Beim Abriss eines zweistöckigen Hauses in der Usedomer Straße ist eine rund 100 Jahre alte Bierreklame zum Vorschein gekommen. Auf der einst freistehenden Hauswand prangt eine gut erhaltene Werbung, die einen Liter Bier für nur 10 Pfennig anpreist. Unser Autor Andrei Schnell hat sich angesehen, was die historische Wandbeschriftung über die Bier- und Kiezgeschichte verrät.

Eine 100 Jahre alte Reklame kommt zum Vorschein
Was werden wohl Menschen in hundert Jahren denken, wenn sie durch Zufall auf eine Fernseh- oder Internetwerbung aus heutiger Zeit stoßen? Nun, ihnen wird es gehen wie denen, die vor der Reklame an der Hauswand der Usedomer Straße 8 stehen. Sie werden einiges unverständlich finden, anderes mit Erstaunen zur Kenntnis nehmen. Zum Schmunzeln regt der Preis auf der Wandbeschriftung an: 10 Pfennig für ein Liter Bier. Der vollständige Text auf der Wand lautet: 8 Usedom Straße 8 / Eigene Niederlage der / Brauerei Germania ActGes / Jungbier täglich frisch a Ltr. 10 Pfg / Ausschank von Bairisch a 1/2 Liter 10 Pfg.
Was die alte Wandbeschriftung erzählt
Dass die Schreibweise von Straßennamen im Laufe der Zeit schwankt, das fällt vielleicht nicht jedem auf. Tatsächlich bevorzugte Berlin bis 1929 die Schreibweise Usedomstraße (Usedom Strasse) und erst ab 1930 Usedomer Straße. Dass Niederlage eine etwas altmodische Version von Niederlassung ist, leuchtet schnell ein. Dass die Germania AG ihren Hauptsitz im Friedrichshain hatte, lässt sich über Adressbücher herausfinden.

Jungbier, Berliner Weiße und bayrisches Bier
Erklärungen werden nötig, wenn es um die Frage geht, was Jungbier ist. Hier helfen die Bierbrauer der Weddinger Schneeeule, die sich auf Weißbier spezialisiert haben. „Bei dem Jungbier handelte es sich um eine noch nicht fertig vergorene Berliner Weiße“, schreibt Schneeeule-Brauerin Ulrike Genz zu der alten Bierwerbung. Brauereien haben damals Abfüllung und – die bei Weißbier übliche – Flaschengärung sogenannten Bierverlegern überlassen.
Ärmere Bürger kauften Jungbier in Eimern. Zu Hause füllten sie das Bier in Flaschen und ließen es anschließend im Keller gären, berichtet Schneeeule. Spannend: Das heute alltägliche Pilsener nannte sich damals noch bayrisches Bier. Und es war doppelt so teuer wie das Berliner. Grund war die erforderliche Kühlung. „Das ‚bairisch‘-Bier war das moderne, dank der damals neu erfundenen elektrischen Kühlung, untergärige Bier“, erklärt Ulrike Genz weiter.
Warum die Reklame jahrzehntelang unsichtbar war
Die nun freigelegte Wandbeschriftung ist so angebracht, dass Passanten sie nur unter einer Bedingung lesen können: In der Usedomer Straße 7 steht entweder kein Gebäude oder nur ein sehr niedriges. In einem Adressbuch des Jahres 1902 ist zu lesen, dass der Eigentümer Meyer einen Neubau vornahm. In den Folgejahren finden sich in den Adressbüchern zahlreiche Namen unter der Anschrift 7, demzufolge stand das Miethaus ab 1903. Und es hatte vermutlich die heutige Höhe und verdeckte die Reklame. Vor 1902 bezeugen die historischen Adressbücher lediglich eine Lumpenhandlung. Schlussfolgerung und Vermutung: Die Bitte, Bier zu verzehren, wurde vor 1902 angebracht.

Die Geschichte der Germania-Brauerei
Alte Adressbücher verraten außerdem, dass die Germania-Brauerei als Aktiengesellschaft im Jahr 1895 gegründet wurde. Bayrisch- und Weißbier-Brauerei ist als Unternehmenszweck angegeben. Das Kapital betrug eineinhalb Millionen Mark. Zur groben Orientierung: Das dürfte mit aller Vorsicht geschätzt ein- bis zweitausend Jahresgehältern eines Arbeiters entsprochen haben. Sitz der Germania-Brauerei war ein langgestrecktes Grundstück mit 220 Metern Länge zwischen Frankfurter Allee und Rigaer Straße ein.
Vom Brauereigelände zum Filmpalast
Die Brauerei war eine offenbar glücklose Unternehmung. Bereits 1912 war der Bau Pachtobjekt der Leipziger Bierbrauerei zu Reudnitz Riebeck & Co. AG, wie Sammler historischer Wertpapiere erzählen. Und dann brannte das Gebäude 1925 ab. Statt die Brauerei wieder aufzubauen, errichtete die Germania an Ort und Stelle eines der ersten freistehenden Kinos im Berliner Osten. Der Filmpalast Germania hatte gut 1800 Zuschauerplätzen – wurde aber wenig später verkauft.
Nun, auch die Berliner Weiße, das Ur-Bier der Berliner, nahm kein glückliches Ende. Als ob es nur mit Sirup zu ertragen wäre, wurde es nach dem Zweiten Weltkrieg gering geschätzt. Dass es in einer Reklame oben steht und damit vor dem Pilsener genannt wird, das mutet heute seltsam an. Vor über 100 Jahren war es selbstverständlich.
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Der Text ist im gedruckten Kiezmagazin enthalten, das im Juni 2023 erschienen ist. Weitere Beiträge dieser Ausgabe sind im Beitrag „Neues Kiezmagazin: Sommer unterm Baum“ gesammelt und verlinkt.

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