Meistens in Jeans, manchmal im Talar – Abschied von Thomas Jeutner

Ich traf Thomas Jeutner in den vergangenen Jahren immer wieder. In der Waschküche, am Roggenfeld an der Bernauer Straße, bei Veranstaltungen an der Kapelle der Versöhnung, im NiemandsLand. Manchmal sehe ich ihn mit dem Fahrrad zum Gemeindebüro fahren oder ins Gespräch vertieft in einem Café am Nordbahnhof. Wir grüßen uns kurz und ziehen unserer Wege.

Überrascht bin ich trotzdem jedes Mal ein wenig, wenn Thomas im schwarzen Talar vor mir steht und zu predigen beginnt. Dann denke ich: Stimmt, Thomas ist ja Pfarrer. Denn sonst kenne ich ihn vor allem in Jeans. Er könnte genauso gut Sozialarbeiter oder Journalist sein. Und Journalist ist er ja auch mal gewesen.

Jetzt verabschiedet er sich. Nach 13 Jahren als Pfarrer der Versöhnungsgemeinde, die heute zur Evangelischen Gemeinde am Gesundbrunnen gehört, wird Thomas Jeutner am Sonntag in einem Gottesdienst entpflichtet. Und ich merke, dass mir der Gedanke an seinen Abschied immer wieder durch den Kopf geht.

Einer, der die Menschen ans Mikro holt

Neulich wurde in der Waschküche Geburtstag gefeiert. Seit fünf Jahren gibt es den Nachbarschaftstreff im Brunnenviertel, den die Kirchengemeinde betreibt. Thomas moderierte gemeinsam mit Koordinatorin Heike Mohaupt. Beide trugen weiße T-Shirts mit dem Waschküche-Logo. Thomas hatte ein Mikrofon in der Hand. Aber er nutzte es nicht, um selbst lange zu reden. Er holte andere nach vorn. Immer wieder. Was machst du hier in der Waschküche? Was ist deine Aufgabe? Irgendwann war ich dran und sollte etwas über das Brunnenmagazin erzählen.

Thomas Jeutner und Waschküche-Koordinatorin Heike Mohaupt
Thomas Jeutner und Waschküche-Koordinatorin Heike Mohaupt beim fünften Geburtstag des Nachbarschaftstreffs im Brunnenviertel. Foto: Hensel

Das ist etwas, das ich mit Thomas verbinde. Seine Wertschätzung geht über das übliche „Ich danke unseren Partnern“ hinaus. Er lässt die Menschen selbst sprechen. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum ich Thomas sofort mochte. Vielleicht liegt es auch daran, dass er selbst Journalist war. Er hat lange bei einer Kirchenzeitung gearbeitet. Wenn ich ihn um ein Zitat oder einen kurzen Text bitte, weiß er sofort, was ich brauche. Und er hat nie gezögert, eine Kiezveranstaltung der Bürgerredaktion oder des Stadtteilvereins in seinem E-Mail-Newsletter zu verbreiten. Viele Worte waren nie nötig, damit eine Veranstaltung dort hineinkam.

Thomas hat sogar selbst für das Brunnenmagazin geschrieben. In seiner Weihnachtsgeschichte erzählte er von Menschen im Brunnenviertel. Für „Treppen, Flure, Freundlichkeit“ fuhr er mit dem Fahrrad durch den Ackerkiez, verteilte Gemeindebriefe und schrieb über die Begegnungen an den Wohnungstüren.

Einmal trafen wir uns zu einem schwierigen Hintergrundgespräch über die Zukunft der Stephanuskirche. Eigentlich wollte die Kirche zu dem Zeitpunkt keine Presse. Der Fall war kompliziert, doch ich hatte Fragen. Dass dieses Gespräch trotzdem zustande kam, hatte viel damit zu tun, dass wir uns schätzen. Thomas wusste, dass ich Journalistin bin und meine Arbeit machen muss. Und ich wusste, dass er nicht alles sagen konnte.

