Die evangelische Versöhnungsgemeinde an der Bernauer Straße sammelt Spenden für die Turmuhr. Sie hing einst an der Kirche, die im Grenzgebiet stand und 1985 gesprengt wurde. Im August soll die Uhr wieder in Betrieb gehen. Noch werden aber Spender gesucht.

Sie hatte zwei Weltkriege überstanden, die Turmuhr der Versöhnungskirche an der Bernauer Straße. Erst der kalte Krieg wurde ihr zum Verhängnis, als er sich 1961 mit der Schließung der Grenze zuspitzte. Jörg Hildebrandt, der Sohn des Pfarrers, stellte die Zeiger noch im Oktober 1961 als warnendes Zeitzeichen auf 5 Minuten vor 12 Uhr. Nach 24 Jahren hieß es 1985 für die Kirche wirklich im Tonfall damaliger Radioansagen der Zeit: Beim letzten Ton des Zeitzeichens – ist es 12 Uhr. Er entlud sich in dem Fall als Knall der Sprengung der Kirche. Zuvor konnten lediglich Altar, Glocken, Uhrwerk und Zeiger gesichert werden. Das Ziffernblatt nicht, da es in das Mauerwerk gefasst war.

Der Altar fand später Eingang in die 1999 an gleicher Stelle errichtete Kapelle der Versöhnung. Die Glocken wurden extern vor der Kapelle aufgestellt. Nur für das Uhrwerk fand man lange keine Möglichkeit der Verwendung. Auf Vorschlag von Thomas Jeutner, dem Pfarrer der Kapelle der Versöhnung, soll es bald wieder eine Bestimmung bekommen. Als Standort wurde das Foyer des Hauses der Diakonie, Caroline-Michaelis-Straße 1, gefunden. Die festliche Inbetriebnahme des Uhrwerks ist zum 125-jährigen Jubiläum der Gemeinde am 28. August 2019 geplant. Die Zeiger werden sich dann auf einem Ziffernblatt, das von der Zions-Kirche stammt, drehen.
Spenden für die Turmuhr werden gesammelt
Am 28. Januar 2019 gab es am künftigen Standort eine feierliche Vorstellung des Spendenprojektes zur Restaurierung des Uhrwerks. Gerda Neumann, 95, gegenüber der Kirche aufgewachsen, trug bewegend ihr eigens 2018 verfasstes Turmuhrgedicht vor.

Das Uhrwerk wird zur Zeit in der Turmuhrenwerkstatt Horst Bittner in Neuenhagen bei Berlin restauriert. Innerhalb des stählernen Gehäuses greift mechanische Präzision ineinander. Messingzahnräder werden von einem Schneckengewinde angetrieben. Schließlich häckselt ein Anker die gedrehte Zeit für die Zeiger in Minuten und Stunden.
Das Uhrwerk kann man als Sinnbild für die Schwere der Zeit sehen, die es einst anzeigte. Sein Lauf kam 1961 zeitgleich mit Schließung der Grenze und dem damit verbundenen Schießbefehl zum Erliegen. Damit erlosch für 58 Jahre seine Fähigkeit, mit der Zeit alle Wunden heilen zu können. Nach seiner Wiederingangsetzung könnte es uns heute als Mahnung dienen. Es könnte uns mahnen, die Leichtigkeit des digitalen Zeitalters zu würdigen, weil sie aus schwerer Zeit erwachsen ist. Es könnte uns mahnen, dass die Zeit Wunden nur in dem Maße heilen kann, wie man sich ihrer Ursachen erinnert.

Für die Kosten der Restauration von zirka 30 000 Euro läuft die Spendenaktion „Schenke eine Minute“. Interessenten sollten die Minute angeben, die ihnen im Leben etwas bedeutete. Jede kostet 45 Euro. Darüber wird eine Urkunde zugestellt. Insgesamt handelt es sich um die 720 Minuten von Null Uhr bis 12 Uhr. Im März 2019 war die Hälfte geschafft: 360 Minuten wurden bis dahin geschenkt.
Alle nötigen Angaben für eine Spende stehen unter: www.versoehnungskapelle.de
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