Quartier am Humboldthain: So geht es auf der Baustelle weiter

Von außen sieht die ehemalige Nixdorf-Fabrik an der Gustav-Meyer-Allee noch fast so aus wie vor einigen Monaten. Die verspiegelte Fassade steht weiterhin, nur an einzelnen Stellen sind Löcher zu sehen. Sie sind bei den Rückbauarbeiten entstanden. Im Inneren hat sich dagegen viel getan: Das Gebäude ist inzwischen vollständig entkernt, die Materialien wurden für eine Wiederverwendung ausgebaut. Doch wie geht es jetzt weiter? Darüber hat das Brunnenmagazin mit Lutz Keßels gesprochen. Er ist Geschäftsführer der Quartier am Humboldthain GmbH und leitet die Projektentwicklung bei Coros.

„Wir lassen die Außenfassade so lange stehen wie möglich“, sagt Keßels. Das hat einen praktischen Grund: Die Fassade soll während des Rückbaus Staub und Lärm von der Nachbarschaft fernhalten. Erst wenn es für die weiteren Arbeiten notwendig wird, soll sie verschwinden.

Abrissbagger vor der verspiegelten Fassade der ehemaligen Nixdorf-Fabrik an der Gustav-Meyer-Allee in Berlin-Gesundbrunnen
Der Rückbau der ehemaligen Nixdorf-Fabrik an der Gustav-Meyer-Allee hat begonnen. Die verspiegelte Fassade soll möglichst lange stehen bleiben. Foto: Dominique Hensel

Der Abriss des ehemaligen Fabrikkomplexes wird sich noch über das gesamte kommende Jahr erstrecken. „Der Abriss wird bis Ende kommenden Jahres dauern“, sagt Keßels. Nach dem aktuellen Zeitplan sollen die Arbeiten im Dezember 2027 abgeschlossen sein. Anfang 2028 soll der Bau des neuen Quartiers am Humboldthain beginnen.

Schneekanonen sollen den Staub binden

Der Rückbau erfolgt in mehreren Abschnitten. Seit Anfang 2026 wurden zunächst die Gebäude entkernt und Materialien ausgebaut. Seit Oktober steht auch der Rückbau erster Gebäudeteile auf dem Programm. Weitere Abschnitte folgen im Laufe des Jahres 2027.

Für die Nachbarschaft dürfte der Abriss damit zunehmend sichtbar und hörbar werden. Um die Belastungen möglichst gering zu halten, setzt der Projektentwickler auf verschiedene Maßnahmen. Dazu gehört nicht nur die möglichst lange erhaltene Außenfassade.

„Wir werden außerdem Schneekanonen einsetzen“, kündigt Keßels an. Ab Frühjahr oder Sommer 2027 sollen die Geräte einen feinen Wassernebel erzeugen, „damit die Umgebung nicht so stark belastet wird“. Der Nebel soll verhindern, dass sich beim Abtragen der Gebäudeteile größere Mengen Staub in der Umgebung verteilen.

Früher habe man zur Staubbindung häufig Feuerwehrschläuche verwendet und die Baustellen mit Wasser besprüht, erklärt Keßels. Die Schneekanonen benötigten für denselben Zweck deutlich weniger Wasser. Das sei nicht nur ressourcenschonender, sondern auch wirtschaftlicher.

So geht es auf der Baustelle weiter

  • Seit Anfang 2026: Entkernung der Gebäude und Ausbau wiederverwendbarer Materialien
  • Seit Oktober 2026: Schrittweiser Rückbau der ersten Gebäudeteile
  • Frühjahr/Sommer 2027: Einsatz von Schneekanonen zur Staubbindung
  • Bis Ende 2027: Abschluss der Abrissarbeiten
  • Anfang 2028: Geplanter Baubeginn für das neue Quartier am Humboldthain
Baustelle am Quartier am Humboldthain mit Schutthaufen und teilweise geöffneter Spiegelfassade der ehemaligen Nixdorf-Fabrik.
Auf der Baustelle an der Gustav-Meyer-Allee ist die Fassade bereits an mehreren Stellen geöffnet. Der Rückbau soll bis Ende 2027 dauern. Foto: Dominique Hensel

Der Rückbau der Nixdorf-Fabrik ist ohnehin ungewöhnlich. Statt das Gebäude einfach abzureißen und die Trümmer zu entsorgen, werden möglichst viele Materialien für eine weitere Nutzung gewonnen. Über dieses sogenannte Urban Mining hat das Brunnenmagazin bereits berichtet. Auch Beton soll teilweise direkt auf dem Gelände aufbereitet und später wiederverwendet werden.

Bis zu 1.000 Wohnungen statt weiterer Büros?

Während die alte Fabrik verschwindet, wird auch über die Zukunft des Geländes weiter nachgedacht. „Wir nutzen die Phase des Abrisses für weitere Planungen“, sagt Keßels. Denn möglicherweise wird das Quartier am Humboldthain anders aussehen als ursprünglich vorgesehen.

Bislang ist auf dem ehemaligen Fabrikgelände vor allem ein Gewerbe- und Wissenschaftsquartier geplant. Der Projektentwickler Coros möchte inzwischen jedoch auch Wohnungen integrieren. „Durch Corona hat sich die Welt komplett verändert. Wir brauchen einfach nicht mehr so viele Büros“, sagt Keßels.