Wenn Thomas im Talar vor mir steht

Ich selbst bin nicht religiös und gehe normalerweise nicht in die Kirche. Trotzdem habe ich Thomas auch mehrfach im Gottesdienst erlebt. Zum Beispiel an Pfingsten, als die Himmelfahrtkirche ihren 75. Geburtstag feierte. Thomas stand vorn im Talar und predigte. Ich erinnere mich daran, weil seine Predigt sehr persönlich und lebensnah war. Er erzählte auch von sich selbst. Später zeigte er mir einen alten Taufschein einer Frau, die in der Himmelfahrtkirche getauft worden war. Er wusste: Das ist nicht nur für einen Pfarrer ein tolles Dokument, sondern auch für eine Journalistin. Ich fotografierte das Dokument, und es landete in meinem Beitrag über das Jubiläum.

Historischer Taufschein aus der Himmelfahrtkirche in Berlin-Wedding
Diesen alten Taufschein aus der Himmelfahrtkirche zeigte mir Thomas Jeutner beim 75. Geburtstag der Kirche. Foto: Hensel

Auch in der Kapelle der Versöhnung habe ich Thomas als Pfarrer erlebt. Anfang 2025 saß ich dort beim Gottesdienst zum Gedenken an die Sprengung der alten Versöhnungskirche vor 40 Jahren. Die Geschichte dieses Ortes hat Thomas während seiner Amtszeit intensiv beschäftigt. Und ich bin gern seiner Spur gefolgt und habe im Brunnenmagazin über diesen Teil der Kiezgeschichte berichtet.

Seine Gemeinde ist keine Gemeinde wie jede andere. Die Kapelle der Versöhnung steht auf dem ehemaligen Todesstreifen, mitten in der Gedenkstätte Berliner Mauer. Menschen aus aller Welt kommen hierher. Ehrenamtliche Kirchenhüterinnen sorgen dafür, dass diese Menschen einen Ansprechpartner haben. „Wenn in der Saison 1000 bis 2000 Menschen pro Tag an die Kapelle kommen, dann brauchst du kein Schild. Dann brauchst du einen Menschen als Willkommensgruß an diesem besonderen Ort“, sagt Pfarrer Jeutner als ich ihn fragte, warum es ein ehrenamtliches Kirchenhüterteam gibt. Die Kapelle ist international besuchter Gedenkort und gleichzeitig Gemeindekirche für Menschen aus dem Kiez.

Thomas selbst beschreibt diese beiden Seiten seines Amtes rückblickend sehr ähnlich: Auf der einen Seite stand für ihn der Erinnerungsort, auf der anderen die Seelsorge und das Gemeindeleben im Kiez. Dazwischen gibt es das Roggenfeld, die Kapellengespräche über aktuelle Themen – zuletzt war ich bei einem über Gott und soziale Medien – und das NiemandsLand.

Ein Garten zwischen zwei Welten

Im Gemeinschaftsgarten an der Bernauer Straße traf ich Thomas vor einigen Tagen noch einmal. Es war wunderschönes Wetter, wir saßen mitten im Grünen. Wir wollten beide etwas voneinander. Thomas wollte mich dafür gewinnen, im November eine Veranstaltung in der Zionskirche zu moderieren. Ich wollte ein Foto von ihm machen und ihm noch eine Frage für diesen Abschiedstext stellen.

Mich interessierte, wie er nach 13 Jahren auf die beiden Seiten der Bernauer Straße schaut: Wedding und Alt-Mitte. Was verbindet sie heute, was trennt sie? Thomas erzählte zunächst von seinem eigenen Weg. Nach der Wiedervereinigung hatte er in Mecklenburg-Vorpommern gearbeitet, später in Hamburg. Dann kam er als Pfarrer hierher. „Ich kam von trostloser Armut in ein reiches Hamburg und dann an diesen schönen Ort hier an der Bernauer Straße“, sagte er.

