Im vergangenen Jahr kam es in Gesundbrunnen wiederholt zu Vandalismus und Gewalt. Was die jugendlichen Täter dazu bringt und was sich dagegen tun lässt – darüber denkt Hajo Lange nach.

2022 war für manche Anwohner ein Jahr mit viel Ärger. Der Grund: eine Gruppe von zehn bis zwölf Jugendlichen. Zwei bis drei sind die Anführer, die anderen laufen mit, oft aus Langeweile. Es kam zu Sachbeschädigungen, Pöbeleien, vereinzelt auch Angriffen auf Anwohner. Im Olof-Palme-Zentrum wurden Türen aufgebrochen, am Bahnhof Gesundbrunnen wurden in der Silvesternacht Polizisten von einer Gruppe Jugendlicher attackiert.
Anwohnertreffen zu Vandalismus
Der Brunnenviertel e.V. sowie das Olof-Palme-Zentrum (OPZ) organisierte schon im November 2022 ein Anwohnertreffen. Hier wurde deutlich, dass in einem Radius von zwei Kilometern viele Menschen betroffen waren. An Themen-Tischen wurde über Lösungen nachgedacht, jeder konnte Vorschläge machen. Auch ein Brandbrief an den Berliner Senat war im Gespräch. Die Silvesternacht hat einmal mehr gezeigt, dass es ist nicht nur ein Problem in unserem Kiez ist, Übergriffe auf Polizei und Feuerwehr kommen auch immer wieder vor. Den Einsatzkräften wird ganz klar keinerlei Respekt mehr entgegengebracht.
Da könnte man sich fragen: „Haben die denn nichts Besseres zu tun?“ Aber genau das ist der Punkt. Kinder wollen sich ausprobieren, etwas erleben, Abenteuer haben.
Ich bin oft im Grunewald unterwegs und ich sehe Kinder und Jugendliche auf Pferden reiten oder in Tegel mit ihren Optimisten, so heißen diese Boote, segeln lernen. In anderen Kulturen legen Kinder mit zwölf Jahren die Falkner-Prüfung ab. Und wieder andere spielen Fußball im Verein oder besuchen eine Tanzschule.
Finanzielle Situation ist entscheidend
Natürlich sind Randale und Sachbeschädigung nicht zu rechtfertigen, aber es hängt auch sehr stark vom Geld ab, wie ein Kind sich entwickelt. Was nutzt Talent, wenn es nicht gefördert wird? Bei all den Sparmaßnahmen hat man vergessen, an die zu denken, die wir später brauchen, im Handwerk zum Beispiel. Wir haben viele Schulen, von denen ein großer Teil saniert werden müsste. Es gibt auch nicht genügend Lehrer. Der Grund: schlechte Bezahlung. Und als Lehrer nimmt man die Arbeit mit nach Hause, etwa nach einem Diktat 36 Hefte durchsehen ist keine Kleinigkeit.
Die Mitarbeiter des Kinder- und Jugendbereichs im OPZ arbeiten genau daran, eine Beziehung zu den Kindern aufzubauen und im Gespräch zu bleiben sowie Freizeitangebote zu machen. Aber der Personalbestand ist nicht groß und die Mitarbeiter, die da sind, haben alle Hände voll zu tun. Neben dem Kinder- und Jugendbereich bietet das OPZ diverse Angebote für Jung bis Alt, auch im Familienbereich tut sich was.
Oft fehlt der Zugang zu Teilhabe
Natürlich sind auch die Eltern gefordert, meistens kommen die gewaltbereiten Jugendlichen aus sozial schwachen Verhältnissen ohne Zugang zu Teilhabe an der Gesellschaft. Die Gründe sind oft fehlende Deutschkenntnisse und/oder Geldmangel. Manchmal fehlt bei den Eltern auch das Interesse, aber das ist die Ausnahme. Eltern wollen in der Regel, dass ihre Kinder weiterkommen.
Ich selbst arbeite seit vielen Jahren mit Kindern, zum Beispiel im Haus der Jugend und Familienzentrum Nauener Platz. Der Nauener Platz ist wie der Gesundbrunnen-Kiez ein sozialer Brennpunkt. Dabei gibt es sowohl hier als auch dort sehr viele Talente, die darauf warten, entdeckt und gefördert zu werden.
Ich selbst habe sechs Kinder großgezogen und habe zehn Enkelkinder. Es gibt für Kinder nichts Schlimmeres als Langeweile. Das Faszinierende an Kindern ist, sie wollen sich entwickeln. Alles, was sie dafür brauchen, ist ein wenig Unterstützung.



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Der Text ist im gedruckten Kiezmagazin enthalten, das im März 2022 erschienen ist. Weitere Beiträge dieser Ausgabe sind im Beitrag „Neues Kiezmagazin: Die Frühlingsausgabe ist da!“ gesammelt und verlinkt.

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