Neuer Audioweg: Den Humboldthain mit anderen Augen sehen

Ein Spaziergang durch den Humboldthain kann überraschend sein – selbst für Menschen, die den Park seit Jahren kennen. Ein neuer, kostenloser Audioweg der Berliner Unterwelten führt durch seine Geschichte. Dabei geht es um Krieg und Zerstörung, persönliche Erinnerungen und Verbindungen zur Gegenwart.

Der Rosengarten ist eine grüne Oase mitten in der Stadt. Vom Flakturm aus lassen sich schöne Sonnenuntergänge beobachten. Im Sommer lockt das Freibad, im Winter der Rodelberg. Und im Frühling verwandelt sich eine Wiese in ein Meer aus Krokussen. So kenne ich den Humboldthain: als Ort der Erholung, für Spaziergänge, Picknicks und Ausflüge mit den Kindern.

An einem sonnigen Oktobertag bin ich wieder im Park unterwegs. Diesmal habe ich Kopfhörer dabei. Eine Stimme führt mich über die Wege und erzählt Geschichten, die ich zum Teil noch nie gehört habe. Nach anderthalb Stunden werde ich den Humboldthain mit anderen Augen sehen.

Startpunktschild des Audiowegs Humboldthain auf einem historischen Einmannbunker, umgeben von Bäumen.
Auf dem Einmannbunker in der Brunnenstraße am Humboldthain weist ein Schild auf den neuen Audioweg der Berliner Unterwelten hin. Foto: Dominique Hensel

Ein kostenloser Audioweg durch den Humboldthain

„Wir sind ja meist unterirdisch unterwegs bei den Unterwelten“, sagte Dietmar Arnold bei der Vorstellung des neuen Audiowegs „Manchmal kümmern wir uns aber auch um unsere Umgebung über der Erde wie hier am Archäologischen Fenster.“ Der Verein Berliner Unterwelten hat einen kostenlosen Audioweg durch den Humboldthain entwickelt. Er umfasst 14 Stationen auf einer Strecke von etwa 3,5 Kilometern. Die reine Hörzeit beträgt 77 Minuten, für den gesamten Spaziergang sollte man ungefähr zwei Stunden einplanen.

Das Angebot ist mehr als ein gewöhnlicher Audioguide. Die Geschichte wird dort erzählt, wo sie sich abgespielt hat. Zwar lässt sich das Hörstück auch zu Hause anhören. Arnold empfiehlt jedoch, tatsächlich durch den Park zu gehen.

Zwei Jahre lang hat Kai-Uwe Kohlschmidt an dem Audioweg gearbeitet. Er recherchierte, besuchte den Humboldthain immer wieder und suchte lange nach einem roten Faden für die vielen historischen Ereignisse. Schließlich entschieden sich die Macher, auch Walter Rathenau in die Erzählung einzubeziehen, ihn immer wieder zu Wort kommen zu lassen. „Wir sind hier umgeben von tonnenschweren Verwerfungen der Geschichte“, sagte Kohlschmidt zu einem weiteren Leitmotiv des Audiowegs bei der Präsentation.

Wo heute Kinder rodeln, fuhren früher Loren

Wie viel Geschichte unter den Wegen und Hügeln steckt, wird mir auf dem Rodelberg bewusst. Während ich die Treppe hinaufsteige, erfahre ich, dass hier nach dem Zweiten Weltkrieg eine Lorenbahn verlief. Von der Putbusser Straße und der Swinemünder Straße wurde Schutt aus den zerstörten Häusern des Weddings zum ehemaligen Leitturmbunker transportiert. Der Weg der Loren führte über den heutigen Rodelberg. Nach Angaben der Berliner Unterwelten wurden hier 1,4 Millionen Kubikmeter Trümmerschutt abgeladen.

Mit Herbstlaub bedeckte Treppe führt durch den bewaldeten Hang zum Rodelberg im Humboldthain.
Wo heute eine Treppe auf den Rodelberg führt, verlief nach Angaben der Berliner Unterwelten früher der Weg einer Lorenbahn, mit der nach dem Zweiten Weltkrieg Trümmerschutt transportiert wurde. Foto: Dominique Hensel

Ich kenne den Rodelberg vor allem aus den Wintern, als unsere Kinder noch klein waren. Dass hier einmal eine Lorenbahn fuhr und das Radar die kommenden Luftangriffe zuerst registrierte, wusste ich nicht. Plötzlich bekommt der vertraute Hang für mich eine andere Bedeutung.

