Am 28. August wurde etwas wieder in Gang gesetzt, das 58 Jahre still stehen musste: das Turmuhrwerk der Versöhnungskirche an der Bernauer Straße. Heute heißt es Uhrwerk der Versöhnung.

Man könnte den Vorgang mit den Worten des Neuen Testaments der Bibel beschreiben: gestorben, begraben und wieder auferstanden.
Gestorben am 13. August 1961: Durch die Grenzschließung kam es zur Stilllegung der Kirche, da sie sich in Folge des Mauerbaus im Grenzstreifen befand.
Begraben am 28. Januar 1985: Vor der angeordneten Sprengung der Kirche konnte das Uhrwerk geborgen werden.
Auferstanden am 28. August 2019 (zum 125-jährigen Jubiläum der Kirche). Pfarrer Thomas Jeutner und die Versöhnungsgemeinde hatten bereits 2018 beschlossen, das im Keller aufgefundene Uhrwerk restaurieren zu lassen. Ortrud Hamann aus der Gemeinde übernahm die Organisation der benötigten Spenden. Mit der Reparatur wurde die Turmuhrenfirma Horst und Holger Bittner in Neuenhagen bei Berlin beauftragt. Sie installierte das überholte Uhrwerk in einem Gehäuse aus Plexiglas im Foyer der Diakonie Deutschland am Berliner Nordbahnhof.
Bereits um 10 Uhr dieses denkwürdigen 28. August hatte ein „symbolisches Aufziehen“ des Uhrwerks begonnen. Die Gemeinde traf sich vor der Kapelle der Versöhnung zu einer kurzen Andacht. Pfarrer Jeutner begleitete zur Gitarre den von Pete Seeger stammenden Song: „Turn, turn, turn“. Dieses Lied war Mitte der 1960er Jahre durch die Folk-Rockgruppe The Byrds bekannt geworden. Es steht für den Inbegriff des Wandels eines Jeglichen in der Zeit.
Gang entlang der Berliner Mauer
Der Gang durch die Mauergedenkstätte hinüber zur Diakonie am Nordbahnhof schloss sich an. Anwesend waren auch der Zeitzeuge Jörg Hildebrandt, die 96- jährige Anwohnerin und Zeitzeugin Gerda Neumann und der Leiter der Gedenkstätte Berliner Mauer Axel Klausmeier. Unterstrichen wurde die Nachdenklichkeit des Spazierganges durch das begleitende Spiel einer Frau der Gemeinde auf der tiefen Ney-Flöte.
Der feierliche Akt des Pendelanstoßens wurde von dem 80-jährigen Jörg Hildebrandt exakt um 11.55 Uhr vorgenommen. Als Sohn des ehemaligen Gemeindepfarrers Helmut Hildebrandt hatte er noch im Oktober 1961 die Zeiger der Turmuhr auf 5 Minuten vor 12 Uhr gestellt. Ein Protest jugendlichen Pathos‘, wie er heute sagt, sollte es ein Signal sein gegen die staatliche Willkür der Grenzschließung 1961. Aber auch für die Gegenwart gelte das Sinnbild des Fünf vor Zwölf in vielerlei Hinsicht, mahnt er, bevor er das Pendel in Gang setzt.
Text und Fotos: Michael Becker








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