Was geschieht, wenn man irgendwo im Wedding an der Tür klopft. Macht jemand auf? Wie reagiert das Gegenüber? Thomas Jeutner, Pfarrer der evangelischen Versöhnungsgemeinde an der Bernauer Straße, berichtet von Überraschungen beim Austeilen des Gemeindebriefs „Evangelisch am Gesundbrunnen“. Und ganz am Ende wird Hilfe gesucht.

Ich habe Glück! Als ich auf dem undeutlich beleuchteten Tastenfeld mit gut 30 Nachnamen den richtigen gefunden und draufgedrückt habe, erklingt kurz darauf ein „Hallo?“. Schnell sage ich, dass ich von der Gemeinde komme, einen Gruß bringe und nur zum Briefkasten möchte. Bis zum Aufmerksamsten gespannt warte ich jetzt: wird der elektronische Türöffner betätigt, klemmt er nicht, und ich komme in den Hausflur? Richtig, das schnarrende Summen ertönt, es gibt leider keine weitere Frage, und ich husche hinein.
Es gibt viele Varianten von diesem Hinein-Kommen. Wenn jemand vor mir gerade das Haus betritt, ist es am einfachsten, schlicht hinterher zu gehen. Selten werde ich dann etwas gefragt. Ich könnte ja ein neuer Bewohner sein. Der Wedding hat mit die höchste Einwohnerfluktuation von ganz Berlin. Aber ich freue mich, wenn ich doch einen fragenden Blick sehe, und erkläre, woher ich komme. Und denke zurück an die aufsuchende Gemeindearbeit in den ganz neu errichteten ostdeutschen Plattenbau-Gebieten, wo ich in den 70er Jahren als Jugendlicher auch Briefe der Kirche in die Hochhäuser gebracht habe. Damals gab es keine Verzeichnisse der Mitglieder. Treppauf, treppab wurde deshalb an jeder Tür geklingelt und gefragt, ob es Interesse gäbe an der Evangelischen Kirche. So entstanden die Neubaugemeinden, bildeten sich erste Netzwerke aus Nachbarschaft, sammelten sich Hauskreise.
In einem Hochhaus auf meiner Tour wird unten jetzt nicht nur die Haustür geöffnet, sondern auch gleich die Wohnungstür. Sie lag im Parterre! Ich konnte deutlich machen, dass ich weder ein Amazon-Bote bin, noch von DHL komme oder dem Gorilla-Lieferdienst. Fröhlich überrascht nimmt die junge Frau unseren Gruß entgegen. Sie sei gerade erst hergezogen und staunte, gleich ein Lebenszeichen der Kirchengemeinde zu bekommen. Ob sie hier länger wohnen werde? „Oh nein, vielleicht ein Jahr oder höchstens zwei“, antwortet sie. Es hängt ab vom Job, da müsse sie viel umziehen. Ich wünsche ihr Gutes, und verlasse das Haus. Sonst wohnt hier niemand mehr aus der Gemeinde. Vereinzelt leben ihre Mitglieder in den vielen Hochhäusern und Straßen in unseren Quartieren, meistens als Single, und die wenigsten kennen sich.
An meinem Fahrradgepäckträger hängt ein Drahtkorb. In ihm liegen übereinander drei kleine Kartons, jeder gefüllt mit 45 Gemeindebriefen. Mit dieser Ladung fahre ich weiter in den nächsten eineinhalb Stunden durch unsere Straßen vom Weddinger Ackerkiez, wo die meisten Mitglieder der Versöhnungsgemeinde wohnen. Das Zustellen der für unsere Straßen bestimmten Auflage von rund 800 Exemplaren haben wir uns in einem kleinen Team aufgeteilt. Seit dem ersten Erscheinen der Gemeindenachrichten „evangelisch am Gesundbrunnen“ vor sechs Jahren übernehmen wir als Ehrenamtliche Frauen und Männer jeweils eine oder zwei kleine Straßen. Wenn die Straße sehr lang ist, wie beispielsweise die Ackerstraße, teilen wir uns auch diese auf.
Jede neue Hausnummer ist ein Abenteuer. Mein Fahrrad schiebe ich zum nächsten Eingang. Es wird dunkler und regnet leicht. Ich finde den nächsten Namen und drücke die Klingel. Ausharren im Wind. Toll, ich höre eine freundliche Stimme in der Gegensprechanlage und bringe den Gemeindebrief nach oben an die Tür. Beschenkt bin ich von dem Lächeln! Ich werde nichts gefragt, bekomme aber einen Dank. Manchmal gelange ich wirklich nicht ins Haus, niemand meldet sich. Auch niemand von den Mitwohnenden. Ich versuche es vielleicht eine halbe Stunde später noch einmal.
Weitere Treppen, Flure. Fahrstühle.
Ich freue mich über freundliche Gesichter. Was unterscheidet mich vom DHL- und Amazon-Boten? Dass ich nicht bestellt bin. Aber manche haben durch die Informationen aus dem Gemeindebrief von einem berührenden Konzert erfahren. Oder von einer ehrenamtlichen Aufgabe, die sie jetzt erfüllt. Andere erfuhren auf diesem Weg von dem Nachbarschaftsraum „Waschküche“, gingen einmal hin und kommen immer wieder. Eine erhielt eine Ausbildungsstelle durch die weiterführende Idee einer Leserin. Und viele bekamen, was wohl das schönste ist: Kontakt zueinander!
Wir bringen den Gruß der Gemeinde in die Wohnungen jener, die der Kirche verbunden sind. Das sind sie manchmal seit Jahren, oft ein ganzes Leben. Wie das Ehepaar H., zu dem ich ganz am Ende meiner Tour gekommen bin. Sie hörten mein Klingeln, betätigten den Haustüröffner und riefen schon von oben im dritten Stock laut in den Flur: „Oh, wollen Sie nicht einen Moment reinkommen?“
Erschöpft und durstig, bekam ich ein Glas Wasser und einen Platz auf dem Sofa. Wir kamen ins Gespräch, über die Wege des Lebens, über den Beruf, die freundliche Nachbarschaft und die so weit entfernt in Süddeutschland wohnenden Kinder.
Erfüllt von den Begegnungen fuhr ich mit den leeren Kartons nach Hause. In zwei Monaten wird der nächste Gemeindebrief erscheinen. Vielleicht haben Sie Lust, eine Straße oder einen Teil davon, beim Austeilen zu übernehmen? Oder Sie kennen vielleicht jemanden, die jemanden kennt, für die so eine kleine Aufgabe interessant sein könnte? Melden Sie sich gern im Gemeindebüro unter der Telefonnummer (030) 4 63 60 34.
Text und Scherenschnitt: Thomas Jeutner

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