Was lehrt eine Grafik, die ein Jahrhundert Wahlgeschichte auf schmale Linien zusammendrückt? Sie zeigt das Auf und Ab der Prozente über große Zeiträume hinweg und den langfristigen Aufstieg und Niedergang einzelner Parteien. Statt von verlorenen und gewonnenen Wahlen spricht die Grafik von langen Trends. Im Brunnenmagazin sind die Wahlergebnisse für Wedding der letzten einhundert Jahre zusammengetragen.
Neben diesem Überblicksbeitrag gibt für jede Bezirkswahl einen eigenen Artikel. Diese sind nach Jahren sortiert am Ende des Beitrags verlinkt.

Warum die Grafik erst 1920 beginnt
Die Grafik beginnt im Jahr 1920. Dieses Startdatum ist Willkür. Denn die Weddinger durften auch im Kaiserreich von 1871 bis 1918 wählen. Zwar nicht unter demokratischen Bedingungen, weil zum Beispiel die Gleichheit der Stimmen fehlte, aber immerhin. Und geht man noch weiter zurück, dann fand die erste Kommunalwahl in Berlin 1809 nach Einführung der städtischen Selbstverwaltung aufgrund der Preußischen Städteordnung statt. Eine Wahl exklusiv für Steuerzahler und noch ohne den Wedding. Denn dieser wurde erst 1861 in Berlin eingemeindet. Und zu einem Bezirk wurde das Gebiet erst 1920. Deshalb beginnt die Grafik zu einem Zeitpunkt, an dem für die Weddinger Wählen nichts Neues mehr war.
Und noch ein Quentchen Willkür: Weil der Bezirk 1920 gegründet wurde, liegen Wahlergebnisse für das Jahr 1920 vor. Doch 1920 wurde die Berliner Stadtverordnetenversammlung gewählt, nicht die Bezirksversammlung. Diese wurde erstmals 1921 gewählt. Damit setzt die Grafik ein Jahr vor der ersten Weddinger Wahl ein.

Im Sog der Extreme: die Weimarer Republik
13 Jahre und fünf Monate hielt die Weimarer Republik vom Inkrafttreten der Weimarer Verfassung bis zur Ernennung Hitlers zum Reichskanzler. Die Wahlergebnisse für den Arbeiterbezirk zeigen, dass diese Zeit für die politisch-rechtlich erstarkten und gleichzeitig wirtschaftlich-gesellschaftlich benachteiligten Arbeiter frustrierende Zeiten waren. Ihr Frust zeigt sich in der Wahl der Extreme.
Zwar war der Wedding auch eine Hochburg für die SPD. Doch zunächst war die USPD, die linke Abspaltung der SPD, Wahlsieger. Später hatte die KPD Platz 1 inne. Und bei der letzten Wahl hätten beinahe die Nationalsozialisten gewonnen. Auch die extreme Deutschnationale Volkspartei hatte im Wedding stets relativ viele Anhänger. Tatsächlich demokratische Kräfte hatten im Wedding zu keinem Zeitpunkt eine Mehrheit.

Zum goldenen Westen: Westberliner Jahre
Wirtschaftswunder, Berlinzulage, Vorsprung durch Kapitalismus. Auch im Wedding ist an den Wahlergebnissen von 1946 bis 1989 der Wandel der westdeutschen Gesellschaft zur Mittelklassegesellschaft ablesbar. Aus dem Arbeiterbezirk wurde ein Dienstleistungsbezirk. Und damit setzten die Menschen immer häufiger ihr Kreuz bei der CDU statt bei der SPD. Geradezu lehrbuchhaft gleichmäßig sinkt die rote Linie, die für die SPD steht, zugunsten des Anstiegs der schwarzen Linie, die die Ergebnisse der CDU abbildet.

30 Jahre Beitritt: Wohin soll denn die Reise gehen?
Es ist ein gescheiterter Traum vom Beitritt der DDR zur Bundesrepublik unter dem Motto: Alles bleibt gleich, nur größer. Die Wahlergebnisse zeigen deutlich, dass nach dem Beitritt 1990 (oft mit bestimmten Absichten als Wiedervereinigung bezeichnet), nichts so mehr so war wie vorher. Im Wedding wie anderswo auch wurde der Zweikampf von SPD und CDU abgelöst von einer Gemengelage an Parteien. Statt einem klarem Entweder-Oder gab es auf politische Fragen plötzlich ein „So oder so“ oder ein „So oder auch so“.

Spring durch die Jahre!
Hier kannst du dir Wahlergebnisse und den Wahltrend für jede einzelne Bezirkswahl ansehen.
Weimarer Republik: 1920 – 1921 – 1925 – 1929 – 1933
Westberlin: 1946 – 1948 – 1950 – 1954 – 1958 – 1963 – 1967 – 1971 – 1975 – 1979 – 1981 – 1985 – 1989
Nach der Wende: 1992 – 1995 – 1999 – 2001 – 2006 – 2011 – 2016 – 2021 – 2023
–> Die noch nicht mit Links hinterlegten Jahre werden noch ergänzt!

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