Als er hier anfing, habe er gedacht, die unterschiedlichen Welten auf beiden Seiten der ehemaligen Mauer müssten zusammengebracht werden. „Die Bernauer Straße ist immer noch eine kulturelle und eine Einkommensgrenze – und bis heute auch Bildungsgrenze“, sagte er. Früher habe er geglaubt, die Versöhnungsgemeinde müsse etwas tun, um diese Welten zusammenzubringen. „Das denke ich heute nicht mehr. Heute denke ich: Man muss es akzeptieren.“

Pfarrer Thomas Jeutner im Gemeinschaftsgarten NiemandsLand
Pfarrer Thomas Jeutner im Gemeinschaftsgarten NiemandsLand an der Bernauer Straße. Nach 13 Jahren verabschiedet er sich aus dem Pfarramt. Foto: Hensel

Und ausgerechnet im NiemandsLand lässt sich beobachten, wie ein Zusammenleben trotzdem funktionieren kann. 55 Beete gebe es inzwischen, erzählte Thomas, Menschen aus 20 Ländern gärtnerten hier. Menschen aus Alt-Mitte genauso wie aus dem Wedding. Die Unterschiede verschwinden im Garten nicht. Thomas findet sogar, dass man sie dort besonders gut beobachten kann. Für ihn ist der Garten eine Art Schaufenster dafür, wie unterschiedlich Menschen sind – und wie sie trotzdem einen Ort miteinander teilen können.

In einem Abschiedsinterview nennt er das NiemandsLand sein „Herzensprojekt“. Menschen mit ganz unterschiedlichen Biografien begegneten sich dort auf einem ehemaligen Todesstreifen. Für ihn ist das ein „Gleichnis. Für lebendige Versöhnung.“ Vielleicht passt das zu Thomas. Vielleicht bedeutet Versöhnung für ihn gerade nicht, dass am Ende alle gleich sein müssen.

Platz machen für die Nächsten

Thomas will sich jetzt wirklich verabschieden. Nicht ein bisschen bleiben und weiter Pfarrer sein, nur ohne Amt. Er möchte der nächsten Generation Platz machen. Einige Dinge aus seinem Berufsleben als Gemeindepfarrer will er trotzdem mitnehmen in den Ruhestand. Der Gitarrengruppe Wildkraut will er erhalten bleiben. Und er will sich weiterhin für Asyl in der Kirche engagieren. Dort arbeitet er bereits im Vorstand.

Ich weiß, dass mir Thomas fehlen wird. Die kurzen Begegnungen auf der Straße, sein Fahrrad, die Gespräche in der Waschküche oder im NiemandsLand. Vielleicht auch dieser Moment der Überraschung, wenn er plötzlich im schwarzen Talar vor mir steht und ich denke: Stimmt, Thomas ist ja Pfarrer.

Aber ich weiß auch, dass Thomas gern segelt. Wenn ich künftig an ihn denke, dann stelle ich ihn mir am Wannsee vor. Irgendwo da draußen auf einem Segelboot. Ich finde den Gedanken tröstlich.

Zum Abschied

Feierlicher Gottesdienst zur Verabschiedung von Pfarrer Thomas Jeutner: Sonntag, 4. Oktober 2026, um 14 Uhr, vor der Kapelle der Versöhnung, Bernauer Straße 4, 10115 Berlin.

Zum Weiterlesen: Im ausführlichen Abschiedsinterview „Wir reisen gemeinsam“ spricht Thomas Jeutner über seine 13 Jahre als Pfarrer, das NiemandsLand, die besondere Geschichte der Versöhnungsgemeinde und seine Pläne für die Zeit nach dem Abschied.

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Kommentar

  1. Avatar von Regine J.
    Regine J.

    Danke für diesen einfühlsamen Artikel. Mir ist Thomas Jeutner auch mehrmals begegnet. Einmal hat er mir am 13. August einen guten Platz in der Kapelle der Versöhnung zugewiesen.

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