch in der Lage sind. Einen Malwettbewerb ausrufen für Entwürfe für neue Wasserpumpenmodelle.
Was die Ausstellung über Berliner Wasser verrät
Beschwingt durch die erfrischende Idee begab ich mich zu der aktuellen Ausstellung „On Water – WasserWissen in Berlin“ im Humboldtforum, die noch bis September 2027 läuft und die ich allen ans Herz lege. Die Ausstellung dreht sich um verschiedene Aspekte des Wassers im Zusammenhang mit dem Menschen. Ein Teil der Ausstellung ist der Berliner Wasserversorgung gewidmet.
In der Ausstellung erfahren wir unter anderem, dass wir in Berlin eigentlich Flusswasser trinken, warum die vielen versiegelten Flächen in Berlin-Mitte ein Problem für das Versickern des Regenwassers darstellen und dass uns andere Städte für das flächendeckende Vorhandensein der muskelbetriebenen Grundwasser-Pumpen als Notfallvorsorge beneiden, wie uns der Infrastrukturhistoriker Timothy Moss aufklärt. Diese, so betont er, müssen regelmäßig benutzt werden, sonst drohen sie zu versanden und außer Funktion zu geraten.

Auf Pumpentour durch das Brunnenviertel
Müssen regelmäßig genutzt werden! Das habe ich mir gemerkt und ich trage dieses Wissen zurück ins Brunnenviertel, um mich auf die Suche zu machen nach einigen Exemplaren. Das erste Exemplar, Nr. 107, begegnet mir in der Graunstraße. Passend zum Namen ist es ein schmuckloses, graues Exemplar, aber das Wasser sprudelt nur nach wenigen Hebeschlägen fröhlich aus dem Untergrund. Diese neueren Modellen sind rein funktional, ihr einziger Schmuck ist ein kleiner Hahnenkamm am Austrittsrohr und sie dienen als Miniaturlitfaßsäule, kann man auf ihnen doch die neuesten Stickerkollektionen begutachten.
Die Nr. 277 in der Gleimstraße unterscheidet sich von der vorherigen Pumpe durch das typische Grün, das einen großen Wiedererkennungswert hat. Auch hier kam das Wasser schnell, es bedurfte nur weniger Schläge und eine kleine Senke bietet den Vögeln der Umgebung eine Tränke.
Nicht jede Pumpe funktioniert
Die 279 ist außer Betrieb, der Pumpmechanismus funktioniert nicht, es entsteht kein Widerstand beim Bewegen des Armes. Dafür schaut mich eine Wespe aus dem Pumpgelenk an, womit die Pumpe auch einen Beitrag zur Biodiversität leistet, als Insektenhotel.
An der Ecke Lortzingstraße und Putbusser Straße, vor dem Eingang der Vinetahalle, haben wir ein besonders schönes Exemplar, Nr. 269. Es ist das ältere Modell Lauchhammer Typ I, mit Drachenkopf, Froschverzierungen, einer schmucken Säule und einem geschwungenen Pumparm. Man fühlt sich sofort ins 19. Jahrhundert zurückversetzt. Also ran ans Werk, dachte ich mir, aber leider kam nichts auf die Schnelle. Ich gab jedoch nicht auf und pumpte fleißig weiter – zwei, drei Minuten bestimmt. Auf der anderen Straßenseite standen ein Mädchen und ihre Mutter und räumten Dinge ins Auto.
Da! Endlich! Das Wasser schoss hervor und ich war glücklich. „Schau Mama, das Wasser geht wieder“, sagte das Mädchen erstaunt. Ja, das Wasser ging die ganze Zeit, aber jede der Pumpen braucht unterschiedlich viele Schläge, bis es kommt.

Drei Minuten Pumpen für einen Schluck Wasser
Schneller kam es schon wieder bei der Pumpe vor dem Obi-Markt in der Demminer Straße. Die Pumpe hat als Besonderheit eine Kugel als Griff, die sie wieder von den schmucklosen Exemplaren unterscheidet.
Besonders lange musste ich pumpen bei der Pumpe 290 in der Putbusser Straße. Als ich dort ankam, saß ein kleiner Schmetterling auf ihr drauf, wieder ein Beweis für ihre Anziehungskraft auf die Tierwelt. Als er wegflog, machte ich mich ans Werk. Ein Mann kam vorbei und sagte, „geht nicht“, doch ich als alter Pumper-Profi sagte keck, „doch die geht“, „ach wirklich?“, „abwarten“. Es brauchte wirklich an die drei bis fünf Minuten und jeder normale Mensch hätte bereits die Geduld verloren. Geht nicht? Doch, geht! Das Wasser spritze heraus. Yes! Sommersplash!

Eine Schwengelpumpe für den Vinetaplatz?
Wahrlich, wahrlich… das Brunnenviertel ist mit Straßenbrunnen reich gesegnet und auch an anderen Stellen gibt es Wasser im Kiez! Grund genug, das öffentliche Bewusstsein für die Grundversorgung mit Grundwasser zu begründen. Zur Begrünung auf dem Vinetaplatz könnte eine neue Schwengelpumpe einen Beitrag leisten. Als Symbol für die Unverzichtbarkeit von öffentlichen Räumen, Gemeingütern, von Orten, an denen ein zweckfreies Zusammenkommen der Bürgerschaft möglich wird.
Im Rahmen eines Zukunftslabors könnte man beispielsweise das Brunnenviertel zu einer Mikroregion für die Untersuchung der Urban Commons ausrufen. Die kunstvolle Gestaltung einer Straßenpumpe im Rahmen eines internationalen Wettbewerbes könnte eine kraftvolle Dynamik der produktiven Fantasie in Gang setzen. Würde Hundertwasser noch leben… Ach was, auch in unserem Viertel wohnen sicher kreative Köpfe, die einen ausgefallenen Entwurf für eine neue Generation von Wasserpumpen zu Papier bringen.
Weiterlesen
- On Water – WasserWissen in Berlin – Ausstellung im Humboldt Forum
- Berliner Straßenbrunnen – Informationen zu den öffentlichen Notwasserbrunnen
- Kapp-Putsch 1920 – historische Informationen zur Berliner Wasserversorgung

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