Der Zweite Weltkrieg nimmt im Audioweg breiten Raum ein. Es geht um die Bunker im Humboldthain, um die Kämpfe am Ende des Krieges und um die Menschen, die hier Schutz suchten. Zeitzeugen erzählen von ihren Erlebnissen im Bunker. Ich höre ihnen zu und habe das Gefühl, ganz nah dran zu sein an der Geschichte des Volksparks.

Auch Dietmar Arnold verbindet persönliche Erinnerungen mit dem Ort. Er berichtet davon im Audiodokument: Als Kind spielte er in den Kriegstrümmern des Humboldthains. Dabei entwickelte sich seine Neugier auf die verborgenen Überreste der Vergangenheit – ein Interesse, das später zur Gründung des Vereins Berliner Unterwelten führte. Im Audioweg erzählt Arnold selbst davon. Der Park, in dem seine Begeisterung für Berlins unterirdische Geschichte begann, wird so auch zu einem Schauplatz seiner Biografie.

Den Weg mit den Ohren finden

Anfangs ist es ungewohnt, sich von einer Stimme durch den Park führen zu lassen. Bin ich schon zu weit gegangen? Muss ich noch weiterlaufen? Bin ich überhaupt auf dem richtigen Weg? Doch die Hinweise werden schnell vertraut. Mal soll man auf einen großen Stein am Weg achten, mal auf eine alte Wasserpumpe. An anderer Stelle wird ein überdachter, runder Pavillon zum Orientierungspunkt oder eine Treppe weist die Richtung. So lernt man allmählich, den Weg nicht nur mit den Augen, sondern auch mit den Ohren zu finden.

Runder, überdachter Pavillon an einem von Hecken gesäumten Weg im herbstlichen Humboldthain.
Der runde Pavillon ist einer der Orientierungspunkte auf dem Audioweg. Die gesprochenen Hinweise helfen dabei, den richtigen Weg durch den Humboldthain zu finden. Foto: Dominique Hensel

In der Nähe des Sommerbads lädt die Stimme zu einer Pause auf einer Bank ein. Es folgen Ausführungen zum Versailler Vertrag. Der Rundgang bestimmt also nicht nur, wohin man geht, sondern auch, wann man stehen bleibt oder sich setzt. Auf dem Rodelberg stockt die Wiedergabe einmal kurz. Vielleicht liegt es an der Internetverbindung. Ich laufe umher, um wieder eine Verbindung zu bekommen. Wenig später geht es weiter.

Rainer E. Klemke, der bei der Vorstellung den Audioweg in der Berlin History App präsentierte, sprach von einem „Hörspiel-Rundgang“. Die Bezeichnung passt gut: Unterschiedliche Stimmen, historische Szenen und Geräusche begleiten den Spaziergang. Und es gibt auch Musik.

Rainer E. Klemke zeigt auf einem Smartphone die Berlin History App mit dem Audioweg Humboldthain.
Rainer E. Klemke zeigt den neuen Audioweg durch den Humboldthain in der Berlin History App. Foto: Hensel

Geschichte mit vielen Stimmen

Zu hören sind nicht nur professionelle Sprecher, sondern auch Menschen, die selbst mit der Geschichte oder Gegenwart des Humboldthains verbunden sind. Bernd Schimmler, früherer Weddinger Stadtrat und Vorsitzender des Weddinger Heimatvereins, spricht Otto von Bismarck. Die Archäologin Claudia Mehlisch vom Verein Berliner Unterwelten berichtet über den weißen Stier, eine lange verschollene Skulptur aus dem Humboldthain, an deren Bergung sie maßgeblich beteiligt war.

Auch die Gegenwart kommt zu Wort. Am Sommerbad erzählt Nele Heinevetter vom Kunstprojekt Tropez, das seit einigen Jahren in der warmen Jahreszeit Ausstellungen und Kunst an den Beckenrand bringt. So begegnen auch Badegäste zeitgenössischer Kunst, die eigentlich nur zum Schwimmen gekommen sind.

