Stefanie Ostertag hat in den vergangenen Jahren den Mauerpark immer wieder wegen der Konzerte dort besucht. Sie nimmt uns mit auf einen Spaziergang über die grüne Open-Air-Bühne.

Wer sich sonntags aufmacht in den Mauerpark, kann dort meist von Straßenmusiker zu Straßenmusiker schlendern. Hört man im einen Moment noch den wilden Rhythmen der Trommler zu, kommt man nach nur wenigen Schritten bei pulsierenden Electrobeats oder melancholischen Saxophontönen an. Mit den vielen Stammzuschauern, Berlinbesuchern und Flohmarktüberläufern gleicht das Ganze oft einem Festival mitten in der Stadt – auch wenn die Leute jetzt auf Abstand zueinander gehen müssen.
In meinem ersten Sommer in Berlin habe ich den Mauerpark kennengelernt, lange bevor ich selbst ins Brunnenviertel gezogen bin – als Festival-Bühne der „Fête de la Musique“. Bei dem weltweiten Musikfest, das jedes Jahr am 21. Juni stattfindet, galt der Mauerpark als einer der zentralen Partyorte der Hauptstadt. Hier wurde bis in den späten Abend gefeiert, gesungen und getanzt, getanzt, getanzt. Seit 2018 treten – auch wegen der Bauarbeiten – bekannte Berliner Künstler und Bands nicht mehr auf einer offiziellen Bühne auf, sondern kleine spontane Konzerte haben den Open-Air-Bereich zurückerobert. Es herrscht wieder der ursprüngliche Geist der „Fête“: Jeder darf Musik machen!
Der Mauerpark ist eine Open-Air-Bühne
Dieser Gedanke bestimmt im Mauerpark – auch jetzt wieder nach der Coronapause – die Sonntage. Bereits auf der Bernauer Straße finden die ersten Darbietungen statt, im Park selbst wetteifern Bands und Solisten um die Aufmerksamkeit der Zuhörer. Was die Anwohner (mich eingeschlossen) an einigen Wochenenden in den Wahnsinn treibt, ist für leidenschaftliche Musikfans (wieder mich eingeschlossen) ein wahres Mekka – zumindest, wenn man Lust und Zeit hat und sich auf die Musik einlässt. Und so strömen auch die Besucher auf die „Grünfläche“, die unter den tanzenden Füßen staubt.
Percussion, Electro oder Punk: Die Genres mischen sich hier querbeet. Mit einem Bierchen, einer Limo oder einem Eis in der Hand lässt man sich einfach treiben und verweilt dort, wo es einem gerade akustisch gefällt. Berlin hat sich zu einem kreativen Zentrum der Musikszene entwickelt, das Künstler aus der ganzen Welt angelockt hat. Und das zeigt sich auch an einem Sonntag im Mauerpark: Ganz unterschiedliche Musikerinnen und Musiker erproben ihre Songs an den Besuchern vor Ort.
Tolle Mini-Konzerte
Manche davon sind bereits alte Hasen, andere wiederum machen gerade ihre ersten Schritte in Richtung Künstlerkarriere und träumen vom großen Erfolg. Aber sie alle stellen sich und ihre kraftvollen, mitreißenden oder traurigen Lieder dem Urteil des Publikums – und hoffen, dass etwas Geld in den Gitarrenkoffer geworfen wird oder ein paar CDs gekauft werden. Die Qualität kann natürlich ziemlich schwanken, aber nicht selten hauen einzelne Mini-Konzerte die Zuhörer geradezu um. Und es kann auch passieren, dass man Monate oder sogar Jahre später das Radio oder den Fernseher einschaltet und denkt: „Moment mal, die habe ich doch schon irgendwo gehört oder gesehen…“

Die Corona-Pandemie hat der Musikszene schwer zugesetzt: Die Clubs und Event-Locations sind geschlossen, Konzerte wurden abgesagt. Keiner weiß, wie lange noch. Bands und Künstler nutzen die Freiluftoption im Mauerpark und unterhalten die Sonntagsspaziergänger und Sonnenanbeter. Zumindest über die Sommermonate spielen sie ihre Musik und geben kleine Konzerte.
Das Karaoke-Mikrofon muss vorerst allerdings noch ausgestöpselt bleiben. Vor Beginn der Bauarbeiten versammelten sich im Amphitheater oft mehr als 1.000 Karaoke-Begeisterte, um dem wahrhaft guten oder teils schrecklich-schönen Gesangstalent der Mutigen zu lauschen. Ab etwa 14 Uhr füllten sich bei schönem Wetter die Ränge und alle warteten auf das orangefarbene Lastenfahrrad, mit dem Joe Hatchiban Laptop, Mischpult und die Boxen herankarrte.
Die besonders Talentierten überzeugten mit ihren Karaoke-Künsten und ließen vergessen, dass man sich gerade nicht in einem professionellen Konzert, sondern auf Berlins beliebtester Karaoke-Party befand. Wer nicht wirklich singen konnte, machte dies mit einer engagierten Performance wett. Haare flogen, vergessene Boy-Band-Moves wurden ausgepackt oder die Freunde zum Mitsingen animiert. Das Publikum feierte beides – jubelte, applaudierte und grölte mit. Ich drücke die Daumen, dass Joe Hatchiban im nächsten Jahr wieder sein Equipment aufstellen darf und alle mitsingen können.
Hier spielt die Musik
- Die „Fête de la Musique“ findet jedes Jahr am 21. Juni statt. Informationen zu den jeweiligen Veranstaltungen stehen auf www.fetedelamusique.de. Im Corona-Jahr 2020 gab es coronabedingt eine Fête de la Haus-Musique.
- Die „Bearpit-Karaoke“ findet normalerweise sonntags gegen 15 Uhr im Amphitheater statt. Wegen Corona muss sie aktuell allerdings pausieren. Informationen gibt es unter www.bearpitkaraoke.com oder auf Facebook unter www.facebook.com/bearpitkaraoke
- Informationen über den Mauerpark findet man auch beim Freunde des Mauerparks e. V. – online unter www.mauerpark.info
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Der Text ist auch im gedruckten Kiezmagazin „Park frei!“ enthalten, das im zweiten Quartal 2020 erschienen und wegen der Corona-Pandemie gleichzeitig das Heft für das dritte Quartal 2020 ist. Weitere Artikel sind im Beitrag Park frei! Neues Kiezmagazin feiert den Mauerpark gesammelt und verlinkt.

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