Das wäre ein schöner Traum: Nach Ende des Zweiten Weltkriegs haben die Menschen verstanden, dass rechtes Denken in den Untergang führt und sie beginnen in der Stunde Null mit dem Aufbau etwas ganz Neuem. Das Wahlergebnis für den Wedding scheint diese Legende vom Start aus dem Nichts zu stützen. Die rechten Parteien fehlen, die undemokratischen Linken sind vorhanden, aber nicht übermächtig. Und die demokratischen Parteien dominieren.

Was für ein Sieg! Die SPD kommt am 20. Oktober 1946, gut eineinhalb Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs im Bezirk Wedding auf 53,1 Prozent der Stimmen. Es beginnt für die SPD eine dreißig Jahre andauernde Zeit der absoluten Mehrheiten im Wedding. Damit verdoppelt sie ihr bestes Ergebnis aus der Weimarer Republik. Das Weddinger Ergebnis kommt dem Berliner sehr nahe: In der gesamten Stadt erreicht die SPD 48,7 Prozent.
Ebefalls beeindruckend: Die CDU kommt auf 17,6 Prozent. Auch wenn sie nicht direkt Nachfolger des Zentrums ist, so fasst die bürgerliche Mitte nun mit der vor Kurzem gegründeten CDU im Arbeiterbezirk Fuß. In Berlin insgesamt erreicht sie 22,2 Prozent.
SED kann im Wedding nicht punkten
Die KPD hat in Ostberlin die SPD übernommen; laut Propaganda hat sie sich mit der SPD zur SED vereinigt. Ein Schachzug, der im Wedding offenbar durchschaut wird, denn an die Erfolge von KPD und USPD kann die SED im Wedding nicht anknüpfen. Dennoch verblüfft das relativ hohe Ergebnis von 23,5 Prozent aus heutiger Sicht. Schließlich weiß man heute, dass die Attraktivität der neuen Diktaturpartei im Osten schnell verloren ging. (In Berlin kommt die SED 1946 auf 19,8 Prozent.)

Wahl mit Schiedsrichter
Geradezu rätselhaft ist, wo die vielen Wähler rechter bis rechtsextremer Parteien verblieben sind. Waren wirklich alle enttäuscht und hatten sich abgewandt? Nein, natürlich nicht. Die Wahlen von 1946 waren nach heutigem Maßstab nicht völlig frei. Die Besatzungsmächte USA, Frankreich, Großbritannien und Sowjetunion ließen für die einzige Gesamtberliner Wahl unter ihrer Aufsicht nur vier Parteien zu: SPD, CDU, LDPD und SED. Erst mit Gründung der Bundesrepublik verzichteten zumindest die West-Alliierten bei Parteigründungen auf eine Lizenzierung.
Offen rechte Auffassungen und Ziele wurden zunächst nicht vertreten. Parteien, die dies in Westdeutschland versuchten, blieben Randerscheinungen. Vielleicht war es eine Art stiller, unausgesprochener Pakt, der in der zweiten Hälfte der 40er Jahre geschlossen wurde, der lautet: Keine Störung beruflicher Karrieren gegen politisches Stillhalten. Denn wie unbeschadet Entscheidungsträger auch nach 1945 Einfluss wichtige Positionen besetzten und damit auch Einfluss nehmen konnte, ist mehr als erstaunlich. Die Rede von der Stunde ist ein schöner Traum, der daran scheitert, dass es die gleichen Menschen waren, die vor und nach Kriegsende die Bevölkerung bildeten.
Weiterlesen: Wie Wedding wählte
Wie hat der Wedding früher gewählt? In der Reihe im Brunnenmagazin ist das Wahl für Wahl aufgeschlüsselt. Die Beiträge sind unter dem Stichwort Wedding Wahl gesammelt.

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