Jetzt kommt doch das Ende. Nach 45 Jahren vorläufigem Betrieb hat die Tischlerei am Sprengelpark vom Land Berlin eine Kündigung erhalten. Wieder einmal, sagen die Inhaber Peter und Oliver Neumann. Doch dieses Mal suchen die beiden wirklich nach einer Alternative für ihren Betrieb in der Kiautschoustraße. „Wir sind schon erschüttert, aber wir haben uns daran gewöhnt“, kommentiert Tischler Peter Neumann.

Der Senior und sein Sohn haben vor Kurzem vom Land Berlin die Ankündigung einer Kündigung erhalten. In dem Schreiben wird die Tischlerei Spieckermann & Neumann GmbH in der Kiautschoustraße 10/11 darauf vorbereitet, dass es im Jahr 2026 sehr schnell gehen soll mit dem Ende des Mietvertrags. Weil der Sprengelpark bis zum Ufer des Berlin-Spandauer-Schifffahrtskanals erweitert werden soll, will Berlin die Baracke des Traditionsunternehmens abreißen. Seit 1980 befindet sich die Tischlerei in der Kiautschoustraße 10/11.
Kündigungen beinahe Arbeitsalltag
Überraschend an der Geschichte ist, dass eine Kündigung für Senior Peter Neumann nichts Neues ist. Er ist mittlerweile 80 Jahre alt und hat in seinem Arbeitsleben vom Land Berlin immer wieder Kündigungen für seinen Standort erhalten. Gleich in den 1980er Jahren war die Baufälligkeit seiner Halle der Kündigungsgrund. Später, in den 1990er Jahren, sollte das Gelände für den Bau einer Schule freigemacht werden. Dann folgte Anfang der 2000er der Bau des ersten Teils des Sprengelparks, für den einige auf dem Gelände ansässige Unternehmen tatsächlich umziehen mussten. Doch obwohl der Unternehmerfamilie Neumann des Öfteren eine Kündigung drohte, kam es doch nie zum Aus.
Allen Widrigkeiten zum Trotz konnte die Tischlerei bislang weitermachen. Aus der traditionellen Tischlerei, die auch mal für die Nachbarschaft etwas repariert hat, ist ein Spezialunternehmen geworden, das zum Beispiel für Supermärkte Kühltüren herstellt. Vom Holz zum Blech ging die Entwicklung. Große Investitionen in das Gebäude haben die beiden Neumanns wegen der unsicheren Zukunft stets zurückgestellt. Doch rückblickend sind es 45 Jahre geworden, die das Unternehmen in der Kiautschoustraße existiert hat. Das sind vier Jahrzehnte mit Vorbehalt, Arbeiten auf unbestimmte Zeit und Einjahresmietverträgen. Einen solchen Fall dürfte es in Berlin nicht oft geben.


Mangel an preiswerten Gewerbeflächen
Doch nun scheint es ernst zu werden. Senior und Junior Neumann müssen sich wirklich etwas Neues suchen. „Die gute Lage bekomme ich nicht wieder“, kommentiert Junior Oliver Neumann. Er brauche 200 Quadratmeter, ebenerdig und Stellplätze für Fahrzeuge. Innerhalb des S-Bahnrings werde es wohl schwierig, das zu bezahlbaren Konditionen zu finden. Offenbar ist es nicht nur für Mieter schwer, eine preiswerte Wohnung zu finden; auch gegenüber kleinen Gewerbetreibenden ist die Großstadt unfreundlich. Von der Wirtschaftsförderung des Bezirks habe er keine konkrete Hilfe erhalten, aber immerhin ein Empfehlungsschreiben, das er potentiellen Vermietern vorlegen kann, sagt Oliver Neumann. Pünktlich Miete gezahlt haben die Neumanns stets.
Problem: Keine Leute
Mit der Kündigung scheint Oliver Neumann wie ein typischer Unternehmer zweckoptimistisch umzugehen. Doch es gibt einen Punkt, bei dem er Sorgenfalten bekommt. Wie soll er Mitarbeiter finden? Die Tischlerei hat mit der Produktion und der Reparatur von Kühltüren zwar eine Nische gefunden. Doch auch nach dem Umzug wird die Tischlerei Neumann vermutlich kein Großunternehmen sein, das Spitzenlöhne zahlen kann.
Geschichte des Sprengelparks
Das Areal des Sprengelparks erzählt exemplarisch die Geschichte von Anfang und Ende der Industrialisierung. Schon relativ früh, im Jahre 1867, entstand hier die Norddeutsche Fabrik für Eisenbahn-Betriebs-Material. 1924 erfolgte der Wechsel von Dampf zu Diesel, denn die Rohrbach Metallflugzeugbau GmbH ließ sich nieder. Mit 60 mal 46 Metern entstand eine ungewöhnlich große Fertigungshalle. Ab 1967 wechselte das Grundstück in den Besitz des Landes Berlin. Seitdem gibt es hier keine Fabriken mehr, sondern Kleingewerbe.
2004 erfolgte der Abriss der großen Fertigungshalle. Die meisten Kleinunternehmer mussten das Gelände verlassen – bis auf die Tischlerei und ein Unfallarzt. 2007 wurde als Ausgleich für den Flächenverbrauch beim Bau der City-S-Bahn am Mettmannplatz der erste Abschnitt des Sprengelparks eingeweiht. Der zweite Abschnitt soll nun folgen und bis über den Pekinger Platz hinausreichen. Mehr zur Sprengelparkerweiterung steht im Text Der Sprengelpark wird größer.


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