Immer wieder führt die Erzählung gedanklich über die Grenzen des Parks hinaus. Sie erinnert an die Brunnenstraße als einstigen „Kurfürstendamm des Nordens“, streift die Berliner Teilung und die Industriegeschichte des Weddings. Auch das frühere AEG-Gelände und die Industriegeschichte der Gegend spielt eine Rolle. Die Themen sind vielfältig. Besonders eindrücklich bleibt jedoch die Auseinandersetzung mit Krieg und Zerstörung.

Betonreste des ehemaligen Leitturmbunkers im Humboldthain, umgeben von Bäumen und herbstlichem Grün.
Die Überreste des ehemaligen Leitturmbunkers im Humboldthain. Heute wachsen Bäume rund um die Betonruine, die an die Kriegsvergangenheit des Parks erinnert. Foto: Dominique Hensel

Von der Kriegsgeschichte zur heutigen Rüstungsproduktion

Der Audioweg erinnert an die frühere Rüstungsproduktion im Wedding und schlägt einen Bogen zum heutigen Rheinmetall-Standort an der Scheringstraße am Rande des Parks. Dort sollen nach bisherigem Kenntnisstand Metallteile für Munitionshülsen hergestellt werden. Gegen die Umstellung des ehemaligen Pierburg-Werks gibt es Proteste.

Auch im Audioweg sind diese Proteste zu hören. Menschen rufen Parolen gegen die Fabrik, Stimmen und Geräusche einer Demonstration erfüllen die Kopfhörer. So verbindet das Hörstück die Kriegsgeschichte des Humboldthains mit einer aktuellen Auseinandersetzung in seiner unmittelbaren Nachbarschaft.

Über die Umstellung des Werks und die Proteste hat das Brunnenmagazin unter anderem im Beitrag „Debatte über Rüstungsproduktion von Rheinmetall am Humboldthain“ berichtet.

Ein schöner Spaziergang, der nachdenklich macht

Am Ende erklingen noch einmal die Stimmen, die schon zu Beginn des Hörstücks zu hören waren. Sie singen vom Marschieren in den Krieg. Beim ersten Mal hatte mich der Gesang etwas verwundert. Jetzt höre ich ihn anders. Nach den Geschichten über die Menschen im Bunker, die Trümmer des zerstörten Berlins und den Bezug zur heutigen Rüstungsproduktion bleibt ein leicht bedrückendes Gefühl zurück.

Trotzdem war es ein schöner Spaziergang. Die Sonne schien, der Park zeigte sich von seiner angenehmen Seite. Eine Abkürzung habe ich beim Selbstversuch jedoch genommen: Die vielen Stufen zum Flakturm habe ich mir erspart. Ich kenne die Aussicht von vielen Besuchen. Stattdessen saß ich eine Weile im Rosengarten auf einer Bank, hörte weiter zu und ging anschließend zum Archäologischen Fenster zurück.

Mein Fazit: Der Humboldthain ist für mich weiterhin ein grüner Ort der Erholung. Aber nach diesem Rundgang verlasse ich den vertrauten Park mit einem Gefühl dafür, wie viel Geschichte sich hinter seinen Wegen, Wiesen und Hügeln verbirgt. Oder wie es im Audioweg an einer Stelle heißt: hinter dem verkannten Denkmal mit grünem Kleid.

Audioweg Humboldthain: Strecke, Dauer und Startpunkt

Der Audioweg der Berliner Unterwelten ist kostenlos und unter anderem über die Berlin History App abrufbar.

  • Strecke: etwa 3,5 Kilometer mit 14 Stationen
  • Hörzeit: 77 Minuten
  • Dauer: ungefähr zwei Stunden für den vollständigen Rundgang
  • Start: Brunnenstraße 105
  • Ende: Archäologisches Fenster im Humboldthain

Bei meinem Praxistest am 6. Oktober habe ich 92 Minuten gebraucht, allerdings ohne den Aufstieg zum Flakturm. Wer die gesamte Strecke zurücklegen möchte, sollte entsprechend mehr Zeit einplanen.

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Kommentar

  1. Avatar von Thommi
    Thommi

    Lieben dank,Dominique!

    Thommi

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