Zu viel Stadt tut nicht gut. Dass es zum Ausgleich Grün braucht, merkten die Menschen schon, als die heutigen Großstädte noch klein waren. Im Jahr 1876 wurde der Humboldthain fertiggestellt – 150 Jahre Naherholung für alle.
Oberbürgermeister Karl Theodor Seydel wollte in dem 1861 von Berlin eingemeindeten Wedding einen zweiten Berliner Volkspark. Dort sollte die dichtgedrängte Bevölkerung Gelegenheit bekommen, „an dem Anblick von Gottes schöner Natur den Geist von der Noth des Lebens zu erheben und neue Kraft und Lust zur Arbeit sich zu gewinnen“. Was heute selbstverständlich scheint, nämlich ein Park für jedermann, das wurde damals als neue Idee durchgeboxt.
Landschaftsarchitekt Gustav Meyer entwarf den Plan für den künftigen Nordpark, wie man damals noch sagte. Die Stadt änderte den Plan leicht. So strichen die Verantwortlichen den Bau von Villen entlang der Brunnenstraße. Der Sportplatz (in damaliger Sprache Spielplatz) sollte keine Eisbahn erhalten. Und der Park sollte „an den verkehrsreichen Punkten durch eiserne Gitter bewährt werden“.
1869 legte Berlin den Grundstein für den neuen Volkspark. Ja, es war ein Grundstein und nicht etwa ein Grundbaum. Anlass war der 100. Geburtstag des Naturforschers Alexander von Humboldt am 14. September 1869. Interessant ist dabei vielleicht, dass die städtische Feier auf einer über 30 Hektar großen Brache stattfand. Das heißt quasi im Nichts.

Ein Park als botanisches Klassenzimmer
Dass der Hain als eine Lehrstube für jedermann gedacht war, verraten die Lagepläne der Anfangsjahre. So gibt es eine Einteilung nach den Kontinenten Europa, Asien und Amerika. Und es gibt Zonen, die als „wärmere“, „kältere“, „subtropische“ und „arktische“ bezeichnet werden. Denn es sollte nicht nur eine botanische Abteilung im Park geben, „sondern es sollen auch alle im Freien ausdauernden exotischen Gehölzarten zu den Anpflanzungen verwendet, mit wissenschaftlicher Bezeichnung versehen, und nach ihrer geographischen Verbreitung aufgestellt werden“.
Bewegte Zeiten im Volkspark
Bereits ab 1872 soll der Hain nutzbar gewesen sein. 1876 wurde er schließlich fertiggestellt. Wobei die Bezeichnung fertig natürlich relativ ist, denn immer findet sich etwas, was noch hinzugefügt werden könnte. So wurden in den 1880er Jahren Gewächshäuser gebaut. 1888 wurde aus großen Findlingen ein Erinnerungsort für Alexander von Humboldt geschaffen (im Krieg zerstört). Im Jahr 1893 schaute das Kaiserpaar vorbei, um die ursprüngliche Himmelfahrtkirche an der Brunnenstraße einzuweihen.

Zu Lehrzwecken wurde ein Freilandvivarium, also eine Anlage für Reptilien und Amphibien wie Eidechsen, Schlangen und Frösche, aus Steinen und mit Wasserlauf errichtet. Ebenfalls Lehrzwecken diente die 1894/95 errichtete geologische Wand. Sie wurde 1912 nach Blankenfelde versetzt und steht heute im Botanischen Volkspark Blankenfelde-Pankow.


In Summe kann man sagen, dass der Volkspark im 19. Jahrhundert eine Art Naturkundemuseum unter freiem Himmel war. Zu einer Zeit, als viele Menschen nur begrenzten Zugang zu Bildung hatten, kann dieser Ansatz der Volksbildung nicht hoch genug eingeschätzt werden.
Ein Rosengarten und ein weißer Stier
Im Jahr 1901 wurde im südlichen Teil des Parks an der heutigen Gustav-Meyer-Allee ein Rosengarten angelegt. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand der Schmuckgarten neu – an seinem heutigen Standort nahe dem Bahnhof Gesundbrunnen.

Als Schmuckelement kam 1901 die Marmorskulptur „Der weiße Stier“ von Ernst Moritz Geyger hinzu. Er war lange ein beliebter Treffpunkt im Volkspark. Der Stier wurde in den letzten Kriegstagen des Zweiten Weltkriegs umgeworfen und verschüttet. Erst 2022 kam er wieder ans Tageslicht. Den Anstoß zu einer Suchaktion des Vereins Berliner Unterwelten gab 2021 ein Artikel des Brunnenmagazins über den verlorenen Stier – inklusive Gedicht.

In den 1920er Jahren wurden am Sportplatz Umkleidehäuschen errichtet. Ein Planschbecken kam hinzu. 1930 zog die Skulptur „Jagende Nymphe“ (Diana mit den Windhunden) vom Pariser Platz in den Hain.
Berge, Brunnen und Ruhe
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Volkspark ein zweites Mal von Grund auf neu angelegt. Gewissermaßen als Humboldthain 2.0. Der Weddinger Gartenamtsleiter Günther Rieck entwarf den Plan zum Wiederaufbau. Schon 1948 startete die Bepflanzung. Dabei war keine Kopie des ursprünglichen Hains möglich, weil in der NS-Zeit zwei raumgreifende Hochbunker gebaut worden waren. Diese wuchtigen Betontürme wurden ganz oder teilweise gesprengt und durch Trümmeraufschüttungen zu den zwei Bergen, die heute zum Volkspark gehören.

Wer heute dem Original von 1869 nah sein möchte, kann in der Gustav-Meyer-Allee durch die Kastanienallee wandeln oder im Sommerbad den Wall begutachten, der den ursprünglichen Sport-Spielplatz einfasste.
Aber vielleicht ist es auch müßig, das Original ausmachen zu wollen. Der Humboldthain ist ein lebender Park: Stets kam etwas hinzu, und immer wieder wurde auch etwas entfernt.
In den 1950er Jahren wurde das Sommerbad neu errichtet.

Die ursprüngliche Himmelfahrtkirche wurde abgerissen und eine sogenannte Notkirche des Architekten Otto Bartning an der Gustav-Meyer-Allee gebaut. Zu Ehren Alexander von Humboldts wurde eine Stele aufgestellt. Das Wasserspiel wurde 1981 angelegt. Das Wasser fließt aus einer Halbkugel in ein künstlich angelegtes, geschwungenes Rinnsal. Im gleichen Jahr wurde der Abenteuerspielplatz eingeweiht. Seit 1995 steht der Humboldthain als Gartendenkmal unter Denkmalschutz.
Eigentlich ist es erstaunlich, dass es in den letzten Jahrzehnten ruhig um den Humboldthain geworden ist. Größere Umgestaltungen blieben aus. Doch aus der Geschichte wird deutlich: Der Volkspark ist nicht in Stein gemeißelt. Bei einem Stück Stadtnatur liegt Wandel in der Natur der Sache. Der Ursprungsgedanke bleibt erhalten: ein Park für jedermann.
Weiterlesen: Wer die Geschichte des Humboldthains bei einem Spaziergang entdecken möchte, kann dafür den neuen Audioweg durch den Humboldthain nutzen.

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