Hinzu kommt aus seiner Sicht der Wohnungsmangel in Berlin. Keßels ist auch Vorsitzender des Unternehmernetzwerks Technologiepark Humboldthain (TPH). Von den dort ansässigen Unternehmen höre er zunehmend, dass die Wohnungssuche für Fachkräfte zu einem Problem werde. „In Berlin findet man schneller einen Job als eine Wohnung“, sagt er.

Wie viele Wohnungen entstehen könnten, ist noch offen. Keßels hält bis zu 1.000 Wohnungen für möglich. Schon 500 Wohnungen wären aus seiner Sicht ein gutes Ergebnis. Bei der maximalen Zahl könnten nach seiner Rechnung künftig rund 2.000 Menschen auf dem Gelände leben.

Auch zur Art der Wohnungen hat Keßels Vorstellungen. Rund 30 Prozent würde er gern als geförderten Wohnraum errichten. Eigentumswohnungen seien nicht vorgesehen. Bei 1.000 Wohnungen wären demnach bis zu 300 geförderte Wohnungen möglich.

Ob es überhaupt so weit kommt, ist allerdings ungewiss. Für die Wohnnutzung sind Änderungen an der bisherigen Planung und entsprechende politische beziehungsweise planungsrechtliche Entscheidungen erforderlich. Keßels hofft auf eine Zustimmung des Berliner Senats. Mit einer Entscheidung rechnet er offenbar erst nach Abschluss der derzeitigen Koalitionsverhandlungen.

Wohnen in zweiter Reihe an der Brunnenstraße

Wo die Wohnungen entstehen könnten, ist bereits auf einem Lageplan zu erkennen, den Keßels zum Gespräch mit dem Brunnenmagazin mitgebracht hat.

Lageplan des Quartiers am Humboldthain mit möglichen Wohngebäuden, grüner Mitte und weiteren Nutzungen
So könnte das Quartier am Humboldthain künftig aussehen. Der Lageplan zeigt die mögliche Wohnbebauung mit grüner Mitte sowie weitere Nutzungen. Die Wohnungspläne sind noch nicht genehmigt. Grafik: Quartier am Humboldthain

Vorgesehen ist eine Wohnbebauung hinter den bestehenden Häusern an der Brunnenstraße, also gewissermaßen in zweiter Reihe. Der Bereich erstreckt sich zwischen Voltastraße und Gustav-Meyer-Allee, parallel zur Brunnenstraße. Auf dem Plan sind mehrere Wohngebäude mit einer begrünten Mitte zu sehen.

Am südlichen Ende der möglichen Wohnbebauung, zur Gustav-Meyer-Allee hin, soll ein Gründungs- und Schulungszentrum entstehen. Nach Angaben von Keßels geht diese Idee auf einen Wunsch des Landes Berlin zurück. Auf dem Lageplan sind dort außerdem ein Café und Flächen für Sport und Fitness eingezeichnet. Auch Coworking-Angebote und eine Kita gehören zu den Überlegungen.

Damit könnte ein Quartier entstehen, in dem nicht nur gearbeitet, sondern auch gewohnt und gelebt wird. Ob und in welchem Umfang diese Vorstellungen umgesetzt werden können, hängt allerdings von den noch ausstehenden Entscheidungen über die Wohnnutzung ab.

Bewegung im Streit um das Bartning-Fenster

Die mögliche Wohnbebauung könnte auch Auswirkungen auf einen Konflikt haben, über den das Brunnenmagazin bereits berichtet hat. Die Evangelische Kirchengemeinde am Gesundbrunnen befürchtet, dass die geplanten Neubauten das große Bartning-Fenster der Himmelfahrtkirche verschatten könnten. Auch das Landesdenkmalamt teilt diese Sorge.

Keßels beurteilt die Situation anders. Er geht davon aus, dass es auch bei der ursprünglichen Bebauung zu keiner maßgeblichen Verschattung kommen würde. Dennoch ist er bereit, auf die Bedenken der Kirchengemeinde einzugehen. Inzwischen hat er sich mit Vertretern der Gemeinde getroffen.

Das Kirchenfenster von Otto Bartning – außen unscheinbar, innen prägend für den gesamten Kirchenraum. Foto außen: Hensel, Foto innen: Sallmann
Das Kirchenfenster von Otto Bartning – außen unscheinbar, innen prägend für den gesamten Kirchenraum. Foto außen: Hensel, Foto innen: Sallmann

Sollte die Wohnbebauung genehmigt werden, könnte sich die Situation verändern. „Die Wohnhäuser wären im Bereich gegenüber der Kirche um ein Geschoss niedriger“, sagt Keßels.

Keßels kann sich auch eine andere Lösung vorstellen. Falls es bei der ursprünglichen Gebäudehöhe bleibt, könnte das Bartning-Fenster beispielsweise mit LED-Technik künstlich beleuchtet werden. Diese Idee stammt nach seinen Angaben aus der Kirchengemeinde. Inzwischen sind beide Seiten miteinander im Gespräch.

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Kommentare

  1. Avatar von Rolf
    Rolf

    Erstmal abreißen – und dann schaun wir mal. Wie wärs einfach mit einem Parkplatz? Macht sich immer gut auf einer Brachfläche und wird ja in Berlin auch immer gebraucht.

    1. Avatar von Ömer
      Ömer

      Gibt auf der Gustav-Mayer-Alle genug.

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