Stolpersteine im Brunnenviertel

In den vergangenen 20 Jahren sind 27 Gedenksteine im Brunnenviertel verlegt worden. Auch wenn das viel klingt, sind es doch verschwindend wenige – angesichts der Zahl der Menschen, die im Stadtteil ermordet wurden. Autor Andrei Schnell hat sich die Stolpersteine im Viertel angeschaut.

Auf der Karte sind alle 27 Stolpersteine markiert. Grafik: Jakob Hensel
Auf der Karte sind alle 27 Stolpersteine markiert. Grafik: Jakob Hensel

Liegt auch vor Ihrer Tür einer der messingfarbenen Stolpersteine? Weltweit erinnern sie an die Namen derer, die im Dritten Reich vertrieben oder ermordet wurden. Im Brunnenviertel liegen zahlreiche dieser Erinnerungssteine. Vier Neue kamen Anfang September in der Bernauer Straße 96 hinzu. Sie erinnern diesem Fall an die Familie Moddel.

Seit 2005 im Brunnenviertel

Manche Nachbarn glaubten, es seien die ersten Gedenksteine dieser Straße. Doch das Kunst- und Erinnerungsprojekt, das der Künstler Gunter Demnig 1992 vor dem Rathaus Köln begann, hatte die Bernauer Straße bereits zuvor erreicht. Vor der Hausnummer 76 liegt seit 2019 ein Stolperstein für Taube Toni Zenner. Sie führte dort ein Textilgeschäft. Durch den Judenboykott sanken ihre Einnahmen drastisch, sodass sie ihr Geschäft im Jahr 1939 aufgeben musste. Während andere Familienmitglieder fliehen konnten, wurde Taube Toni Zenner am 19. Januar 1942 nach Riga deportiert und dort ermordet.

Die ersten Stolpersteine im Viertel stammen bereits aus dem Jahr 2005: In Gedenken an das jüdische Ehepaar Wurzel aus der Swinemünder Straße 74 sind zwei der Steine verlegt. In dieser Straße befinden sich im Viertel übrigens die meisten davon. An vier Hausnummern liegen sieben Steine. Liest man die Inschriften sämtlicher Stolpersteine im Brunnenviertel, dann fällt auf, das längst nicht alle an dem Ort ermordet wurden, der zum Synonym für das NS-Regime wurde. „Ermordet in Auschwitz“ steht dort zwar oft, aber auch weniger geläufige Orte wie Kowno oder Flossenburg werden genannt. Gefängnisse waren ebenfalls Orte des systematischen Mordens. Bei einigen Schicksalen ist Tag und Ort des Todes unbekannt.

Vielzahl an Opfergruppen

Dass die Lebensläufe nicht vollständig in Vergessenheit geraten, liegt oft an Angehörigen. Wenn sie etwas über das Leben der Großeltern wissen wollen, stoßen sie auf Zweige des Familienstammbaums, die abrupt endeten. So geschah es auch bei den jüngst verlegten Steinen für die Familie Moddel. Enkel Benjamin Kempler recherchierte die Kindheit seiner Großmutter. Dabei stieß er auf eine tragische Familiengeschichte. Ein Teil der Familie konnte in den 1930er Jahren fliehen, ein anderer dagegen nicht und geriet so in die tödliche Verfolgung der Nationalsozialisten.

Die meisten der in der NS-Zeit Ermordeten gehörten dem Judentum an. Doch auch Menschen, die Widerstand leisteten, wurden in den Konzentrationslagern umgebracht. Die in Berlin bedeutende kommunistische Saefkow-Jacob-Bästlein-Organisation hatte auch Mitglieder südlich des Gesundbrunnens. An vier Personen, die aktiv Widerstand leisteten und Kontakt zur Gruppe hatten, erinnern im Brunnenviertel Stolpersteine.

Beim Rückblick auf die Verbrechen der Nazizeit wenig wahrgenommen ist eine weitere Opfergruppe. Ein Beispiel für diese Menschen ist der Stolperstein für Paul Grünberg. Sein Stein vor der Swinemünder Straße 47 erinnert an diejenigen, die ermordet wurden, weil sie – wie es der NS-Jargon ausdrückt – „durch geringfügige, aber sich immer wiederholende Gesetzesübertretungen“ störten.

Benjamin Kempler (mit Mütze) bei der Verlegung der vier Stolpersteine für seine Verwandten in der Bernauer Straße 96 am 7. September 2024. Foto: Andrei Schnell
Benjamin Kempler (mit Mütze) bei der Verlegung der vier Stolpersteine für seine Verwandten in der Bernauer Straße 96 am 7. September 2024. Foto: Andrei Schnell

Unvergessen

Über 10.000 Gedenksteine sind bisher in Berlin verlegt worden. Eine große Zahl. Doch, ob die Zahl groß oder klein ist, jedes einzelne Schicksal wirkt bis heute nach. So war Enkel Benjamin Kempler bei der Verlegung der vier Steine für seine Familie sichtlich bewegt. Seine Rede muss der in Texas aufgewachsene junge Mann auf Englisch halten, „because this is something personal for me“ (weil dies etwas Persönliches für mich ist). So stehen die zehn Zentimeter mal zehn Zentimeter großen Steine für tiefe Wunden, die bis heute nicht geheilt sind.

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Weitere Beiträge über das interkulturelle Leben im Wedding und in Gesundbrunnen stehen auf der Seite Interkulturelles Leben im Wedding. Mehr Beiträge speziell über jüdisches Leben im Wedding und in Gesundbrunnen gibt es hier: Jüdisches Leben

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